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US-Demokraten:Abgesagte Revolution

Bernie Sanders wollte den Amerikanern den "demokratischen Sozialismus" nahebringen. Doch dafür fehlte ihm der Rückhalt - auch bei den Wählern seiner Partei. Nun obliegt es dem Pragmatiker Joe Biden, die Präsidentschaft zu erobern.

Von Hubert Wetzel

Bernie Sanders hat zwei Mal vergeblich versucht, Präsidentschaftskandidat der Demokraten zu werden. Er ist 78 Jahre alt und hat einen Herzinfarkt hinter sich. Eine dritte Kandidatur wird es daher aller Wahrscheinlichkeit nach nicht geben. Sanders bleibt zwar Senator des Bundesstaates Vermont. Aber in höhere Sphären wird seine politische Karriere ihn wohl nicht mehr tragen.

Dabei war diese Karriere durchaus bemerkenswert. Es gab in den vergangenen Jahren keinen Politiker, der die Demokratische Partei so stark geprägt hat wie Bernie Sanders. Der Mann, der sich stets stolz als "demokratischen Sozialisten" bezeichnet, hat aus den Demokraten keine sozialistische Partei gemacht. Aber er hat sie weit nach links gedrückt. So weit, dass selbst Barack Obama, der ja nun alles andere als ein Rechter ist, nervös wurde. Die Folge davon ist, dass der mutmaßliche demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden nun mit einem Programm antreten muss, das er noch vor ein paar Jahren als linksliberales Fantasiegeschwätz abgetan hätte. Dieser Linksruck ist, wenn man so will, das politische Vermächtnis von Bernie Sanders.

Ob er damit Biden und den Demokraten geholfen hat, im November den amtierenden Präsidenten Donald Trump zu schlagen, ist allerdings eine ganz andere Frage. Denn so erfolgreich Sanders dabei gewesen sein mag, die Demokraten programmatisch neu auszurichten, so sehr hat er sich zugleich offenbar politisch verkalkuliert. Wenn der zurückliegende Vorwahlkampf eines gezeigt hat, dann dass nicht einmal die Mehrheit der demokratischen Wähler Appetit auf seine sozialistische Revolution hat. Warum hätte dann eine Mehrheit der amerikanischen Wähler dafür stimmen sollen?

Sanders' Ideen waren sinnvoll, aber politisch nicht durchzusetzen

Das heißt nicht, dass einige von Sanders' Ideen nicht sinnvoll wären. Natürlich bräuchten die USA dringend eine allgemeine Krankenversicherung, bezahlbare Bildung und ein soziales Netz, das Menschen, die abstürzen, tatsächlich auffängt, hält und schützt. Die Corona-Krise hat in den vergangenen Wochen viele dieser Probleme offengelegt. Aber zwischen dem, was sinnvoll und wünschenswert ist, und dem, was politisch machbar ist, liegt zuweilen ein sehr tiefer Graben. Sanders hat nie erklärt, wie er den eigentlich überwinden will. Politiker versprechen in Wahlkämpfen immer viel. Aber bei Sanders war die Entkoppelung von der Realität besonders offensichtlich.

Biden hat weniger ehrgeizige Ziele. Er verspricht keine Revolutionen, allenfalls ein paar Reformen. Vor allem aber verspricht er, dass mit ihm als Präsidenten wieder ein gewisses Maß an Normalität und Ruhe, an Ernsthaftigkeit und Kompetenz in die amerikanische Politik zurückkehren wird. Joe Biden ist kein besonders begeisternder Wahlkämpfer, und er ist - da hat Bernie Sanders recht - vermutlich nicht die Zukunft der Partei.

Aber vielleicht geht es bei der bevorstehenden Wahl auch gar nicht um große, wolkige Zukunftsentwürfe. Sondern darum, die apokalyptische Gegenwart halbwegs zu reparieren. Wer sich derzeit die täglichen Auftritte von Donald Trump ansieht, bei denen er sich für sein Corona-Krisenmanagement lobt, während gleichzeitig in New York Massengräber ausgehoben werden, sehnt sich jedenfalls eher nach Normalität und Kompetenz als nach einer Revolution. Die muss warten.

© SZ vom 11.04.2020
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