Süddeutsche Zeitung

US-Präsident in Selma:Obama feiert Bürgerrechtler - und preist Amerika

  • 50 Jahre, nachdem schwarze Bürgerrechtler an der Edmund Pettus Bridge in Selma niedergeknüppelt wurden, hält der erste afroamerikanische Präsident dort eine Rede.
  • Barack Obama würdigt die Bürgerrechtler als Helden und vergleicht sie mit den Gründervätern, die sich gegen die englische Bevormundung auflehnten. Es sei eines der amerikanischen Grundprinzipien, die Gesellschaft verbessern zu wollen.
  • Trotz Polizeigewalt gegen Schwarze in Ferguson und anderswo ist Obama der Meinung, dass sich vieles zum Besseren gewandelt hat.
  • Obama appelliert an das Wir-Gefühl der Amerikaner und ruft seine Landsleute dazu auf, weiter gemeinsam daran zu arbeiten, Amerika voranzubringen: "Unser Marsch ist noch nicht zu Ende".

Erinnerung an einen Wendepunkt in der US-Bürgerrechtsbewegung

Für Barack Obama ist es ein Wiedersehen mit Selma. Bereits 2007, als Kandidat für das Weiße Haus, reiste der Demokrat in jene Stadt im konservativen Alabama, deren Name für einen Wendepunkt in der US-Bürgerrechtsbewegung steht. Nun steht Amerikas erster schwarzer Präsident auf jener Brücke, über die 1965 Hunderte Afroamerikaner marschierten. Sie forderten friedlich Gleichberechtigung und das Recht, wählen zu dürfen - und wurden brutal von der lokalen Polizei verprügelt. Die Bilder schockierten die USA und die Welt.

Genau 50 Jahre nach dem "Bloody Sunday" wendet sich Obama an die Bürger eines Amerikas, das sich grundlegend verändert hat. Neben seiner Frau Michelle und den Töchtern Sasha und Malia sitzen George W. Bush mit Ehefrau Laura - andere Spitzenpolitiker der Republikaner hielten es nicht für nötig, nach Selma zu reisen. Im Hintergrund steht die Edmund Pettus Bridge, und Obama weiß, dass er ohne den Mut der Demonstranten niemals zum Präsident gewählt worden wäre.

Obama sieht Bürgerrechtler als Helden

Der US-Präsident würdigt anfangs einen Mann, den er als seinen "Helden" bezeichnet. Es ist der Demokrat John Lewis, der am 7. März 1965 über die Brücke marschiert war. Seit 28 Jahren sitzt Lewis im Repräsentantenhaus und seit 50 Jahren ziert eine Narbe seine Stirn.

Über diesen John Lewis, der direkt vor Obama sprach, sagt der US-Präsident: "In seinem Beutel befand sich ein Apfel, eine Zahnbürste und ein Buch über das Regieren - mehr braucht es nicht für eine Nacht hinter Gittern. John Lewis machte sich auf und führte die Gruppe auf ihre Mission, Amerika zu verändern." Der ständige Wunsch, sich zu verbessern, mache Amerika besonders. Dies ist die Botschaft, die sich durch Barack Obamas 32-minütige Rede zieht. Es ist eine Rede, die in Erinnerung bleiben wird - wegen ihres Optimismus, der schönen Sprache und weil sie an das "Wir"-Gefühl der Amerikaner appelliert und zur Versöhnung aufruft.

Ein Grundprinzip Amerikas: die Gesellschaft verbessern

Es sei eines der Grundprinzipien Amerikas, ständig danach zu streben, die Gesellschaft zu verbessern, sagt der US-Präsident vor 40 000 Zuschauern. Und Selma sei einer der Orte, an dem sich das Schicksal des Landes verändert habe und an dem sich der Glaube an ein besseres Amerika manifestiert habe.

Also stellt Obama die schwarzen Bürgerrechtler in eine Reihe mit den Gründervätern, die sich gegen die englische Tyrannei aufgelehnt hätten, und all den Einwanderern, die über die Ozeane und über den Rio Grande in die USA kamen, um ein besseres Leben zu finden. Auch wenn sie wenig oder nichts besaßen, sie alle glaubten an Amerika. Die Demonstranten von Selma hätten die Türen weit aufgestoßen - nicht für Schwarze, sondern für jeden US-Bürger: "Latinos, Asian Americans, Homosexuelle und Leute mit Behinderung sind durch diese Türen marschiert." Dies mache Amerika bis heute zum Vorbild für die Welt, so Obama.

Ferguson beweise nicht, dass sich nichts verbessert habe

Wie in den Monaten zuvor leugnet Obama nicht, dass es weiterhin Rassismus in den USA gebe und "der Marsch noch nicht zu Ende" sei. Doch der Tod des schwarzen Teenagers Mike Brown durch die Schüsse eines weißen Polizisten in Ferguson zeige nicht, dass sich nichts verbessert habe. Vor 60 Jahren habe es noch viel mehr Gewalt gegeben, deren Täter ungestraft blieben. Heute gebe es ein Rechtssystem, das diese Fälle untersuche. "Die Leute in Ferguson, New York und Cleveland wollen nichts anderes als die Männer und Frauen in Selma vor 50 Jahren: Gleichheit vor dem Gesetz", ruft Obama. Er setze auf die von ihm eingesetzte Kommission zur Reform des Polizeiwesens, die gerade Vorschläge vorgelegt hat.

