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US-Politik:Zehn wirklich seltsame Momente aus dem Trump-Jahr 2017

Donald Trump,

Verrückt, oder? Donald Trump als Präsident.

(Foto: picture alliance/AP Photo)

Trump wird Präsident? Das hätte vor zwei Jahren keiner geglaubt. Und jetzt ist er fast ein Jahr im Amt. Zeit für einen höchst subjektiven Rückblick.

Von Thorsten Denkler, New York

Donald Trump wird Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika? Wer das vor einigen Jahren ernsthaft behauptet hätte, wäre ausgelacht worden. Die US-Amerikaner haben zwar schon die seltsamsten Sachen gemacht, George W. Bush in eine zweite Amtszeit gewählt, zum Beispiel. Aber Trump? Diese goldgelockte Fönfrisur? Dieser Inbegriff krachenden Reichtums, der im New Yorker Trump Tower residiert, einem Interior-Albtraum aus Gold und rotem Marmor?

Trump wurde Präsident. Und wird wohl bald sein erstes Amtsjubiläum feiern. Zeit für einen Rückblick auf sein bisher - sagen wir - recht spezielles erstes Jahr im Weißen Haus. In zehn denkwürdigen Momenten, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

1. Als Trump die Welt mit seiner Rede zur Amtseinführung schockte

Donald Trump ist ja recht gut darin, Erwartungshaltungen zu durchbrechen. Er ist auf sehr berechenbare Weise unberechenbar. Am Tag seiner Amtseinführung, am 20. Januar 2017, gehörte das allerdings noch nicht zum Allgemeinwissen. Nach einem Schmutzwahlkampf, wie ihn die USA noch nicht gesehen hatten, hofften viele, Trump würde wenigstens jetzt, am Tag seines größten Triumphes, Milde walten lassen.

Sie wurden enttäuscht. In seiner Rede zeichnete Trump das Bild eines im Kern zerstörten Landes. Eines verrotteten Systems. Alles, wirklich alles gehe den Bach runter, sagte er. Schulen, öffentliche Finanzen, die Straßen. "Verrostete Fabriken stehen wie Grabsteine überall im Land." Aber jetzt sei ja er da. Donald Trump, der Retter: "Dieses amerikanische Gemetzel hört hier und heute auf", sagte er. Und verkündete: "America first!", Amerika zuerst! Als wäre das die Lösung aller Probleme.

Später fasste ein entsetzter George W. Bush die Rede recht treffend zusammen: "Das war ziemlich seltsamer Scheiß."

2. Als Trumps Sprecher die Presse wegen angeblich falscher Angaben über die Zahl der Zuschauer zusammenstauchte

Es war der erste öffentliche Auftritt von Sean Spicer als Regierungssprecher, es war der Tag nach der Amtseinführung seines Chefs, eine Sonderpressekonferenz. Es ging nicht um eine plötzliche Weltkrise. Es ging um die Zahl der Menschen, die Trumps Vereidigung vor dem Kapitol in Washington verfolgt hatten. Es gibt Bilder, die belegen, dass selbst zu Obamas zweiter Vereidigung deutlich mehr Menschen gekommen waren. Trump sah das trotzdem anders. Und schickte Spicer los: "Das war das größte Publikum, das je an einer Amtseinführung teilgenommen hat, Punkt!" Und zwar weltweit. Einen Tag nach Spicers denkwürdiger erster Pressekonferenz erklärte Trumps Beraterin Kellyanne Conway die falschen Angaben der Regierung über die Größe der Menschenmenge zu "alternativen Fakten".

Es war nicht Spicers einziger Fehltritt in seiner doch recht kurzen Amtszeit. Im April sagte er, Hitler habe "kein Gas gegen seine eigenen Leute eingesetzt", wofür er sich später entschuldigte. Und als Trump Anfang Mai den FBI-Chef feuerte, versteckte sich Spicer mit einigen Mitarbeitern in den Büschen vor dem Weißen Haus, um keinem Reporter über den Weg zu laufen. Er wusste ja auch von nichts. Am 21. Juli kündigte der Pressesprecher.

3. Als Trump den "Travel Ban" immer wieder "Travel Ban" nannte, obwohl doch seine Pressesprecher sagen mussten, das sei gar kein "Travel Ban"

Natürlich darf der "Muslim Ban" nicht "Travel Ban" genannt werden, das wäre ja gegen das Gesetz. Auch in den USA darf niemand wegen seiner Herkunft und/oder Religion diskriminiert werden. Aber Trump war das immer irgendwie egal. Er lässt sich nicht gerne den Mund verbieten. In einer legendären Pressekonferenz versuchte sein Sprecher Sean Spicer vergeblich, die Journalisten davon zu überzeugen, dass Trump den Begriff "Ban" nur verwende, weil ihn die Medien benutzten. Der "Ban" sei in Wahrheit nur ein temporärer Einreisestopp für Menschen aus bestimmten und eher zufällig muslimisch geprägten Ländern.

