US-Präsidentschaftswahlkampf:Linke Aktivisten lassen Clinton abblitzen

Democratic presidential candidate Hillary Clinton points to supporters as she is introduced with fellow candidates Bernie Sanders and Martin O'Malley at the 2015 Jefferson-Jackson Dinner in Des Moines, Iowa

Hillary Clinton beim "Jefferson Jackson Dinner" in Iowa.

(Foto: REUTERS)

Obwohl sich die Ex-Außenministerin in Iowa eindeutig zu progressiven Inhalten bekennt, feiern die Demokraten ihren Konkurrenten Bernie Sanders. Er wirft Clinton fehlende Prinzipien vor - und stellt sich in eine Reihe mit Obama.

Von Matthias Kolb, Des Moines

Der Vorwahlkampf der Demokraten scheint entschieden. Das Establishment unterstützt Hillary Clinton, die erfahrene Außenpolitikern. Ihr Herausforderer ist ein Senator, der gegen Lobbyisten in Washington kämpfen und den Einfluss der Banken begrenzen will - und dessen Anhänger davon begeistert sind. Polit-Analysten sind sich trotzdem sicher: Als sich die Demokraten in Iowa zum "Jefferson Jackson Dinner" in Des Moines, Iowa, treffen, kann Clinton nur noch an sich selbst scheitern.

So war die Ausgangslage am 11. November 2007, als Barack Obama mit einer ebenso kämpferischen wie pathetischen Rede Hunderte Aktivisten und Tausende Wähler begeisterte und so den Grundstein für seinen späteren Sieg legte. Knapp acht Jahre später ist die Lage ähnlich: Die 67-jährige Hillary Clinton scheint unbesiegbar nach einer erfolgreichen TV-Debatte, dem Nicht-Antreten von Joe Biden und einer guten Leistung in der Anhörung vor dem Bengasi-Sonderausschuss.

Weil in Iowa alle vier Jahre der Vorwahlkampf beginnt, touren die Kandidaten monatelang durch den Agrar-Staat im Mittleren Westen. Daher kommt dem "J J Dinner", das in diesem Jahr genau 100 Tage vor dem caucus veranstaltet wird, besondere Bedeutung zu, was Hillary Clinton aus schmerzhafter Erfahrung weiß. Im Vergleich zu 2007 tritt sie deutlich selbstbewusster auf, doch obwohl sie sich klar zu progressiven Werten bekennt, begeistert sie als letzte Rednerin vor allem ihre eigenen Anhänger.

Clinton will Waffengesetze verschärfen und für Frauenrechte kämpfen

Die 67-Jährige trägt eine knallrote Jacke, als sie zu "Roar" von Popstar Katy Perry (sie hatte Stunden vorher für Hillary gesungen) die Bühne betritt. Anders als Bernie Sanders vor ihr fordert sie strengere Waffengesetze und attackiert die NRA-Lobby. Clinton beklagt Polizeigewalt und die übervollen Gefängnisse - und spricht als einzige den Slogan "Black Lives Matter" aus.

In ihrer halbstündigen Rede kündigt sie an, mindestens so fortschrittlich zu sein wie Obama: Wie er will sie notfalls per Dekret dafür sorgen, dass mehr illegal Eingewanderte in den USA bleiben, arbeiten und studieren können. Sie will den Einfluss anonymer Großspender begrenzen - notfalls mit einem neuen Verfassungszusatz.

Clinton attackiert die Republikaner: Es gehe nicht darum, "Amerika wieder großartig zu machen", wie Donald Trump verspreche. Das sei unnötig: "Amerika ist großartig. Wir müssen dafür sorgen, dass es fairer zugeht." Daher bräuchten die USA höheren Mindestlohn sowie Mutterschutz und bezahlten Urlaub für die Angestellten.

