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US-Präsident:Eiskalter Machtpolitiker oder reine Lichtgestalt?

In Washington weihte man ihm dann 1922 sogar einen Tempel, das Lincoln Memorial. Und in Springfield errichtete man ihm ein Mausoleum, das er, ein erklärter Freund der Demut, vermutlich viel zu gewaltig fände; gefallen würde dem Witzbold Lincoln höchstens, dass seine Bronzebüste bald keine Nase mehr hat, weil es angeblich Glück bringt, an ihr zu rubbeln.

Aber wie immer, wenn ein Denkmal auf einen Sockel gehoben wird, gibt es auch ein paar, die mit Hingabe daran rütteln. Lincoln gehört heute seinen Bewunderern genau wie seinen Kritikern und Verächtern. Kernstück des Lincoln-Revisionismus, der seit den Sechzigerjahren gedeiht, ist der Vorwurf, dass der "Great Emancipator" der Schwarzen in Wahrheit selbst ein Rassist war, ein eiskalter Machtpolitiker, dem nie die Befreiung der Sklaven am Herzen lag, sondern nur der Sieg im Bürgerkrieg. Diese Sicht der Dinge mag nicht ganz falsch sein. Aber auf keinen Fall ist sie ganz richtig.

Besucher am Lincoln Memorial in Washington, DC.

(Foto: AFP)

Die Frage, wie hell die Lichtgestalt Lincoln wirklich strahlt, könnte eine akademische Debatte sein. Dass sie viel mehr ist als das, hat mit einem Mann zu tun, dessen Biografie erstaunliche Ähnlichkeiten mit der Lincolns aufweist: Barack Obama. Beide wuchsen in kargen Verhältnissen auf, beide wählten den Staat Illinois als Heimat. Beide waren, als sie sich um das Präsidentenamt bewarben, Anwälte mit geringer politischer Erfahrung, aber großer rednerischer Begabung.

Obama wehrte sich nicht gegen solche Vergleiche, im Gegenteil. Gleich zu Beginn seiner Kampagne warf er sich recht forsch den Mantel der Geschichte über: Seine Kandidatur verkündete er 2007 vor dem Old State House in Springfield, in dem Lincoln drei Jahre vor dem Bürgerkrieg prophezeit hatte, "dass ein in sich geteiltes Haus", halb mit Sklaverei, halb ohne, "nicht bestehen kann".

Nach seiner Wahl fuhr Obama wie Lincoln mit dem Zug zur Amtseinführung. Bei dieser legte er die Hand auf dieselbe Bibel, die schon Lincoln berührt hatte. Mit Hillary Clinton machte Obama seine schärfste Widersacherin aus den Vorwahlen zur Außenministerin - genau wie Lincoln das mit seinem Rivalen William H. Seward getan hatte.

Der erste Schwarze im Oval Office stellt seine Präsidentschaft ganz unverhohlen ins Zeichen jenes Vorgängers, der proklamiert hatte, dass zum 1. Januar 1863 alle Sklaven "fortan und für immer frei sein sollen". Obama, tadeln nun manche, trage so zur Verklärung Lincolns bei. Die "Emancipation Proclamation" habe zunächst keine einzige Kette gesprengt.

U.S. President Barack Obama speaks at the 102nd Abraham Lincoln Association Banquet in Springfield, Illinois

US-Präsident Barack Obama vor einem Bild von Abraham Lincoln in Springfield, Illinois

(Foto: REUTERS)

Lincoln habe nachweislich an einen "physischen Unterschied" zwischen den Rassen geglaubt und "perfekte Gleichheit" für unerreichbar gehalten. Er habe gern "Darkie"-Witzchen erzählt und Schwarzen routinemäßig empfohlen, in Panama eine neue Nation zu gründen. Die Emanzipationserklärung sei für Lincoln bloß ein strategisches Mittel gewesen, die Konföderation zu erschüttern.

Als Beleg führen Lincoln-Skeptiker oft einen Brief des Präsidenten an den Verleger Horace Greeley an. "Ich will die Union retten", schreibt Lincoln da. "Wenn ich sie retten könnte, indem ich keinen Sklaven befreie, würde ich es tun, und wenn ich sie retten könnte, indem ich alle Sklaven befreie, würde ich es tun. Und wenn ich sie retten könnte, indem ich einige Sklaven befreie und andere nicht, würde ich es tun."

Seltener zitiert wird der Schlusssatz des Briefes. Er habe nun seine offizielle Pflicht dargelegt, so Lincoln. Sein "persönlicher Wunsch" sei es indes stets gewesen, "dass alle Menschen überall frei sein mögen".

Ein Kind seiner Zeit, befleckt mit Vorurteilen

Dieser Wunsch ist tatsächlich bereits früh dokumentiert. 1834 brachte der frisch gewählte Abgeordnete eine Resolution ins Parlament von Illinois ein: "Wir glauben, dass die Sklaverei eine Institution ist, die sowohl Unrecht ist als auch schlechte Politik." Gewiss war Lincoln ein Kind seiner Zeit, befleckt mit vielen Vorurteilen. Aber er war rein in dem Sinne, dass er das Recht eines jeden Menschen auf Leben, Freiheit und das Streben nach Glück anerkannte.

Wer Lincoln verstehen will, muss sich seine berühmte Rede zur Einweihung des Soldatenfriedhofs von Gettysburg am 19. November 1863 ansehen. Denn hier, nach dem großen Schlachtensieg über die Konföderierten, verpflichtet er Amerika auf seine Gründungsprinzipien, hier fließen Staatsräson und Freiheitswunsch zusammen, in 272 ebenso schlichten wie poetischen Worten. Mit ihnen gibt er dem Gemetzel einen Sinn.

Abraham Lincoln

Starpräsident, Märtyrer, Ikone

Die verehrten Toten, sagt er, sollen nicht "umsonst" gestorben sein, ihr Opfer solle einer "Neugeburt der Freiheit" dienen - auf dass "die Regierung des Volkes durch das Volk und für das Volk nicht von der Erde verschwindet". Lincoln erhebt das amerikanische Experiment zur Menschheitsfrage und den Bürgerkrieg zur Prüfung für die Demokratie als Staatsform.

So betrachtet, erringt Lincoln seinen größten Sieg bei der Präsidentschaftswahl 1864. Mitten im Krieg stellt er sich dem Votum seines ausgezehrten Volkes. Die Demokraten verspotten ihn als unfähig, sie locken die Wähler mit dem Versprechen von Frieden.

Seine Niederlage scheint unabwendbar zu sein, doch Lincoln sagt:"Wenn die Rebellion uns dazu zwingen würde, eine Wahl ausfallen zu lassen, dann könnte sie mit Recht behaupten, uns bereits vernichtet zu haben." Der Fall der Südstaaten-Metropole Atlanta beschert Lincoln dann die entscheidenden Stimmen - und das politische Kapital für den 13. Zusatzartikel zur Verfassung. Am 31. Januar 1865 schafft der Kongress die Sklaverei ab: fortan, für immer und überall.