Süddeutsche Zeitung

US-Einsatz in Pakistan:Al-Qaida bestätigt Bin Ladens Tod

Jetzt vermeldet auch das Terrornetzwerk al-Qaida: Osama bin Laden ist tot. So viel steht fest. Doch um die Todesumstände gibt es auch fünf Tage nach dem spektakulären Einsatz von US-Elitesoldaten Rätselraten: Wie verlief die Aktion genau? Wie viel Widerstand leistete Bin Laden? Kamen neuartige Kampfhubschrauber zum Einsatz?

Die wichtigsten Fragen und Antworten

Die Bilder von der Leiche hält die US-Regierung unter Verschluss. Doch inzwischen hat es auch die Gegenseite bestätigt: Al-Qaida-Chef Osama bin Laden ist tot. Der Tod werde sich noch als Fluch für Amerika herausstellen, heißt es in der Erklärung, die auf islamistischen Seiten im Internet kursiert. Raum für Verschwörungstheorien bleibt trotzdem, denn das Weiße Haus hält sich mit Details zum Einsatz der US-Spezialeinheit Navy Seals in der Nacht auf Montag zurück. Trotzdem sickern immer wieder Informationen durch, etwa über mögliche Anschläge, die Bin Laden von seinem Versteck aus geplant haben könnte. Auch das Bild eines abgestürzten Kampfhubschraubers nahe der Bin-Laden-Residenz sorgt für Spekulationen. Wie stellt sich der Ablauf der US-Operation "Neptune's Spear" - in der Presse auch oft "Geronimo", der Codename für die Ergreifung oder den Tod Bin Ladens, genannt - fünf Tage danach dar? Gab Barack Obama den Befehl zu einer Kill Mission? Die wichtigsten Fragen im Überblick.

Wie lief die Aktion ab?

Bei der Darstellung zum Ablauf der Kommandoaktion musste sich das Weiße Haus mehrfach korrigieren. Fest steht nur der Beginn und das Ende: Am Freitag gab US-Präsident Barack Obama den Zugriffsbefehl. Die US-Regierung verbreitete in der Nacht auf Montag die Meldung vom Tod Osama Bin Ladens.

Die aktuelle Version der Geschehnisse dazwischen geht folgendermaßen: Kurz nach Mitternacht kreisten über dem Hof des Geländes in Abbottabad drei Militärhubschrauber, einer weiterer Helikopter war nahe der Bin-Laden-Villa ohne Verluste abgestürzt.

Aus den Hubschraubern seilten sich die US-Elitesoldaten ab. Eine Mauer lag noch zwischen der Einheit und dem Haus. Dann soll es zu einem Feuergefecht gekommen sein. Die New York Times berichtete von einem "extrem einseitigen Gefecht": Ein Kurier Bin Ladens habe die Soldaten aus einem Gästehaus auf dem Gelände heraus unter Feuer genommen. Nachdem die Spezialkräfte den Kurier getötet hatten, "wurde nicht mehr auf die Amerikaner geschossen". Auch die Frau des Kuriers starb bei diesem Schusswechsel.

Anschließend sei Team Six in das Gebäude eingedrungen. Im ersten Stock soll es einen weiteren Kurier sowie dessen Bruder getötet haben. Danach stürmten die Elitesoldaten einen Raum im dritten Stock. Bin Ladens Frau soll auf die Einheit losgegangen sein. Sie soll den Namen ihres Ehemanns gerufen haben und sei dann von einem Schuss in die Wade getroffen worden. In dem Raum befand sich auch bin Laden und einer seiner Söhne. Der erste Schuss traf Bin Laden in die Brust, der zweite oberhalb des linken Auges. Durch den zweiten Schuss wurde ein Teil von Bin Ladens Schädel weggerissen. Bin Ladens Sohn wurde ebenfalls erschossen.

Daraufhin wurde Washington über den Tod Bin Ladens informiert. Anschließend durchsuchte Team Six das Gelände und stellte Dokumente sicher, die Terror-Analysten derzeit auswerten. Erste Erkenntnisse aus diesen Unterlagen sind inzwischen an die Öffentlichkeit gelangt. Demnach habe das Terrornetzwerk diskutiert, unter anderem am Jahrestag der Anschläge vom 11. September in den USA ein Attentat auf einen Zug auszuüben.

Die Informationen zu den Vorgängen in Abbottabad basieren größtenteils auf den Aussagen von CIA-Chef Leon Panetta, Jay Carney, und Obamas Anti-Terror-Berater, John Brennan. Die direkten Zeugen des Einsatzes, diejenigen, die das große Haus in Abbottabad mit Bin Laden bewohnten, befinden sich derzeit in Gewahrsam in Pakistan.

Wie kamen die USA auf die Spur Bin Ladens?

Es waren Geheimdienst-Informationen, die die US-Fahnder auf die richtige Spur brachten: Jahrelang beobachteten sie einen Kurier Bin Ladens, der den Kampfnamen Abu Ahmed al-Kuwaiti trug. Bin Laden war vorsichtig genug, keinem Al-Qaida-Kämpfer seinen Aufenthaltsort zu verraten. Mit Hilfe seiner Kuriere aber kommunizierte der Terrorchef mit seinen Leuten.

Erste Hinweise auf den Mittelsmann al-Kuwaiti sollen Medienberichten zufolge von CIA-Gefangenen nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 gekommen sein. Bei dem Mann soll es sich um einen in Kuwait geborenen Pakistaner gehandelt haben, der mit Khalid Scheich Mohammed an der Vorbereitung der Attentate vom 11. September in New York beteiligt gewesen soll. Er galt bis zuletzt als einer der engsten Vertrauten Bin Ladens.

