US-Geheimdienst CIA Vertuschungsgeschichten

Wohl alle der bisherigen Direktoren der CIA waren in Putsch- und Mordpläne verwickelt. US-Autor Tim Weiner zieht die verheerende Bilanz des amerikanischen Geheimdienstes.

Von Rudolph Walter

Bücher über Geheimdienste handeln häufig davon, wie es ungefähr gewesen sein könnte. Für das Buch des Reporters Tim Weiner von der New York Times über die "Central Intelligence Agency" trifft das über weite Strecken nicht zu. Es stützt sich vor allem auf Akten, die in den vergangenen Jahren zugänglich geworden sind.

Das Image des US-Geheimdienstes CIA lässt sich nicht aufpolieren.

(Foto: Foto: dpa)

Die CIA ist aus dem während des Zweiten Weltkriegs aufgebauten "Office of Strategic Services" (OSS) hervorgegangen, das nach 1945 "Central Intelligence Group" (CIG) hieß. Daraus wurde im Herbst 1947 die CIA.

Weimer schreibt: Die Hauptmission "bestand darin, den Präsidenten vor einem Überraschungsangriff, einem zweiten Pearl Harbor, rechtzeitig zu warnen". Das gelang nur in Ausnahmefällen. Meist bemerkten die Agenten nicht, was sich zusammenbraute und wurden überrascht - von der ersten Atombombe der Sowjetunion 1949 ebenso wie vom 11. September 2001.

Von Anfang an widmete sich der Geheimdienst sowohl der Nachrichtenbeschaffung wie subversiven Aktionen - ein hochriskantes Gewerbe. Schon die erste verdeckte CIA-Operation misslang völlig. Im Sommer 1946 kursierte das Gerücht, Stalin wolle in die Türkei einmarschieren.

Fatale Logik

Die CIA schickte Mitarbeiter nach Rumänien, mit dem Auftrag, die kleine Bauernpartei zu einer Sabotage- und Widerstandsgruppe umzufunktionieren. Die dilettantisch ausgeführte Operation entging dem sowjetischen Geheimdienst nicht. Innerhalb von zwei Wochen wurden alle rumänischen Aktivisten verhaftet und zum Teil hingerichtet.

Mit der von Präsident Truman am 12. März 1947 verkündeten Doktrin, wonach jeder Angriff, den Feinde Amerikas in einem beliebigen Staat unternähmen, auch als Angriff auf die USA betrachtet würde, wurde das Operationsgebiet global ausgedehnt.

Der Geheimdienst war damit überfordert. Oft war die CIA damit beschäftigt, misslungene verdeckte Operationen zu vertuschen und Kollateralschäden kleinzureden.

Das CIA-Gesetz vom 27. Mai 1949 verbot dem Geheimdienst zwar Aktivitäten im Inland, war aber sonst eine Art Freibrief. Weimer: "Das Gesetz gab dem Nachrichtendienst das Recht, fast alles zu tun, was er wollte, solange der Kongress das Geld dafür in Jahresrationen bewilligte."

Nach einer fatalen Logik wurde aus der Tatsache, dass etwas als geheim galt, geschlossen, es sei damit auch rechtmäßig. Weiner demonstriert dies an einer Vielzahl von Operationen mit quellenmäßig gesicherten Details.

Politische Instrumentalisierung

Von 1953 bis 1961 war Allen Dulles CIA-Direktor, während sein Bruder John Foster das State Department, also die Außenpolitik, leitete. Sie dirigierten allein in den ersten fünf Jahren ihrer Amtszeit etwa 200 Geheimaktionen. Die CIA organisierte den Putsch in Iran, die Rebellionen von Offizieren im Kongo, in Indonesien, Honduras, Nicragua und Guatemala. Die Bilanz war für diese Länder wie für die USA verheerend.

Für Guatemala etwa begannen nach dem Putsch, wie Weiner schreibt, "40 Jahre unter Militärherrschern, Todesschwadronen und bewaffneter Repression. Die für Geheimaktionen in Übersee erforderlichen Vertuschungsgeschichten wurden zum integralen Bestandteil des politischen Verhaltens, das sich die Agency in Washington angewöhnte."

Der Geheimdienst entglitt der politischen Kontrolle. Vermutlich waren alle bisherigen 21 CIA-Direktoren in Putsch- und Mordpläne involviert. Übereilte oder fingierte Alarmrufe, in diesem oder jenem Land drohe eine kommunistische Machtübernahme, genügten, diesen Glauben zur Grundlage für subversive Aktionen, Morde und militärische Interventionen zu machen.

Seit dem Vietnamkrieg und vollends mit Bushs weltweit geführtem Krieg gegen den Terrorismus wurde der Geheimdienst schamlos politisch instrumentalisiert.

Die Darstellung zerfällt in zwei Teile. Für die Amtszeiten von Truman, Eisenhower, Kennedy, Johnson, Nixon und Ford - also bis 1977 - wird das Buch dem Anspruch Weiners gerecht: "In diesem Buch wird alles belegt - keine anonymen Quellen, keine Zitate ohne Nachweise, keine bloßen Gerüchte." Für den Zeitraum bis 1977 sind reichlich Primärquellen und Archive zugänglich.

Für die Zeit danach gilt dies aber nur eingeschränkt. Für die jüngere Vergangenheit ist Weiner auf die Aussagen von Augenzeugen, ehemaligen Mitarbeitern der CIA und Politikern angewiesen, die natürlich nicht dieselbe Aussage- und Beweiskraft haben. Trotzdem zeichnet das Buch ein realistisches Bild des mächtigen Geheimdienstes jenseits von Verteufelung und Verharmlosung.

TIM WEINER: CIA. Die ganze Geschichte. Aus dem Amerikanischen von Elke und Ulrich Enderwitz, Monika Noll, Rolf Schubert. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2007. 864 Seiten, 22,90 Euro.