Süddeutsche Zeitung

US-Präsident:Der Fall Otto Warmbier könnte den wackelnden Trump stärken

Der US-Präsident hatte die Freilassung des in Nordkorea inhaftierten Studenten zu seinem persönlichen Anliegen gemacht. Nach dem Tod des 22-Jährigen setzt er auf mitfühlende Worte statt Krawall-Rhetorik.

Tragödien können Politiker aus dem Amt hebeln, sie können Politikern aber auch Auftrieb geben. Das ist eine der zynischeren Wahrheiten des politischen Geschäfts. Gerhard Schröder blickt auch deshalb auf zwei Amtszeiten als deutscher Kanzler zurück, weil er sich beim Jahrhunderthochwasser im Sommer 2002 als Krisenmanager in Gummistiefeln präsentierte. Und George W. Bush führte anderthalb Jahre nach 9/11 einen nicht erst im Rückblick fragwürdigen Krieg im Irak. Beflügelt von der Zustimmung im eigenen Land, gegen den ausdrücklichen Willen internationaler Partner. Der Tod des amerikanischen Studenten Otto Warmbier könnte so ein Anlass sein, der einen wackelnden US-Präsidenten stärkt.

Alle Versuche Donald Trumps, sich aus der Russland-Affäre herauszuwinden, sind gescheitert. Trump ist tiefer verstrickt denn je, möglicherweise wird sogar wegen Behinderung der Justiz gegen ihn ermittelt. Zuletzt waren einer Reuters-Umfrage zufolge nicht einmal mehr 40 Prozent der Amerikaner mit Trump zufrieden, fast jeder vierte Wähler der Republikaner kritisierte die Arbeit seiner Regierung. Doch der Fall Warmbier könnte zur Heldengeschichte für den angeschlagenen Präsidenten werden. Trotz des bitteren Endes - vielleicht sogar gerade deswegen.

17 Monate war der Student in Nordkorea inhaftiert. In der vergangenen Woche durfte er dann in die USA ausreisen. Zuvor soll Trump persönlich Außenminister Rex Tillerson beauftragt haben, die Freilassung des US-Bürgers auszuhandeln. Unterstützung bekam der frühere Exxon-Mobile-Manager von der schwedischen Regierung, die vor Ort in Pjöngjang die Interessen der USA vertritt. Die Vereinigten Staaten unterhalten selbst keine diplomatischen Beziehungen zu Nordkorea - allerdings könnte ein inoffizieller Botschafter Amerikas eine Rolle bei der Freilassung gespielt haben. So reiste Ex-Basketballstar Dennis Rodman in der vergangenen Woche in das abgeschottete Land. Es war bereits sein fünfter Besuch. Machthaber Kim Jong-un gilt als Fan des Sportlers, Rodman seinerseits hat Kim schon als "Freund fürs Leben" bezeichnet. Bei seiner Ankunft in Pjöngjang hatte der 56-Jährige angekündigt, "eine Tür öffnen" zu wollen.

Die Fotos vom Flughafen Cincinnati gingen um die Welt

Strippenzieher im Hintergrund war wohl jemand anders. CNN zufolge hatte bereits am 6. Juni Joseph Yun, ein Sonderbeauftragter des US-Außenministeriums, in einem Gespräch mit dem Botschafter der nordkoreanischen UN-Mission vom schlechten Gesundheitszustand des Studenten erfahren. Die Familie Warmbier wurde informiert. Am 12. Juni reiste Yun dann mit einem medizinischen Team nach Pjöngjang. Nachdem der Sonderbeauftragte und zwei Ärzte zu Warmbier vorgelassen worden waren, beantragte Yun die sofortige Freilassung Warmbiers aus humanitären Gründen.

Als Warmbier am Flughafen seiner Heimatstadt Cincinnati ankam, wurde er von Sanitätern aus dem Flugzeug getragen. Die Fotos gingen um die Welt. Warmbier, der seinen Kopf nicht mehr aus eigener Kraft halten kann. In der Nase Schläuche einer Sonde, über die er offenbar zuletzt ernährt wurde. Es waren die ersten Bilder von Warmbier seit seinem Prozess im März 2016. Schon damals wurde der Weltöffentlichkeit ein gebrochener junger Mann vorgeführt: Schluchzend gestand Warmbier ein absurdes Verbrechen, bat um Verzeihung für den ihm zur Last gelegten "staatsfeindlichen Akt" - das Abreißen eines Propagandaplakates in seinem Hotel. Er wurde zu 15 Jahren in einem Arbeitslager verurteilt. Danach verschwand der Student von der Bildfläche, das Regime verweigerte sämtliche Besuche.

