US-Einsatz gegen den IS Intervention ohne Fußabdruck

US-Kampfflugzeug vor dem Einsatz gegen den "Islamischen Staat".

(Foto: AP)

"No boots on the ground" nennen die Amerikaner die Strategie der US-Truppen im Irak und in Syrien: keine Bodentruppen. Doch nicht nur die Opposition zweifelt daran, dass sich das durchsetzen lässt.

Von Nicolas Richter, Washington

Seit dem Beginn seiner Offensive gegen die Terroristen des so genannten "Islamischen Staats" im Irak und in Syrien versichert Barack Obama seinem Volk, er werde keine neuen Kampftruppen in den Nahen Osten entsenden. In seiner jüngsten Rede an die Nation kündigte er zwar an, 475 weitere Soldaten in den Irak zu schicken, fügte aber hinzu: "Diese Streitkräfte haben keinen Kampfauftrag. Wir werden uns nicht in einen weiteren Bodenkrieg im Irak hineinziehen lassen."

Kürzlich beteuerte Obama auch vor den Vereinten Nationen: "Wir möchten nicht US-Truppen schicken, um fremden Boden zu besetzen." In den USA heißt diese Politik "no boots on the ground" - keine amerikanischen Militärstiefel am Boden.

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In Washington zweifeln allerdings immer mehr Politiker und Experten daran, dass der IS allein mit US-Raketen zu schlagen ist. "Man wird mehr als Luftschläge brauchen, um die Terroristen zu vertreiben", sagte am Sonntag John Boehner, der Anführer der Republikaner im Abgeordnetenhaus. "Die Stiefel von irgendwem müssen irgendwann am Boden sein." Auf die Frage, ob dies notfalls US-Truppen sein müssten, sagte Boehner: "Wir haben keine andere Wahl. Das sind Barbaren. Sie wollen uns töten. Wenn wir sie nicht zuerst zerstören, werden wir dafür bezahlen." Boehner befand es für unklug, dass der Präsident bestimmte militärische Optionen von vornherein ausschließe.

Kurdischer Kämpfer nahe Mosul im Irak: Die Peschmerga, so Obamas Kalkül, sollen den Nahkampf mit den Terroristen des IS übernehmen.

(Foto: Ahmed Jadallah/Reuters)

Kein "Krieg", sondern "Hilfe zur Selbsthilfe"

Obama beschreibt seine Luftangriffe gegen den IS als Hilfe zur Selbsthilfe für den Irak, nicht als US-Kampfeinsatz, er vermeidet sogar den Begriff "Krieg". Er lässt die Terroristen mit US-Kampfflugzeugen und Drohnen angreifen, den Nahkampf aber möchte er anderen überlassen: im Irak der irakischen Armee und den kurdischen Peschmerga, in Syrien den gemäßigten Rebellen.

Die 1600 US-Soldaten, die der Präsident in den Irak geschickt hat, sollen beraten, nicht sich selbst in Gefahr bringen. Diese zurückhaltende Rolle hat mehr politische Gründe denn strategische: Obama ist wegen seines Widerstands gegen die US-Invasion im Irak 2003 gewählt worden und sieht den Abzug der US-Soldaten 2011 als erfülltes Wahlversprechen. Wie der Präsident hegt auch die Öffentlichkeit eine tiefe Abneigung gegen teure militärische Abenteuer mit ungewissen Erfolgsaussichten.

Anderthalb Monate nach Beginn der US-Luftangriffe im Irak aber offenbaren sich die Grenzen von Obamas Minimaltaktik. Es ist den USA und ihren Partnern zwar gelungen, den Vormarsch des IS auf Großstädte wie Erbil und Bagdad zu stoppen und etwa den Staudamm von Mossul zurückzuerobern. Allerdings erleidet die irakische Armee auch in jüngster Zeit noch schwere Niederlagen gegen die Terroristen, und die Militanten halten immer noch ein Viertel des Landes besetzt. Aus der Luft können die USA zwar die Infrastruktur des IS zerstören, Öl- und Munitionslager etwa, aber sie können nicht ganze Orte bombardieren, in denen sich der IS eingenistet hat, ohne dabei zahllose Zivilisten zu töten.

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Die Hilfe der Sunniten im Irak und der Rebellen in Syrien ist ungewiss

Obama hofft darauf, dass letztlich die sunnitischen Stämme im Irak dabei helfen, die Extremisten auszugrenzen, wie schon vor sieben Jahren, als gemäßigte Sunniten die brutalen Aufständischen al-Qaidas vertrieben. Diese Hilfe ist allerdings ungewiss: Etliche Sunniten im Irak sympathisieren mit dem IS, weil sie von der schiitisch dominierten Zentralregierung in Bagdad jahrelang unterdrückt wurden.

Im benachbarten Syrien, wo das Hauptquartier der Terroristen liegt, sind die Verbündeten der USA am Boden noch schwächer. Es sind gemäßigte Rebellen, die Obama zu Beginn des syrischen Bürgerkriegs erst gar nicht unterstützen wollte, weil er sie für unzuverlässig hielt, und von denen die USA nun doch 5000 ausrüsten und trainieren wollen. Nach der Ausbildung in Saudi-Arabien müssen diese Rebellen in Syrien aber nicht nur gegen die Terroristen kämpfen, sondern auch gegen die Truppen von Diktator Baschar al-Assad.

Obama wird seinen Widerstand gegen Bodentruppen deswegen womöglich relativieren müssen. Kürzlich sorgte sein eigener Generalstabschef Martin Dempsey für Aufsehen, als er die Option ins Spiel brachte, dass sich US-Sondereinheiten bei einzelnen Kampfeinsätzen unter die irakischen Truppen mischen - sich also auch an der Front einbringen, und nicht mehr nur im irakischen Hauptquartier. Obama habe dies zunächst abgelehnt, sei aber offen dafür, es "von Fall zu Fall" neu zu bewerten, sagte Dempsey. Er werde dem Präsidenten einen solchen US-Einsatz an der Front womöglich abermals empfehlen.

Obama bekannte am Sonntag, die USA seien von der Schlagkraft und Entschlossenheit des IS überrascht worden. Zuvor hatte bereits US-Geheimdienstdirektor James Clapper erklärt, den Vereinigten Staaten sei jetzt derselbe Fehler unterlaufen wie einst in Vietnam - sie hätten den Kampfeswillen des Feindes unterschätzt. Im Vietnam-Krieg starben, vor allem am Boden, 58 000 US-Soldaten.