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US-Präsidentschaft:Die Gesellschaft spalten, um zu siegen

Donald Trump

Stellt sich im US-Wahlkampf breitbeinig vor die Polizei: Donald Trump

(Foto: AP)

Eine der Bruchlinien im US-Wahlkampf verläuft zwischen Schwarzen und Weißen. Die Kandidaten Clinton und Trump setzen deshalb voll auf Polarisierung. Das zeigt sich auch nach dem Angriff auf Polizisten in Dallas.

Am Samstag lagen sie wieder da, als seien sie tot, niedergestreckt von Polizeikugeln. Eine Handvoll Angehörige der Black-Lives-Matter-Bewegung, die die Polizeigewalt in Amerika gegen Schwarze anprangert, hatten sich für eine Viertelstunde auf die Stufen des Lincoln Memorials in Washington gelegt, Tücher auf den Gesichtern, zwischen Hunderten Touristen, eine stille, kurze Demonstration. Und eine trotzige Geste: Wir hören nicht auf.

Auch wenn ein selbsternannter schwarzer Rächer in Dallas gerade fünf weiße Polizisten ermordet hat, wollen die Aktivisten weiter gegen die alltägliche Polizeibrutalität protestieren, unter der vor allem Schwarze leiden. "Schwarze Leben zählen" - diese Botschaft gilt für sie auch nach Dallas. Immerhin ist es auch erst ein paar Tage her, dass im Bundesstaat Louisiana Alton Sterling und in Minnesota Philando Castile starben, zwei Schwarze, ohne erkennbare Gründe erschossen von weißen Polizisten. Sterling war das 135., Castile das 136. schwarze Todesopfer bei einem Polizeieinsatz in diesem Jahr.

Doch leicht wird es für die schwarzen Aktivisten nicht werden, Verständnis bei ihren weißen Mitbürgern zu wecken. Die Morde von Dallas hätten eine Gelegenheit sein können für die Amerikaner, sich für einen Augenblick zu besinnen, die Köpfe aus ihren ideologischen Schützengräben zu heben - und vielleicht zu erkennen, dass drüben keine Feinde sitzen, sondern Landsleute, die möglicherweise auch nur etwas Gutes für ihr Land wollen, nicht dessen Untergang. So, wie es aussieht, wird Amerika diese Gelegenheit nicht nutzen.

Mit den Spannungen in den Sechzigerjahren nicht zu vergleichen

Nicht, dass es an Appellen zu Gemeinsamkeit und Versöhnung gemangelt hätte. Natürlich mahnte Präsident Barack Obama, die Tat eines Verrückten dürfe das Land nicht zerreißen. "So wollen wir als Amerikaner nicht sein", beschwor Barack Obama seine Bürger. Mit den Spannungen zwischen Schwarzen und Weißen in den Sechzigerjahren, als es massive Rassenunruhen gab, sei die heutige Lage trotz aller Probleme nicht zu vergleichen.

Ebenso beklagte Hillary Clinton, die demokratische Präsidentschaftskandidatin, die Gräben in der Gesellschaft: "Es stimmt etwas nicht mit unserem Land", beschrieb sie das Offensichtliche. Und auch der republikanische Kandidat Donald Trump, sonst nie um eine Beleidigung Andersdenkender verlegen, ließ sich eine glattgebügelte Erklärung aufschreiben, die er auf Facebook veröffentlichte. Auch er, der fleißige Spalter, jammerte darin über die Spaltung Amerikas.

Das war die Rhetorik. Dahinter gibt es die Realität, und in der tobt ein harter Wahlkampf, der - und das macht die Lage so tragisch und gefährlich - in diesem Jahr nach den Gesetzen der Spaltung funktioniert: Da weder die Demokratin Clinton noch der Republikaner Trump für die Wähler aus dem jeweils anderen Lager in irgendeiner Weise politisch attraktiv sind, sind beide darauf angewiesen, im November so viele der eigenen Anhänger zur Wahl zu bewegen wie möglich. Das bedeutet: Mäßigung, um die Wähler in der Mitte von sich zu überzeugen, ist derzeit kein Erfolgsrezept. Keiner der beiden kann glaubwürdig als der Kandidat auftreten, der - wie Barack Obama es vor acht Jahren versprochen und damit so viel Zustimmung bei den Wählern geerntet hatte - Amerika mit sich selbst versöhnen wird. Und das wiederum heißt: Hillary Clinton und Donald Trump müssen spalten, um siegen zu können.

Spielraum für versöhnende Worte eher eng

Eine der Bruchlinien, an denen entlang dieser Lagerwahlkampf stattfindet, verläuft genau da, wo sie nicht verlaufen sollte: zwischen Weißen und Schwarzen. Während die Afroamerikaner (wie auch die Latinos) mit überwältigender Mehrheit für Clinton sind, liegt Trump bei den Weißen deutlich vorn, vor allem bei weißen Männern aus der unteren Mittelschicht. Bei einem Thema, das so offensichtlich an die Hautfarbe gekoppelt ist, wie die Gewalt zwischen weißen Polizisten und schwarzen Verdächtigen, ist der Spielraum, den beide Kandidaten für versöhnende Worte haben, daher sehr eng.

Der Umgang mit den Morden von Dallas illustrierte dieses Dilemma. Clinton betonte, dass man trotz dieser abscheulichen Tat die Polizeibrutalität gegen Schwarze nicht vergessen dürfe. Sie werde als Präsidentin die Anwältin der Schwarzen sein, sie werde mit den Weißen reden, ihnen die Probleme erklären und dafür Sorge tragen, dass sich die Lage bessere, versprach Clinton - freilich ohne ins Detail zu gehen, denn natürlich weiß sie, dass der Einfluss der Bundesregierung in Washington auf die lokalen Polizeibehörden gleich null ist.

Trump schneiderte seine Botschaft ähnlich geschickt. Die Vorfälle in Minnesota und Louisiana, die den Attentäter von Dallas nach dessen Angaben zu seiner Bluttat motiviert hatten, nannte er in seinen Erklärungen "tragisch". Zugleich stellte er sich breitbeinig vor die Polizei. Sie sei "die Kraft, die zwischen Zivilisation und totalem Chaos steht", sagte Trump, er sei der Mann, der "Amerika wieder sicher macht". Ordnung und Sicherheit - man kann annehmen, dass das mit Bedacht gewählte Begriffe sind, die bei vielen weißen Wählern, die sich einen starken Anführer wünschen, Beifall finden, zumal wenn sie aus dem Mund des erklärten Diktatorenbewunderers Donald Trump kommen. Schwarze Männer, die aus Wut und Frustration über Diskriminierung und Demütigungen rebellieren und womöglich auf Weiße losgehen - das sei schließlich, so konstatierte am Sonntag die Washington Post, der "Albtraum des weißen Amerikas".

Auch als einige von Trumps Wahlkampf-Funktionäre begannen, die Black-Lives-Matter-Bewegung, die fast ausschließlich friedlich demonstriert, für den Anschlag von Dallas verantwortlich zu machen - ebenso Obama persönlich -, widersprach der Kandidat nicht. Er dürfte die Umfragen kennen, wonach die Bewegung von den meisten Schwarzen bewundert und unterstützt, von vielen Weißen aber immer noch mit Skepsis gesehen wird. Nach Dallas wird dieses Misstrauen wachsen. "Blue Lives Matter" ist der neue Slogan der Konservativen - blau wie das Blau der Polizeiuniformen. Einige rechte Kommentatoren bezeichnen die Black-Lives-Matter-Aktivisen bereits als "Terroristen".

© SZ vom 11.07.2016/fie

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