Süddeutsche Zeitung

US-Demokraten nominieren Obama in Charlotte:Bill Clintons fulminante Verbeugung vor Obama

Lesezeit: 5 min

"Cool nach außen, aber ein Mann, der im Inneren für Amerika brennt ": Mit einer furiosen Rede bringt Bill Clinton den Parteitag der Demokraten zum Kochen. Niemand hätte es vermocht, all die Probleme zu lösen, die Obama vorgefunden habe. Clinton wechselt spielend zwischen den Rollen des "Elder Statesman" und des Wahlkämpfers. Am Ende verbeugt sich ein Präsident vor dem anderen.

Matthias Kolb, Charlotte

Die Amerikaner lieben Zahlen und Statistiken. Das weiß jeder, der schon mal eine Sportsendung in den USA gesehen hat. Natürlich weiß das auch Bill Clinton, jener Menschenfischer, der sich auch nach Jahrzehnten an eine Zufallsbekanntschaft erinnern kann. Und so spickt der 42. Präsident seine Rede zur Verteidigung der Erfolgsbilanz von Barack Obama mit vielen Zahlen.

Seit 1960 hätten Republikaner 28 Jahre lang den Präsidenten gestellt, während Demokraten 24 Jahre im Weißen Haus saßen. Clinton hält kurz inne, bevor er sagt: "Ziehen wir doch einfach Bilanz: Die Republikaner haben 24 Millionen Jobs geschaffen, die Demokraten hingegen 42 Millionen."

Die Tausenden Delegierten hält es nach diesem Satz nicht mehr auf den Sitzen: Sie applaudieren dem Mann, dem an diesem Abend spielend gelingt, woran sein Nachnachfolger seit Monaten scheitert: Bill Clinton fasst in fulminanten 48 Minuten zusammen, weshalb die erste Amtszeit Obamas aus Demokraten-Sicht ein voller Erfolg ist.

Dies war Clintons inoffizielle Aufgabe; offiziell sollte er vorschlagen, Obama zum Kandidaten der Demokraten zu machen. Mit den Worten "Ich möchte einen Mann nominieren, der nach außen cool wirkt, aber im Inneren für Amerika brennt. Ich will, dass Barack Obama der nächste Präsident der Vereinigten Staaten ist" beginnt der 66-Jährige seine Rede. Clinton begründet dies vor allem mit der Art, wie Obama Amerika durch die größte Wirtschaftskrise seit der Großen Rezession gesteuert habe.

Doch bevor Clinton detailliert die einzelnen Maßnahmen des ersten afroamerikanischen Präsidenten verteidigt, widmet er sich dem politischen Gegner. Beim Parteitag in Tampa hätten die Republikaner viel darüber geredet, dass Demokraten nichts von Wirtschaft verstünden und anderen ihren Erfolg neideten. Dies sei grundfalsch: "Wir Demokraten glauben an eine starke Mittelklasse und dass man gemeinsam mehr erreichen kann."

Clinton legt los

Bill Clinton spielt die Rolle des Altpräsidenten, den 69 Prozent aller Amerikaner mögen. Er könne nicht verstehen, wieso die Konservativen Obama offenbar so sehr hassten, dass sie sich jeglicher Kooperation verweigerten. Er habe als Gouverneur von Arkansas und als Präsident stets mit den Konservativen und Unhabhängigen zusammengearbeitet und tue dies noch heute bei Projekten seiner Stiftung. Es gehe schließlich darum, Lösungen zu finden.

Auch der Amtsinhaber sei stets zur Zusammenarbeit bereit, sagt Clinton. Mit Joe Biden habe Obama einen Mann zum Vizepräsidenten ernannt, der 2008 gegen ihn angetreten sei. "Obama hat Leute zu Ministern gemacht, obwohl sie im Vorwahlkampf für Hillary waren. Und, zum Teufel, er hat sogar Hillary zur Außenministerin ernannt", ruft Clinton aus. Er sei stolz auf die gute Beziehung zwischen seiner Ehefrau und Obama, die der Welt beweise, dass Politik kein blutiger Sport sein müsse, sondern auch ein ehrbares Unterfangen sein könne.

Dann wechselt Clinton in die Rolle des Top-Wahlkämpfers. Die Argumentation der Republikaner auf ihrem Parteitag vergangene Woche in Tampa sei "erstaunlich simpel" gewesen, lästert Clinton: "Wir haben ihm ein totales Durcheinander hinterlassen, er ist mit dem Aufräumen noch nicht fertig, also schmeißt ihn raus und gebt uns wieder die Verantwortung."

Bereits an dieser Stelle, etwa zur Hälfte der Rede, war das Risiko der Parteitag-Choreographen aufgegangen, mit der Tradition zu brechen, wonach der Vizepräsident den vorletzten Abend eines Parteitags beendet. Stattdessen hatten sie den im ganzen Land beliebten Clinton für Obama die Werbetrommel rühren lassen ( mehr über die Annäherung der beiden Präsidenten im Wahlblog von Süddeutsche.de). Und Clinton legt nun richtig los: Im Gegensatz zu den "konzeptlosen" Republikanern habe Obama die Erholung eingeleitet und die Grundlage für "eine neue, moderne, erfolgreiche Wirtschaft des geteilten Wohlstands" gelegt, sagte der frühere Staatschef.

