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US-Eliteeinheit Navy Seals:Die Geheimsten der Geheimen

Die zwei Dutzend Navy Seals, die das Versteck von Bin Laden gestürmt und ihn erschossen hatten, sind in den USA die Helden der Nation. Chefkoordinator des Einsatzes war William McRaven - ein Mann, über den einmal gesagt wurde: "Wenn einer smart genug ist und den Mumm hat, Bin Laden zu fangen, dann ist es er."

Reymer Klüver

Ihre wahre Identität werden die Amerikaner vermutlich nie erfahren. Sie bleiben wohl die namenlosen Helden der Nation: die etwa zwei Dutzend Kommandosoldaten der US-Marine, sogenannte Seals, die in der Nacht zum Montag das Versteck von Al-Qaida-Chef Osama bin Laden in Pakistan gestürmt und diesen erschossen hatten.

Obama will sich bei den Navy Seals bedanken

Soldaten der Navy Seals: Von gut tausend Bewerbern jedes Jahr schaffen es nicht einmal ein Viertel in die Eliteeinheit.

(Foto: dpa)

Am Freitag flogen US-Präsident Barack Obama und sein Vize Joe Biden nach Fort Campbell, einem ausgedehnten Militärstandort in Kentucky, um ihnen persönlich zu danken. Aber selbst das wurde offiziell zuvor nicht bestätigt. Das Weiße Haus teilte lediglich mit, dass Obama und Biden "Militärangehörige, die kürzlich aus dem Einsatz zurückgekehrt sind", treffen würden.

Seals steht für "Sea, Air and Land"-Teams, die Spezialeinheiten der US-Marine (seals heißt im Englischen auch Seehunde). Sie wurden 1962 auf Anweisung von US-Präsident John F. Kennedy gegründet - als Kommandoeinheit für den Anti-Guerilla-Kampf. Sie umfasst heute etwa 2500 Soldaten, eingeteilt in neun nummerierte Teams. Die mit einer ungeraden Zahl sind in San Diego an der Westküste stationiert, die mit einer geraden operieren von Virginia Beach aus an der Ostküste. Die jungen Soldaten durchlaufen ein grausames Härtetraining. Von gut tausend Bewerbern jedes Jahr schaffen es nicht einmal ein Viertel.

Die Männer, die in Bin Ladens Unterschlupf landeten, gehören zum "Team sechs" der Seals, offiziell United States Naval Special Warfare Development Group genannt. Das ist die Elite der Elite. Während die meisten Seals in ihren Zwanzigern sind, gehören diesem Team in der Regel erfahrene Soldaten um die 30 an. Bereits am Donnerstag hatte Obama Vize-Admiral William McRaven empfangen. Den Mann, der Washington am Sonntag den Tod Bin Ladens mit dem Codewort "Geronimo E-KIA" gemeldet hatte - "Geronimo killed in action".

McRaven war der Kommandeur und Chefplaner des Einsatzes. Der 55-Jährige dient gegenwärtig als Boss des Joint Special Operations Command der US-Streitkräfte, das die geheimsten der geheimen Einsätze der Kommandosoldaten aller Truppengattungen dirigiert. Der noch heute durchtrainierte McRaven gilt im US-Militär als Mastermind der Spezialeinsätze.

Bereits in seiner Abschlussarbeit an der Naval Postgraduate School hatte er sich mit Kommando-Operationen beschäftigt, später sogar eine Geschichte der bemerkenswertesten Spezialeinsätze in der modernen Kriegsführung verfasst - von der Befreiung des italienischen Diktators Mussolini 1943 durch deutsche Truppen bis hin zur Erstürmung einer entführten Passagiermaschine auf dem ugandischen Flughafen Entebbe durch israelische Spezialkräfte 1976. Beide Werke sind heute Pflichtlektüre für die Kommandeure amerikanischer Spezialeinheiten.

"Der smarteste Seal, den es je gab"

Im Februar hatte CIA-Chef Leon Panetta McRaven beauftragt, mögliche Szenarien für einen Einsatz gegen Bin Laden zu entwickeln. Er schlug ein Bombardement mit Präzisionswaffen vor, abgefeuert von B-2-Bombern, eine Raketenattacke oder eben den Seal-Einsatz, für den Obama am Freitag vergangener Woche sein Okay gab.

Obama will sich bei den Navy Seals bedanken

Zwei Soldaten der Navy Seals: Von gut tausend Bewerbern jedes Jahr schaffen es nicht einmal ein Viertel in die Eliteeinheit.

(Foto: dpa)

McRaven, von dem selbst Freunde sagen, dass er jedem "innerhalb einer Nano-Sekunde ein Messer in die Brust rammen" könnte, schien die steile Karriere zum Befehlshaber der US-Elitesoldaten nicht vorgegeben zu sein. Ins Abschlussjahrbuch seiner High School in Texas listete er 1973 als Interessen auf: Laufen, Theater, Schach sowie die Mitgliedschaft in der Umweltschutzgruppe und im Club christlicher Athleten an seiner Schule. Danach studierte er Journalistik.

Doch schon am College in Austin war sein Interesse am Militär offenbar geweckt. Er verpflichtete sich für die Reserve, trainierte für die Bewerbung bei den Seals. Dort machte er rasch Karriere und wurde 2001 im Rang eines Obersts ins Weiße Haus versetzt, als kurz nach den Anschlägen von 9/11 klar geworden war, dass Spezialkräfte im Kampf gegen al-Qaida eine herausragende Bedeutung haben würden.

Er dirigierte Einsätze in Afghanistan, im Jemen und Irak und kommandierte eine Einheit, die an der Festnahme des irakischen Diktators Saddam Hussein beteiligt war. Nach einem Einsatz in Afghanistan, bei dem Kinder getötet wurden, ging er persönlich in die Provinz Paktia, um bei den Dorfältesten um Vergebung zu bitten: Er hatte zwei Schafe und 30.000 Dollar dabei.

"Bill ist der smarteste Seal, den es je gab", sagte schon vor Jahren einer seiner Vorgesetzten dem Nachrichtenmagazin Newsweek. Und bereits 2004 zeigte sich sein damaliger Boss General Wayne Downing überzeugt: "Wenn einer smart genug ist und den Mumm hat, Bin Laden zu fangen, dann ist es er." Seine Worte sollten sich als prophetisch erweisen.

Im März hatte Verteidigungsminister Robert Gates die Beförderung McRavens zum Vier-Sterne-Admiral und Chef des Special Operation Command in Florida vorgeschlagen, dem Oberkommando für alle Spezialeinsätze der Streitkräfte. Die Beförderung muss noch vom Senat bestätigt werden. Dem dürfte nun nichts mehr im Wege stehen.

© SZ vom 07.05.2011/dmo

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