Die wahre Identität des Mannes fand die CIA vor vier Jahren heraus, zwei Jahre später wussten die Amerikaner, in welcher Region der Mann tätig war. Mitte 2010 soll der Mann einem Bericht der Nachrichtenagentur dapd zufolge ein Telefongespräch mit einer Person geführt haben, die der Geheimdienst schon eine Weile überwachte. Im August vergangenen Jahres führte al-Kuwaiti die CIA dann zum geheimen Versteck Bin Ladens.

Nach einem Bericht der Washington Post hat die CIA den Gebäudekomplex seither systematisch ausspioniert: Unweit des Geländes habe sich der Geheimdienst ein Versteck eingerichtet. Die Operation sei derart aufwendig gewesen, dass die CIA den Kongress um zusätzliche Millionen Dollar dafür gebeten habe. "Aufgabe der CIA waren das Auffinden und die Standortbestimmung", sagte ein Regierungsvertreter dem Blatt. Die Mitarbeiter hätten von einem geheimen Haus aus Informationen über die Lebensgewohnheiten Bin Ladens gesammelt. Die Agenten sollen dafür auch einheimische Informanten gehabt haben.

Aufgrund der Informationen aus der Überwachung erfolgte dem Bericht zufolge in der Nacht auf Montag der Angriff, bei dem ein US-Sonderkommando den Al-Qaida-Führer tötete. "Die Arbeit des Geheimdienstes war abgeschlossen, und dann war es Sache des Militärs, ans Ziel zu gelangen." Von Februar an habe das Weiße Haus mit den Vorbereitungen für den Zugriff begonnen.

War Bin Laden bewaffnet?

Es war die wohl folgenreichste Korrektur, die Regierungssprecher Jay Carney am vergangenen Mittwoch abgeben musste: Osama bin Laden sei bei dem Zugriff der US-Eliteeinheit nicht bewaffnet gewesen, erklärte er auf Nachfrage eines Journalisten in einer Pressekonferenz. Dieses Detail könnte mitentscheidend für die Bewertung sein, ob Bin Laden hingerichtet oder im Gefecht getötet wurde. Nach Worten der US-Senatorin Dianne Feinstein soll der Al-Qaida-Chef versucht haben, nach einer Waffe zu greifen, CIA-Chef Panetta sprach von einer "bedrohlichen Bewegung". Allerdings hat Bin Laden nicht - wie zunächst von Anti-Terror-Berater John Brennan behauptet - seine Frau als menschlichen Schutzschild benutzt. Vielmehr sei die Frau auf die US-Soldaten zugestürmt, diese hätten ihr daraufhin in die Wade geschossen.

Vorwürfe, wonach die Spezialeinheit Bin Laden regelrecht hingerichtet habe, kamen auch aus Pakistan: Dortige Medien berichteten, dass Bin Laden zunächst lebend gefasst wurde und wenig später vor den Augen der Familie erschossen wurde. Pakistanische Medien beriefen sich dabei auf die zwölfjährige Tochter des Al-Qaida-Chefs, die die Tötung ihres Vaters mitangesehen haben soll.

Handelte es sich um eine Kill Mission?

Die US-Regierung hat mehrfach betont, dass die gezielte Tötung des Al-Qaida-Chefs nicht das vorrangige Einsatzziel gewesen sei. CIA-Chef Leon Panetta erklärte im TV-Sender PBS, dass die Soldaten Bin Laden den Einsatzregeln zufolge hätten festnehmen müssen, hätte sich dieser mit erhobenen Händen ergeben.

Von dem Al-Qaida-Chef sei aber eine "klare Gefahr" ausgegangen, erklärte Panetta und sprach vage von "bedrohlichen Bewegungen". US-Medien berichteten, er habe nach einer Waffe gegriffen. Der US-Nachrichtensender CNN aber berichtete unter Berufung auf "offizielle Quellen", dass die Kommandoaktion nur ein Ziel gehabt habe: den Tod Osama bin Ladens.

Waren Kampfhubschrauber im Einsatz?

Die Nachrichtenagentur Reuters verbreitete am Mittwoch Bilder, die Wrackteile des abgestürzten Hubschraubers auf dem Gelände von Abbottabad zeigen. Die Maschine war bei der Aktion in unmittelbarer Nähe des Bin-Laden-Hauses abgestürzt. Experten gibt vor allem das Heck Rätsel auf: Die Nabe des Rotors ist mit einer ungewöhnlich großen Kappe abgedeckt. In Berichten ist die Rede von einem streng geheimen Hubschraubertyp, es wurde über ein mögliches US-Geheimprogramm spekuliert.

Gesicherte Angaben über die Maschine gibt es keine. Vieles deutet darauf hin, dass es sich um einen Black-Hawk-Hubschrauber mit Stealth-Technologie gehandelt haben soll. In US-Medien hieß es nach Bekanntwerden der Bilder, die Spezialkräfte hätten Unterstützung durch einen neuartigen Tarnkappen-Hubschrauber erhalten. Sogenannte Stealth-Technologie ist bei der US-Luftwaffe seit längerem im Einsatz, etwa bei Flugzeugen des Typs F-117 und B-2, ein Hubschrauber wurde bislang aber noch nicht gesichtet. Die Oberfläche dieser Flugzeuge soll Radarstrahlen zerstreuen oder absorbieren, die kantige Außenform dient dazu, Radarsignale ablenken. Die Gerüchte, dass es sich bei dem Hubschrauber-Wrack um einen neuen Typ handelte, wurden noch dadurch genährt, dass die Überreste des Helikopters umgehend zerstört wurden.

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