In einer für ihn ungewohnt emotionalen Art appelliert Obama daran, den Voting Rights Act zu erneuern. Dieses Gesetz, das die Schwarzen jahrzehntelang vor Diskriminierung schützte, war 2013 vom Obersten Gerichtshof gekippt worden (Details hier). Nichts wäre besser geeignet, um die Bürgerrechtler zu ehren, so Obama, als den Voting Rights Act zu verlängern.

Und all jene, die heute die Teilnehmer des Selma-Marsches bewundern würden, sollten darüber nachdenken, wieso die Wahlbeteiligung in den USA heute eine der niedrigsten unter allen Demokratien weltweit sei. "Damals haben die Menschen ihre Würde - und manchmal ihr Leben - riskiert, damit alle ihre Stimme abgeben können. Welche Entschuldigung kann es heute geben, nicht wählen zu gehen?", fragt Obama.

In der Demokratie geht es um "Wir"

Für Obama ist die wichtigste Lehre aus dem "Bloody Sunday" von Selma jedoch eine andere: Der Marsch der Bürgerrechtler beweise, dass Amerika nicht das Projekt einer einzelnen Person sei. "Das wichtigste Wort in unserer Demokratie ist das Wort 'Wir'", ruft er. Die US-Verfassung beginne mit "We, the People" und "wir" stecke auch in dem berühmten Protest-Lied "We shall overcome". Und auch in seinem legendären Wahlslogan "Yes we can" steckt der Appell an die Gemeinschaft.

Leidenschaftlich wie lange nicht mehr erinnert der US-Präsident seine Bürger an all jene, die Amerika ebenso verbessert hätten wie die schwarzen Bürgerrechtler. Ähnlich heldenhaft seien die Pioniere gewesen, die Amerikas Westen erobert hätten - und die Soldaten, die in den Weltkriegen gekämpft hätten. Obama preist die Schwulen und Lesben, deren Blut im Kampf für Gleichberechtigung vergossen wurde. Er erinnert an Musiker, die "Gospel, Jazz, Blues, Bluegrass, Country, Hiphop und Rock 'n' Roll" erfunden hätten - und an alle Künstler und Schriftsteller, die die Mächtigen kritisieren und die unangenehmen Wahrheiten anprangern würden.

"Wir ehren diejenigen, die marschiert sind, damit wir laufen können."

Mit den Worten "Unser Marsch ist noch nicht zu Ende" kommt Obama zum Höhepunkt seiner Rede. Auch 239 Jahre nach der Gründung der USA sei das Land noch nicht am Ziel. In Anspielung auf die Präambel der Verfassung sagt Obama, dass die Lage noch nicht "perfekt" sei. Doch dank der schwarzen Bürgerrechtlern sei das Land viel weiter gekommen und die Aufgabe für die heutige Generation leichter: "Wir ehren diejenigen, die marschiert sind, damit wir laufen können." Er habe großes Vertrauen in die Jugend, die in einem Amerika aufwachse, das so bunt und vielfältig sei wie niemals zuvor. Diese Generation werde die USA weiter voranbringen, ruft Obama, bevor er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern über die Edmund Pettus Bridge geht.

Über Martin Luther King, die Ikone der Bürgerrechtsbewegung und Hauptfigur des Hollywood-Films "Selma" , spricht Obama an diesem Samstagnachmittag nur wenig. Doch es ist bekannt, dass auch King zu Obamas Helden gehört. Der 44. US-Präsident ist überzeugt, dass es auf dem beschwerlichen Weg hin zu mehr Frieden und Gerechtigkeit in Amerika und in der Welt nur in kleinen Schritten vorangehe. Dies sei auch eine Lehre aus Ferguson.

Seit Jahren bezieht sich Obama immer wieder auf ein Zitat von Martin Luther King, der 1967 gesagt hatte: "Der Bogen der Moral ist lang, aber er neigt sich der Gerechtigkeit zu." (The arc of the moral universe is long but it bends towards justice). Und die bewegende Rede des ersten schwarzen US-Präsidenten in Selma fünfzig Jahre nach dem "Bloody Sunday" symbolisiert dies: Wenn Obama im Januar 2017 abtritt, hat er das Land verändert - allein, weil junge Schwarze an seinem Beispiel sehen, was möglich ist.

Diese Entwicklung war nur möglich dank des Muts von John Lewis, Dianne Nash, Andrew Young, Amelia Boynton und Martin Luther King, den Helden von Selma.

Linktipps:

  • Die Rede von Barack Obama ist hier nachzulesen.
  • Die Reporter-Legende Guy Talese berichtete für die New York Times 1965 aus Selma. In diesem Text schreibt er, wie sich die Stadt - und die USA - in den letzten 50 Jahren verändert hat.

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