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US-Präsidentschaftswahl:Umfragen beweisen: Donald Trump schadet sich selbst

Drei Monate vor der Wahl liegt der Republikaner plötzlich klar zurück. Trumps Verhalten irritiert auch die Wähler in wichtigen "swing states" - doch seine Gegnerin bleibt verwundbar.

Spätestens am Freitag ging es nur noch darum, welches Adjektiv die Woche des Republikaner-Kandidaten Donald Trump am besten bilanziert. Die Polit-Website The Hill wählte "brutal", die kanadische Zeitung Globe and Mail entschied sich für "schlecht", Fox News für "schwierig" und der britische Telegraph für "verhängnisvoll". Der für Superlative bekannte Chris Cillizza schrieb von "Donald Trumps absolut schrecklichster Woche".

Cillizza bloggt für die Washington Post und deren aktuelle Umfrage belegt das Geraune über Trumps "desaströse Woche" mit Zahlen. Hillary Clinton führt nun mit acht Punkten vor Trump (50 zu 42); genauso groß ist der Vorsprung (45 zu 37), wenn nach dem Libertären Gary Johnson und der Grünen Jill Stein gefragt wird. Die Daten-Nerds von New York Times und FiveThirtyEight geben Trumps Siegchancen mit 17 beziehungsweise 24 Prozent an.

Clinton (blau) und Trump (rot) in landesweiten Umfragen:

Der Geschäftsmann ist selbst schuld, dass er von seinem Umfrage-Hoch nach dem Parteitag abgestürzt ist. Selten hat sich ein Politiker in so kurzer Zeit so oft selbst geschadet (self-inflicted wounds ist die entsprechende Floskel). Dass Clinton unwahre Dinge über ihre E-Mails behauptete und das US-Wirtschaftswachstum strauchelt - darüber wurde nicht geredet, weil Trump über Atomwaffen schwadronierte, über weinende Babys klagte oder sich weigerte, zur Wahl der Spitzen-Republikaner Paul Ryan und John McCain aufzurufen.

Überwältigende Mehrheit steht auf Seiten der Soldaten-Eltern Khan

Am schlimmsten für sein Image sind die Angriffe auf die Eltern des getöteten US-Soldaten Humayun Khan, die Trump auf dem Demokraten-Parteitag für dessen muslimfeindliche Rhetorik kritisiert hatten. Anstatt abgeklärt ("ich leide mit Ihnen") zu reagieren, beleidigte Trump tagelang das Ehepaar (hier, hier und hier bei SZ.de).

Wie die US-Wähler Trumps Verhalten finden, ist klar: Laut Washington Post und ABC News missbilligen 74 Prozent aller Befragten und auch eine Mehrheit der Republikaner seinen Umgang mit den Khans, den er mit "Ich wurde attackiert, also wehre ich mich" rechtfertigt. Entschuldigt hat er sich bis heute nicht.

Vor der Analyse, wie schlecht Trumps Chancen fürs Weiße Haus stehen, seien zwei Punkte betont: Bis zur Wahl am 8. November gibt es nur noch die drei TV-Debatten, bei denen Millionen US-Bürger zusehen und sich in ihrer Meinung beeinflussen lassen. Der 70-Jährige startet mit einem Rückstand, der sich vor dem ersten TV-Duell Ende September bestenfalls verringern lässt.

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Die Demokraten sind wegen der Bevölkerungsstruktur ohnehin im Vorteil und liegen in vielen "swing states" vorne. Dies illustriert auch der SZ-Wahlsimulator, mit dem sich der Einfluss der Resultate in Florida, Ohio oder Virginia auf das Gesamtergebnis durchspielen lässt (wie er funktioniert, wird am Ende des Texts und hier erklärt).

Hinzukommen diese (mindestens) sieben schlechten Nachrichten für Trump:

Trump liegt in fast allen "swing states" hinten. In New Hampshire führt Clinton mit 15 Prozentpunkten, in Pennsylvania sind es elf Punkte. In Florida, wo der Immobilienmogul unbedingt gewinnen muss, hat Trump sechs Punkte Rückstand. Wie Politico berichtet, ist das Clinton-Team so siegessicher, dass es momentan keine TV-Clips in Virginia und Colorado ausstrahlt.

Ein Prozent? Oder doch zwei? Schwarze Wähler ignorieren Trump. Bei NBC News führt Clinton mit 91 zu einem Prozent unter Afroamerikanern; laut McClatchy sind es 93 zu zwei Prozent. Selbst wenn Trumps Unterstützung unter schwarzen Wählern bei vier Prozent liegt (diesen Wert ermittelte Fox News diese Woche), wäre das noch schlechter als Mitt Romney 2012.

Bei Millennials liegt er auf Platz vier. Aus den vielen Teil-Ergebnissen der Umfragen, die nach den Parteitagen erschienen, sticht dieser Wert hervor: Bei Wählern unter 30 landet Trump mit neun Prozent abgeschlagen hinter den Bewerbern der Kleinstparteien. Clinton führt mit 41 Prozent vor dem Libertären Gary Johnson und der Grünen Jill Stein (23 bzw. 16 Prozent).

Abgeordnete arbeiten an "Anti-Trump"-Plänen. Wie groß die Panik unter konservativen Abgeordneten ist, zeigen Berichte über "Plan B"-Szenarien. Die New York Times zitiert diverse Spender und Politiker, die überlegen, wann der beste Zeitpunkt ist, mit Trump zu brechen, um die Wiederwahl oder die Mehrheit im Kongress zu retten. Und Trump-Rivalen wie Ohios Gouverneur John Kasich oder Arizonas Senator Jeff Flake sagen genüsslich, dass der Geschäftsmann nach jetzigem Stand in ihren Bundesstaaten chancenlos sei.

Prominente Republikaner sammeln Spenden für Clinton. Meg Whitman war einst Chefin bei Hewlett-Packard, wollte Gouverneurin in Kalifornien werden und sammelte 2012 Millionen für Mitt Romney. Nun sagt sie: "Ich werde für Hillary Clinton stimmen und meine Freunde bitten, ihr Geld zu spenden." Zur langen Liste prominenter Republikaner, die Clinton für das kleinere Übel halten, gehört auch Sally Bradshaw, einflussreiche Beraterin von Jeb Bush.

Das Thema Atomwaffen-Tauglichkeit funktioniert. Beim Parteitag in Philadelphia lästerte Hillary Clinton: "Einem Mann, der sich von einem Tweet aus der Fassung bringen lässt, kann man keine Atomwaffen anvertrauen." Diese Frage beschäftigt seither viele - und die Umfrage-Ergebnisse sind momentan eindeutig: Die Amerikaner halten den Republikaner für fähiger, die IS-Miliz zu bekämpfen - doch die Demokratin hat einen 22-Prozentpunkte-Vorsprung, wenn es darum geht, wer über die Codes für die Atomwaffen verfügen soll. Kein Wunder, dass Clintons Team entsprechende Clips produzieren lässt.

Fragen zu Trumps Vergangenheit bleiben. Zu den aus Trumps Sicht negativen Begleiterscheinungen der Khan-Kontroverse gehört, dass viele Wähler nun wissen, wie sich der Geschäftsmann vor dem Militärdienst drückte. Dass er seine Steuererklärung nicht veröffentlicht, weckt Zweifel, ob Trump wirklich Milliardär ist - und es gibt keine Belege, dass Ehefrau Melania (ja, die mit der abgekupferten Rede) nicht wie viele Models zu Beginn ihres Aufenthalts in New York illegal arbeitete. Die Fragen der Medien gehen weiter.