Wenn ein Mensch zum Spielball politischer Mächte wird

Als die Welt Otto Warmbier das nächste Mal zu sehen bekam, war er bewusstlos. Man kann über das Ablichten einer Person in diesem Zustand durchaus streiten. Aber die unscharfen Bilder vom Lunken Airport in Cincinnati dokumentieren in schmerzhafter Klarheit, was es bedeutet, wenn ein Mensch zum Spielball politischer Mächte wird: maximale Verletzlichkeit.

Warmbier, so verlautete von Seiten des Regimes, habe in Gefangenschaft eine schwere Fleischvergiftung erlitten. Er habe daraufhin eine Schlaftablette geschluckt und sei nach der Einnahme nicht mehr aufgewacht. Die Familie des Studenten bezweifelt diese Version, sie wirft der Regierung in Pjöngjang Folter vor. "Leider ließen die furchtbaren, qualvollen Misshandlungen unseres Sohnes durch die Nordkoreaner keinen anderen Ausgang zu als den traurigen, der sich heute ereignet hat", heißt es in ihrer Stellungnahme zum Tod von Otto Warmbier. Die Ärzte, die Warmbier nach seiner Ankunft in den USA untersucht hatten, diagnostizierten in allen Bereichen des Gehirns großflächige Schäden am Hirngewebe. Anzeichen für eine Gewalteinwirkung auf den Kopf des Studenten konnten sie jedoch nicht feststellen.

Warmbier war bei einem Zwischenstopp in Pjöngjang verhaftet worden. Er hatte dort den Jahreswechsel 2015/16 verbracht und wollte anschließend für ein Auslandssemester nach Hongkong weiterreisen. Der Washington Post zufolge gehörte Warmbier zu den Besten seines Jahrgangs an der University of Virginia, hatte ein Stipendium speziell für Studenten mit einer herausragenden "intellektuellen Neugier". Seine Wissbegierde habe ihn nicht nur Bekanntschaft mit Fremden schließen lassen, sondern auch in Länder wie Ecuador und Kuba geführt. Nach Nordkorea reiste Warmbier mit dem Anbieter Pioneer Tours. Sein Vater kritisierte, das Regime in Pjöngjang locke amerikanische Touristen mit solchen Gruppentouren ins Land, um sie dann als "Geisel" zu nehmen. Der Reiseveranstalter kündigte nach dem Tod des Studenten an, künftig keine amerikanischen Staatsbürger mehr nach Nordkorea zu bringen.

Die Grausamkeit des Regimes in Pjöngjang hat nun ein Gesicht

Ein Schritt, der womöglich einer neuen politischen Realität vorgreift: Denn die US-Regierung erwägt nach den jüngsten Vorkommnissen ein präsidiales Dekret, um ein Reiseverbot für das kommunistische Land durchzusetzen. Während sich der Senat jüngst noch skeptisch gezeigt hatte in Sachen Reiserestriktionen - trotz der aggressiven Drohgebärden Nordkoreas im Atomstreit -, dürfte es jetzt im Fall der Fälle wohl keine allzu große Gegenwehr geben. Die Grausamkeit des Regimes in Pjöngjang hat nun ein Gesicht, das Gesicht von Otto Warmbier.

Senator John McCain - einer der wenigen Republikaner, die Trump offen kritisieren - sagte noch am Abend: "Otto Warmbier, ein amerikanischer Staatsbürger, wurde ermordet vom Kim-Jong-un-Regime. Im letzten Jahr seines Lebens musste er in jenem Albtraum leben, in dem das nordkoreanische Volk seit 70 Jahren gefangen ist: Zwangsarbeit, Hunger, systematische Grausamkeit, Folter und Mord." Auch der Präsident äußerte sich und kondolierte der Familie. Es seien "schlimme Dinge" passiert, aber immerhin sei es gelungen, Warmbier noch "nach Hause zu seinen Eltern" zu holen. Mitfühlende Worte statt Krawallrhetorik (diesen Part übernehmen ja nun seine politischen Gegner) - Donald Trump scheint zu spüren, welchen Helden die Nation sehen möchte. Zumindest in diesen ersten Stunden nach der Schocknachricht.

"Als Otto am späten Abend des 13. Juni nach Cincinnati zurückgekehrt ist, konnte er nicht sprechen, er war nicht fähig, etwas zu sehen oder auf Anweisungen zu reagieren. Er wirkte, als fühle er sich nicht wohl - als habe er vielleicht sogar Schmerzen", schreiben Cindy und Fred Warmbier, Ottos Eltern, in ihrem Statement. "Auch wenn wir nie wieder seine Stimme hören würden, innerhalb nur eines Tages änderte sich seine Gesichtsausdruck - er war friedlich. Er war zu Hause und wir glauben fest daran, dass er das spüren konnte."

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