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US-Präsident in Selma:Ferguson beweise nicht, dass sich nichts verbessert habe

Wie in den Monaten zuvor leugnet Obama nicht, dass es weiterhin Rassismus in den USA gebe und "der Marsch noch nicht zu Ende" sei. Doch der Tod des schwarzen Teenagers Mike Brown durch die Schüsse eines weißen Polizisten in Ferguson zeige nicht, dass sich nichts verbessert habe. Vor 60 Jahren habe es noch viel mehr Gewalt gegeben, deren Täter ungestraft blieben. Heute gebe es ein Rechtssystem, das diese Fälle untersuche. "Die Leute in Ferguson, New York und Cleveland wollen nichts anderes als die Männer und Frauen in Selma vor 50 Jahren: Gleichheit vor dem Gesetz", ruft Obama. Er setze auf die von ihm eingesetzte Kommission zur Reform des Polizeiwesens, die gerade Vorschläge vorgelegt hat.

In einer für ihn ungewohnt emotionalen Art appelliert Obama daran, den Voting Rights Act zu erneuern. Dieses Gesetz, das die Schwarzen jahrzehntelang vor Diskriminierung schützte, war 2013 vom Obersten Gerichtshof gekippt worden (Details hier). Nichts wäre besser geeignet, um die Bürgerrechtler zu ehren, so Obama, als den Voting Rights Act zu verlängern.

Und all jene, die heute die Teilnehmer des Selma-Marsches bewundern würden, sollten darüber nachdenken, wieso die Wahlbeteiligung in den USA heute eine der niedrigsten unter allen Demokratien weltweit sei. "Damals haben die Menschen ihre Würde - und manchmal ihr Leben - riskiert, damit alle ihre Stimme abgeben können. Welche Entschuldigung kann es heute geben, nicht wählen zu gehen?", fragt Obama.

In der Demokratie geht es um "Wir"

Für Obama ist die wichtigste Lehre aus dem "Bloody Sunday" von Selma jedoch eine andere: Der Marsch der Bürgerrechtler beweise, dass Amerika nicht das Projekt einer einzelnen Person sei. "Das wichtigste Wort in unserer Demokratie ist das Wort 'Wir'", ruft er. Die US-Verfassung beginne mit "We, the People" und "wir" stecke auch in dem berühmten Protest-Lied "We shall overcome". Und auch in seinem legendären Wahlslogan "Yes we can" steckt der Appell an die Gemeinschaft.

Leidenschaftlich wie lange nicht mehr erinnert der US-Präsident seine Bürger an all jene, die Amerika ebenso verbessert hätten wie die schwarzen Bürgerrechtler. Ähnlich heldenhaft seien die Pioniere gewesen, die Amerikas Westen erobert hätten - und die Soldaten, die in den Weltkriegen gekämpft hätten. Obama preist die Schwulen und Lesben, deren Blut im Kampf für Gleichberechtigung vergossen wurde. Er erinnert an Musiker, die "Gospel, Jazz, Blues, Bluegrass, Country, Hiphop und Rock 'n' Roll" erfunden hätten - und an alle Künstler und Schriftsteller, die die Mächtigen kritisieren und die unangenehmen Wahrheiten anprangern würden.

"Wir ehren diejenigen, die marschiert sind, damit wir laufen können."

Mit den Worten "Unser Marsch ist noch nicht zu Ende" kommt Obama zum Höhepunkt seiner Rede. Auch 239 Jahre nach der Gründung der USA sei das Land noch nicht am Ziel. In Anspielung auf die Präambel der Verfassung sagt Obama, dass die Lage noch nicht "perfekt" sei. Doch dank der schwarzen Bürgerrechtlern sei das Land viel weiter gekommen und die Aufgabe für die heutige Generation leichter: "Wir ehren diejenigen, die marschiert sind, damit wir laufen können." Er habe großes Vertrauen in die Jugend, die in einem Amerika aufwachse, das so bunt und vielfältig sei wie niemals zuvor. Diese Generation werde die USA weiter voranbringen, ruft Obama, bevor er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern über die Edmund Pettus Bridge geht.

Über Martin Luther King, die Ikone der Bürgerrechtsbewegung und Hauptfigur des Hollywood-Films "Selma" , spricht Obama an diesem Samstagnachmittag nur wenig. Doch es ist bekannt, dass auch King zu Obamas Helden gehört. Der 44. US-Präsident ist überzeugt, dass es auf dem beschwerlichen Weg hin zu mehr Frieden und Gerechtigkeit in Amerika und in der Welt nur in kleinen Schritten vorangehe. Dies sei auch eine Lehre aus Ferguson.

Seit Jahren bezieht sich Obama immer wieder auf ein Zitat von Martin Luther King, der 1967 gesagt hatte: "Der Bogen der Moral ist lang, aber er neigt sich der Gerechtigkeit zu." (The arc of the moral universe is long but it bends towards justice). Und die bewegende Rede des ersten schwarzen US-Präsidenten in Selma fünfzig Jahre nach dem "Bloody Sunday" symbolisiert dies: Wenn Obama im Januar 2017 abtritt, hat er das Land verändert - allein, weil junge Schwarze an seinem Beispiel sehen, was möglich ist.

Covering and listening to hundreds of Obama speeches over the last decade, I can't recall one that is better than his Selma speech today.

— Jeff Zeleny (@jeffzeleny) March 7, 2015 " />

Diese Entwicklung war nur möglich dank des Muts von John Lewis, Dianne Nash, Andrew Young, Amelia Boynton und Martin Luther King, den Helden von Selma.

Linktipps:

  • Die Rede von Barack Obama ist hier nachzulesen.
  • Die Reporter-Legende Guy Talese berichtete für die New York Times 1965 aus Selma. In diesem Text schreibt er, wie sich die Stadt - und die USA - in den letzten 50 Jahren verändert hat.