Die konservativen Kandidaten würden wohl alle "in eine Zeitmaschine" gesteckt, spottet Clinton. Anders sei es nicht zu erklären, dass alle den Klimawandel leugnen, weiter für Steuerkürzungen und "weniger Staat" werben würden und Frauen sowie Homosexuellen vorschreiben wollten, was diese zu tun hätten. Klar bekennt sie sich zum Recht auf Abtreibung: "Die Republikaner werfen mir vor, die Frauenkarte zu ziehen. Wenn sie damit die Forderungen meinen, dass Frauen für gleiche Arbeit den gleichen Lohn erhalten und Kinderbetreuung bezahlbar sein soll, dann ziehe ich stolz diese Karte."

Hillary Clinton, die in der jüngsten Umfrage in Iowa mit 48 zu 41 Prozent führt, verzichtet weitgehend auf Attacken gegen den selbsternannten Sozialisten Sanders. Sie betont lediglich, dass sie es als First Lady und Senatorin geschafft habe, mit den Republikanern sinnvolle Gesetze zu verabschieden. Die Rede wird regelmäßig von Sprechchören unterbrochen: Ihre Kampagne bezahlt allein in Iowa 125 Mitarbeiter, die zu "I stand with her"-Rufen auffordern.

Gewiss: Die 67-Jährige sagt, was die knapp 6000 Zuhörer - zum "J J Dinner" gehen nur überzeugte Demokraten - hören wollen. Doch jener Teil der Halle, in dem die Sanders-Fans sitzen, ist bei ihrer Rede höchstens zur Hälfte gefüllt. Sie erwarten wenig von Clinton - oder sind erschöpft vom Schreien und Trampeln.

Wieso Sanders viele begeistert - und nun Clinton attackiert

Stundenlang tönten Rufe nach "Bernie Bernie" und "Not for sale"-Forderungen durch die Halle. Sanders beschäftigt 67 Wahlkampf-Mitarbeiter in Iowa, die viele Aktionen für das "J J Dinner" organisiert haben. Doch trotz der minutiösen Planung ist unüberhörbar: Der 74-jährige Senator aus Vermont löst echte Begeisterung aus. "Ich unterstütze ihn, weil er seit Jahrzehnten für die gleichen Ideen eintritt", schwärmt die 23-jährige Studentin Michelle. Hillary Clinton gebe sich jetzt nur progressiv, weil ihr Bernies Erfolg Angst mache.

Democratic Presidential Candidates Attend Iowa Jefferson-Jackson Dinner

Bernie Sanders ist bei den Demokraten der einzige ernstzunehmende Kontrahent von Hillary Clinton.

(Foto: AFP)

Sanders verspricht nicht weniger als eine linke Revolution und so erklimmt er die Bühne zum Song "The Revolution starts now" von Steve Earle, den auch die "Occupy Wall Street"-Bewegung nutzte. Er wirbt für einen Mindestlohn von fünfzehn Dollar, Investitionen in Infrastruktur und erneuerbare Energien - und dafür, dass Banken und Großunternehmen durch höhere Steuern "ihren fairen Anteil bezahlen". Wer seinem Slogan "Genug ist genug" zustimme, der solle sich ihm anschließen.

Mit diesen Forderungen hat Sanders zuletzt bis zu 25 000 Zuhörer zu seinen Events gelockt, doch an diesem Abend sind neue Töne zu hören: Der 74-Jährige attackiert Hillary Clinton in unbekannter Schärfe. "Ich werde getreu meiner Prinzipien regieren und nicht nach den Umfrageergebnissen", brüllt er und zitiert damit fast wörtlich einen Obama-Satz von 2007.

Dann rattert er herunter, was ihn von Clinton unterscheidet: Schon in den Neunzigern habe er für die Rechte von Homosexuellen gestimmt, während Präsident Bill Clinton den "Defence of Marriage Act" unterschrieben habe. Er habe 2002 gegen den Irak-Krieg votiert - anders als die New Yorker Senatorin Hillary. Sie habe für die Interessen der Wall-Street-Banken gekämpft, während er deren Einfluss beschneiden wollte. Als er ausruft, dass er 1994 gegen das Nafta-Freihandelsabkommen mit Mexiko und Kanada gestimmt hat, explodiert die Halle. Deswegen lehne er das neue TPP-Abkommen ab, das Clinton als Außenministerin noch zum "Goldstandard" erhoben habe.