Und was tat Trump? Er twitterte wenig später, ihm sei schnuppe, was Juristen sagten. Natürlich sei das ein "Travel Ban". Was denn sonst. Das sehen auch mehrere Richter so. Sie haben inzwischen diverse Varianten des "Travel Ban" verworfen. Bis daraus vergleichsweise schlanke Einreisebeschränkungen für Menschen nicht nur aus bestimmten muslimischen Ländern wurden. Vom einst versprochenen "totalen und kompletten Verbot der Einreise für Muslime in die Vereinigten Staaten" ist im Grunde nichts übriggeblieben.

4. Als Trump seinen Vorgänger Barack Obama bezichtigte, ihn im Trump Tower abgehört zu haben

Es war der 4. März, ein Samstagmorgen. Trump griff zu seinem Twitter-Apparat. "Schrecklich! Habe gerade herausgefunden, dass Obama kurz vor meinem Wahlsieg meine Leitungen im Trump Tower abgehört hat. Sie haben nichts gefunden." Einen Tweet später schrieb er: "Wie tief ist Präsident Obama gesunken." Es folgte eine wochenlange Debatte darüber, ob die Anschuldigungen stimmten. Untersuchungen wurden eingeleitet. Nichts. Bis heute gibt es keinen Beleg für die Vorwürfe. Was allerdings wahr ist: Dass der russische Botschafter abgehört wurde. Und der war schon zu Gast im Trump Tower. Aber jetzt bitte keine falschen Schlussfolgerungen ziehen.

5. Als Trump sich sehr gut an den bombigen Schokoladen-Kuchen in Mar-a-Lago erinnerte

Eigentlich sollte der Präsident erklären, wie es dazu hatte kommen können, dass er Anfang April 59 Raketen von einem Schiff der US-Marine im Mittelmeer aus auf Syrien abfeuern ließ. Der Anlass: ein Giftgasangriff auf Zivilisten in Syrien, mutmaßlich durch die eigene Regierung. Trump ordnete den Vergeltungsschlag an, was ihm erstmals richtig Gegenwind vonseiten seiner Anhänger einbrachte.

In einem Fernsehinterview Mitte April erinnerte sich Trump an die Minuten nach dem Raketenabschuss: Er saß in seinem Hotel Mar-a-Lago in Florida mit dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping zum Dinner beisammen. "Wir hatten Dessert. Und wir hatten das schönste Stück Schokoladenkuchen, dass Sie je gesehen haben und Präsident Xi hat es sehr genossen." Und da habe er Xi gesagt, er müsse ihm da etwas erklären: "Wir haben gerade 59 Raketen auf den Irak abgefeuert". Die Interviewerin ist verwirrt. "Auf Syrien, oder?" Trump: "Ja, auf Syrien."

6. Als Trump den FBI-Chef James Comey auf dubiose Weise feuerte, um seinen Kopf aus der Schlinge der Russland-Ermittlungen zu ziehen

Anfang Mai feuerte Trump den FBI-Chef. Und damit das nicht so blöd aussah, entließ er ihn wegen angeblich schlechter Performance in den Clinton-E-Mail-Ermittlungen im Jahr zuvor. Auf angebliches Anraten seines Justizministers Jeff Sessions. Dieser wiederum berief sich auf seinen Stellvertreter Rod Rosenstein. Ein einmaliger Vorgang. Später gab Trump dann im Grunde selbst zu, dass das alles nur fingiert war. Er wollte Comey loswerden.

Comeys Ermittlungen in der Russland-Affäre betrafen zu diesem Zeitpunkt auch die Frage, ob Trumps Team auf unzulässige Weise mit russischen Regierungsvertretern zusammengearbeitet hat. Für viele Beobachter war Comeys Rauswurf der letzte Beweis: Trump ist zu allem fähig. Geholfen hat das nichts, Ex-FBI Chef Robert S. Mueller übernahm die Russland-Ermittlungen.

7. Als Trump sich - etwas zu früh - von den republikanischen Abgeordneten im Repräsentantenhaus dafür feiern ließ, Obamacare abgeschafft zu haben

Das Foto dieses Moments selbst ist schon beachtenswert. Nur Weiße. Und praktisch alles Männer. Am 6. Mai kamen wenn nicht alle, so doch eine ganze Menge republikanischer Abgeordneter aus dem Repräsentantenhaus in den Rosengarten des Weißen Hauses. Eine ganze Menge Statisten. Es sprach: Trump. Die Abgeordneten durften zuhören, wie sich Trump im Wesentlichen selbst dafür lobte, dass die Abgeordneten für die totale Abschaffung von Obamacare gestimmt hatten.