Geduldig ruft Clinton den Amerikanern vor den TV-Bildschirmen die Ausgangslage ins Gedächtnis zurück. Als Obama zu regieren begann, hätten die USA monatlich 750.000 Jobs verloren. Nun entstünden wieder Arbeitsplätze, noch würden dies aber nicht alle Leute spüren. Ihm sei dies 1994 und Anfang 1995 ähnlich gegangen, doch "glücklicherweise brummte die Wirtschaft im Wahljahr 1996 wieder". Dann bittet der 66-Jährige sein Publikum um Aufmerksamkeit: "Hört mir zu: Kein Präsident, auch ich nicht, hätte all den Schaden, den er vorgefunden hat, in nur vier Jahren reparieren können."

In aller Klarheit hämmert Clinton den Zuhörern ein, dass es im November um Grundsätzliches gehe: "Die wichtigste Frage ist: In was für einem Land wollt Ihr leben?" Die Republikaner Mitt Romney und sein Vize Paul Ryan stünden für ein egoistisches Gesellschaftsbild getreu dem Motto "The winner takes it all", während sich Obama und Stellvertreter Joe Biden dafür einsetzen, Wohlstand zu teilen und Verantwortung füreinander zu übernehmen.

Clinton demontiert die Argumente des Gegeners

Für den 42. Präsidenten steht fest, dass es den Amerikanern heute besser gehe als vor vier Jahren, da sich das Land auf dem richtigen Weg befinde. Obama könne stolz auf seine Bilanz sein: In seiner Amtszeit seien 4,5 Millionen Jobs entstanden, während bei den Republikanern dank ihrer Blockadehaltung eine Null stünde. Clinton verteidigt die Investitionen in Infrastruktur und Bildung sowie die Einführung von Obamacare: Anders als von Romney/Ryan behauptet, habe Obama Medicare nicht geschwächt, sondern gestärkt und deren Fortbestand gesichert.

Nach und nach demontiert Clinton all die Argumente der Republikaner und widmet sich besonders der Schuldenproblematik. Präsident Obama habe einen Vorschlag vorgelegt, um vier Billionen Dollar in zehn Jahren einzusparen. Bei Romney dagegen würden die Zahlen einfach nicht zusammenpassen: Man baue Schulden nicht ab, indem man Steuern senke und Staatseinnahmen reduziere - und nicht verrate, welche Steuerschlupflöcher geschlossen werden sollten. Immer wieder sei er gefragt worden, wie er es als Präsident geschafft habe, vier Jahre hintereinander einen Haushaltsüberschuss zu erwirtschaften. Die Antwort sei einfach: Arithmetik.

Bevor Clinton die Bühne betrat, hatten bereits mehrere Aktivisten für eine zweite Amtszeit Obamas geworben. Kriegsveteranen und Gewerkschaftsvertreter legten sich ebenso ins Zeug wie Cecilia Richards von Planned Parenthood sowie Vertreter der Dreamers - jene als Kinder illegal nach Amerika eingereisten Bürger, die Obama jüngst per Dekret von der Gefahr der Deportation befreite. Sie alle betonten: Bei der Wahl 2012 geht es um viel mehr als vor vier Jahren.

Zu Beginn der Primetime lieferte dann die Jurastudentin Sandra Fluke ein Plädoyer für Frauenrechte ab - sie war vom konservativen Radiomoderator Rush Limbaugh als "Schlampe" beschimpft worden, nachdem sie sich vehement für Verhütung eingesetzt hatte. Und unmittelbar vor dem 66-jährigen Clinton kritisierte Elizabeth Warren, die Frontfrau der Liberalen, unter großem Jubel die Exzesse der Wall-Street-Banken und forderte mehr soziale Gerechtigkeit.

Warren wurde frenetisch bejubelt, doch vom zweiten Tag des Parteitags wird vor allem die Rede des Bill Clinton in Erinnerung bleiben - und eine ganz besondere Geste. Nach einem leidenschaftlichen Appell, am 6. November für Barack Obama und ein sozial gerechteres Amerika zu stimmen, tritt Clinton vom Rednerpult zurück und winkt ins Publikum. Aus dem Hintergrund erscheint plötzlich ein ebenfalls schlaksiger Mann: Es ist US-Präsident Barack Obama, der sich für Clintons Einsatz bedanken will. Da überrascht Clinton sein Millionen-Publikum ein letztes Mal: Der 42. Präsident verneigt sich vor Obama.

Nach diesem denkwürdigen Abend und dem Rockstar-Auftritt von First Lady Michelle steigen nun die Erwartungen an Barack Obama, der in der Nacht auf Freitag seine Nominierung als Kandidat der Demokraten annehmen und anschließend - so orakeln seine Berater - ein Programm für seine zweite Amtszeit darlegen wird. Weil die Meteorologen Regen und Wolkenbrüche zum schwül-heißen Wetter in Charlotte vorhersagen, werden Obama und Vizepräsident Joe Biden allerdings nicht im Open-Air-Football-Stadion, sondern ebenfalls in der Times Warner Cable-Halle reden.

Linktipps:

- Die gesamte Rede von Bill Clinton im englischen Wortlaut bei der New York Times .

- In einem kurzen Clip aus einem NBC-Interview erklärt Bill Clinton, weshalb er Barack Obama unterstützt.

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