"Auch Obama galt als unwählbar"

Eindeutig versucht Sanders, den an der Basis noch immer beliebten Präsidenten Obama zu vereinnahmen: "Vor acht Jahren gab es einen Kandidaten, den die Experten für unwählbar hielten. Heute sitzt er im Weißen Haus." Er brauche die Menschen in Iowa, um "erneut Historisches leisten" zu können. Stolz erinnert Sanders daran, dass ihn allein in Iowa 7000 Freiwillige unterstützen und kein Kandidat von so vielen Menschen Spenden bekommen hat - im Schnitt 30 Dollar. Er benötige kein nebulöses "Super Pac", in das Firmen, Lobbyisten und anonyme Spender einzahlen könnten.

Auch Sanders teilt aus gegen die Republikaner: Es sei beschämend, dass diese wissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren und den Klimawandel leugnen würden. "Sie nehmen lieber Millionen von den konservativen Koch-Brüdern anstatt den Planeten für unsere Kinder zu retten", schimpft Sanders. Doch es ist klar, dass er sich heute vor allem von der Top-Favoritin Hillary Clinton absetzen will. Sein Lob auf die eigene Prinzipientreue gipfelt im Satz: "Ich habe mich stets für die richtige Richtung entschieden, auch wenn dies nicht populär war."

Sogar Clinton-Anhänger loben Sanders

Für den dritten Kandidaten Martin O'Malley bleibt in dieser Duell-Stimmung nur wenig Platz. In seiner rhetorisch guten Rede verweist er vor allem auf seine Erfahrung als Gouverneur: Marylands öffentliche Schulen seien die besten des Landes, der Mindestlohn sei erhöht und die Waffengesetze verschärft worden. Entsprechend lautet O'Malleys Slogan "Action, not words", doch der Funke springt nicht über. Seine Umfragewerte dürften wohl einstellig bleiben.

Typisch ist die Reaktion der Rentnerin Effie Hall, die in der Kleinstadt Grinnell wohnt. Sie mag O'Malley, doch sie hält weiterhin zu Hillary Clinton, die sie für die kompetenteste Kandidatin hält: "Niemand hat mehr Erfahrung." Hall hat Clinton bereits 2008 unterstützt, doch nun trete die Ex-Außenministerin selbstbewusster und zugleich staatstragender auf. Hall glaubt fest daran, dass von Januar 2017 an eine Frau im Weißen Haus regieren wird.

Doch auch ihre Augen leuchten, wenn sie von Bernie Sanders spricht: "Er verkörpert die richtigen Überzeugungen und ist enorm glaubwürdig. Es ist toll, dass wegen ihm über mehr soziale Gerechtigkeit diskutiert wird und sich viele junge Leute engagieren." Sie hoffe nur, dass sich die Hardcore-Sanders-Fans auch dann weiter engagieren, wenn Hillary Clinton zur Präsidentschaftskandidatin gekürt werde.

Für Studentin Michelle besteht daran kein Zweifel: "Ich will mir nicht vorstellen, wie es ist, wenn ein Republikaner Präsident wird. Ich würde den Gedanken nicht ertragen, dass dies geschieht, ohne dass ich meine Stimme einem Demokraten gegeben habe." Ihre Freunde, die alle an ihren Universitäten für Sanders werben, nicken heftig.

Insofern ist es für Hillary Clinton doch nicht so schlimm, dass viele linke Aktivisten sie weiterhin abblitzen lassen - und weiter Bernie Sanders als das Original ansehen und ihn zum Sieg schreien wollen.

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