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US-Präsidentschaftswahl:Das Townhall-Format, die Moderatoren und offene Fragen

Mitgefühl und Alltag: Das Townhall-Format ist für beide schwierig. Dieses Mal stehen Trump und Clinton nicht hinter Pulten, sondern sitzen auf Stühlen inmitten des Publikums. Wenn ein Kandidat also permanent mit dem Fuß wippt oder Grimassen schneidet, wird das sofort bemerkt. Al Gore kam 2000 George W. Bush auf der Bühne oft zu nahe - dies gefiel vielen Wählern nicht. Und als Präsident Bush 1992 auf seine Armbanduhr schaute, war das für viele der Beleg, dass er den Dialog mit Wählern für Zeitverschwendung hält.

Multimillionärin Clinton und Milliardär Trump müssen zeigen, dass sie nicht abgehoben sind. Die Fragen sind oft konkreter, etwa "Was können Sie tun, damit ich einen Job kriege", "Wie hat die Wirtschaftskrise Ihr persönliches Leben verändert?" oder sogar "Wie viel kostet eine Gallone Benzin?" Der Ablauf ist unberechenbar und schnell entsteht ein Patzer, der zum Internet-Mem wird.

Mitgefühl zu zeigen ist also wichtig, und das ist nicht die Stärke der historisch unpopulären Kandidaten. Dass Clinton Dutzende Townhalls absolviert hat, ist ihr Vorteil; es ist Trump, der sein Image korrigieren und aktiv sein muss. Die Fragen der Bürger sollten die Kandidaten ernsthaft beantworten und nicht nach Sekunden das Thema wechseln und den Gegner attackieren. Moderatoren kann man ignorieren - das Publikum verdient Respekt.

Außenpolitik-Expertin und schwuler Superstar: Das sind die Moderatoren. Erneut dauert die Debatte 90 Minuten ohne Werbepausen, doch nun führen zwei Journalisten durch den Abend. Martha Raddatz ist die Chef-Auslandskorrespondentin des Senders ABC und moderiert regelmäßig die Sonntagstalkshow "This Week". Die 63-Jährige leitete die Vize-Debatte 2012 äußerst souverän. Sie hat Trump mehrmals interviewt und scheute schon im Sommer 2015 nicht vor deutlicher Kritik zurück.

Mit CNN-Star Anderson Cooper moderiert erstmals ein Homosexueller eine Präsidentendebatte. Auch Cooper hat beide Kandidaten oft interviewt und dem Republikaner "kindisches Verhalten" attestiert (Trump rechtfertigte Attacken auf Ted Cruz' Ehefrau mit den Worten "Er hat angefangen"). Der 49-Jährige moderiert jeden Abend die Sendung "360°", die weltweit zu sehen ist. Cooper ist Sprössling der Industriellen-Familie Vanderbilt und veröffentlichte mit seiner Mutter Gloria in diesem Jahr einen Bestseller.

Raddatz und Cooper stehen vor einer ähnlichen Herausforderung wie Lester Holt bei der Premiere 2016: Sie müssen und sollen die Aussagen von Trump und Clinton überprüfen, ohne als parteiisch wahrgenommen zu werden. Beim Townhall 2012 geriet Candy Crowley von CNN in die Kritik, weil sie wie eine Schiedsrichterin eine Aussage von Mitt Romney über Obama korrigierte.

Offene Fragen: Thematisiert Trump die Affären von Bill Clinton?

An sich sollten die zwei Nachrichten-Profis Publikum und Kandidaten gut unter Kontrolle halten können. Doch es ist nicht ausgeschlossen, dass Trump jede Gelegenheit nutzt, um Hillary Clinton vorzuwerfen, sie habe jahrzehntelang die Affären ihres Mannes nicht nur geduldet, sondern seine Liebhaberinnen anschließend eingeschüchtert. Sie sei also keine Feministin.

Ob sich der Republikaner entschließt, viele alte und schmutzige Details herauszuholen, ist aber ebenso ungewiss wie die mögliche Reaktion der Demokratin. Sie hält eine solche Attacke für möglich, wie ihr Top-Berater Joel Benenson dem Spiegel verriet: "Wir bereiten uns jedenfalls darauf vor. Wir wissen, dass er unberechenbar und zu allem fähig ist."

All das und die brisanten Folgen von Trumps Video sprechen dafür, dass diese Debatte an der Washington University zu jenen gehören dürfte, an die man sich in Jahrzehnten noch erinnern wird.

© SZ.de/kjan
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