Die Stimmung war ausgelassen, die Politiker wirkten, als hätten sie gerade in irgendetwas die Weltmeisterschaft gewonnen. Auf jeden Fall sah es so aus, als wären sie am Ziel ihrer Träume. Das ist insofern bemerkenswert, weil es noch gar nichts zu feiern gab. Nach dem Repräsentantenhaus muss ja immer auch noch der Senat ein Gesetz verabschieden. Und das hat der Senat in diesem Fall - Monate später und nach mehreren vergeblichen Anläufen - einfach nicht hinbekommen. Weil letztlich drei halbwegs aufrechte Republikaner im Senat gesagt haben, das geht so nicht, da stimmen wir dagegen.

Trump versetzte das in Rage. Er behauptet jetzt immer mal wieder, dass Obamacare mindestens tot, wenn nicht Schlimmeres sei. Und spätestens mit der im Dezember beschlossenen Steuerreform jetzt aber wirklich und in Echt abgeschafft. Stimmt leider auch nicht. Obamacare ist nach einem Jahr Trump sicher angeschlagen. Aber die Reform lebt. Mindestens 20 Millionen Amerikaner hätten ohne sie heute keine Krankenversicherung. Sie werden sie noch eine ganze Weile behalten können.

8. Als Trumps Minister reihum Lobeshymnen auf ihren Chef sangen

Dass eine Regierung sich selbst lobt, geschenkt. Aber was da Mitte Juni geschah, hatte nordkoreanische Züge. Kabinettssitzung im Weißen Haus, zum ersten Mal seit der Amtsübernahme waren alle Ministerposten besetzt.

Reihum huldigten die Kabinettsmitglieder ihrem Chef. Vizepräsident Mike Pence sagte, es sei "das größte Privileg in meinem Leben", Trump dienen zu dürfen. Stabschefs Reince Priebus sagte: "Wir danken Ihnen für die Möglichkeit, Ihnen zu dienen." (Er wurde später gefeuert.) Justizminister Jeff Sessions: "Sie haben die exakt richtigen Botschaften gesetzt" - "Die Reaktionen überall im Land sind fabelhaft." Dabei waren Trumps Zustimmungswerte da bereits im Keller. Und mit Sessions lag er zu dem Zeitpunkt längst über Kreuz, weil der zugelassen hatte, dass nach FBI-Chef Comey der unerbittliche Sonderermittler Mueller Trump in der Russland-Affäre das Leben schwermacht.

Das unwürdige Lobhudelei-Schauspiel ließ Trump kurz vor der Weihnachtspause noch mal aufführen. In der letzten Kabinettssitzung 2017 stimmte Wohnungsminister Ben Carson ein Gebet für Trump an. Darin dankte er Gott dafür, dass er - kein Witz - Trump die gerade beschlossene Steuerreform ermöglicht hat.

9. Als Trump zu den Nazi-Demos in Charlottesville sagte, es gebe gute Menschen auf beiden Seiten

Neo-Nazis und weiße Rassisten zu verurteilen, liegt Trump nicht sonderlich. Nach dem Nazi-Aufmarsch in Charlottesville im August brauchte er ein paar Tage zu lange, um die richtigen Worte zu finden, die ihm obendrein noch aufgeschrieben werden mussten. Eine Frau war in Charlottesville gestorben, weil ein Rechter mit einem Auto in eine Gegendemo gerast war. Ein paar Tage später absolvierte Trump einen denkwürdigen Auftritt im Trump Tower. Er wich komplett vom Redemanuskript ab, beschimpfte Journalisten, fragte, ob nicht auch die Linken Schuld hätten. Schließlich erklärte er: "Es gibt auf beiden Seiten ein paar sehr feine Menschen." Feine Menschen unter Neonazis. Schon klar, Mister President.

10. Als Donald Trump Nordkoreas Führer Kim Jong-un nicht "klein und fett" nannte

Mit Nordkorea, einer diktatorisch regierten Atommacht, führte Donald Trump im Herbst einen verbalen Kleinkrieg. Nach diversen Twitter-Scharmützeln und Trumps Warnung in der UN-Hauptversammlung, er werde das Land des "Raketenmanns" notfalls "vollständig zerstören", wenn es nicht sein Atomprogramm aufgäbe, bezeichnete die Regierung in Pjöngjang Trump als "alt". Trump, 71, hat sich - ganz präsidial - zurückgehalten und altersgemäß sehr besonnen reagiert... Hat er natürlich nicht. Trump schrieb auf Twitter: "Warum sollte mich Kim Jong-un als 'alt' beleidigen, wenn ich ihn doch NIEMALS 'klein und fett' nennen würde?" So, das hat die Welt 2017 gelernt, funktioniert Trump'scher Humor.

© SZ.de/leja/mane
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