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US-Comedian Colbert entlarvt absurde Wahlregeln:"Stimmt für den Kandidaten mit dem C im Namen"

Lesezeit: 3 min

Stephen Colbert mischt den US-Wahlkampf gerade mächtig auf. Der TV-Satiriker macht sich selbst zum Kandidaten, holt sich den bissigen Jon Stewart an seine Seite - und führt mit einer virtuos inzenierten Kampagne den Amerikanern vor, wie absurd viele Wahlkampfregelungen sind. Der lange ausgeschiedene Herman Cain spielt dabei eine wichtige Rolle.

Matthias Kolb, Washington

Vor der Kamera und den Mikrofonen sind sich alle Republikaner einig: Die Anzeigen und Wahlvideos, in denen schwere Anschuldigungen gegen andere Kandidaten erhoben werden, sind unerträglich. "Ich mag diese Spots nicht, aber das Gesetz verbietet es mir, Einfluss auf das Super-Pac "Restore Our Future" (Unsere Zukunft stärken) zu nehmen", erklärte Mitt Romney am Ende der Fox-News-Debatte. Restore Our Future hatte für die Filmchen bezahlt. Auch Newt Gingrich klagte, dass er dem ihm verbundenen Wahlverein mit dem schönen Namen "Winning Our Future" (Unsere Zukunft gewinnen) nichts befehlen dürfe - er könne sich nur öffentlich von einigen der Spots distanzieren.

In den USA wird momentan über das Phänomen der Super-Pacs - Pac steht für Political Action Comittee - fast so heftig diskutiert wie über die Erfolgschancen der vier verbliebenen Herausforderer von US-Präsident Barack Obama. (Weitere Hintergründe über die Wahlvereine von Romney, Gingrich und Santorum in diesem SZ-Artikel.) Das liegt nicht nur an den professionell gemachten Filmen, in denen zum Beispiel Romneys Vergangenheit als Investmentbanker ("When Mitt Romney comes to town") oder Newt Gingrichs Arbeit als Lobbyist ("Newt has a ton of baggage") kritisiert werden, sondern auch an der virtuosen Kampagne des TV-Satirikers Stephen Colbert.

Der 47-Jährige nimmt sonst in seiner Sendung "Colbert Report" das politische Treiben in Washington aufs Korn. Seit einigen Tagen kokettiert der Entertainer damit, bei der Vorwahl in seinem Heimatstaat South Carolina als republikanischer Bewerber anzutreten - und kündigte an, mehr Stimmen zu bekommen, als Jon Huntsman, der mittlerweile aus dem Rennen ausgestiegen ist. Aussagen wie "Die Wähler wollen einen Mann, der die frühere Größe unserer Nation wieder zu ihrer jetzigen Perfektion macht" überspitzen die in Amerika verbreitete Politsprache. Gekonnt spielt Colbert vor allem mit der Rhetorik der Republikaner, die sich gern auf die founding fathers berufen: "Wenn unsere Gründungsväter gewollt hätten, dass wir uns um den Rest der Welt kümmern, dann hätten sie nicht ihre Unabhängigkeit von ihr erklärt."

Schnell wurde auch das "The Definitely Not Coordinating With Stephen Colbert Super PAC" ("Definitiv nicht mit Stephen Colbert koordiniertes Super PAC") gegründet, das von Jon Stewart, dem wohl bissigsten Entertainer Amerikas, geleitet wird. Der Super-Pac-Slogan "Americans for a Better Tomorrow, Tomorrow" ist ähnlich sinnfrei, wie jene der anderen Kampagnen und natürlich zeigt das Colbert-Pac auf seiner Website die typisch dreckigen Werbespots, in denen etwa Mitt Romney mit dem Serienkiller "Mitt the ripper" verglichen wird, dazu werden pseudowissenschaftliche Statistiken veröffentlicht.

Colbert nimmt sich selbst nicht zu ernst

Bei einem Besuch von Stephen Colbert in Stewarts Satire-Nachrichtensendung "The Daily Show" machten die beiden in wenigen Minuten klar, welch absurde Regeln der Oberste Gerichtshof für den Wahlkampf geschaffen hat. Da Firmen und Privatleute unbegrenzt spenden dürfen, spielt Geld jetzt nämlich eine noch größere Rolle als zuvor. Offiziell ist zwar die Zusammenarbeit zwischen den Wahlvereinen und den Kandidaten streng verboten, doch da alle Super-Pacs von Freunden und früheren Mitarbeitern der Bewerber geleitet werden, ist ideologische Nähe garantiert.

Für die beiden Satiriker ist es ein Leichtes, dieses System als zumindest irrwitzig zu entlarven: Direkte Kommunikation sei streng verboten, warnt Colbert also während des Besuchs in Stewards Studio - doch über die Medien könnten die Kandidaten doch kundtun, welche der Botschaften sie gutheißen. Sofort zieht Stewart einen Fernseher aus Pappe hervor, um so Colberts Anweisungen zu empfangen. Auch dass ein und der selbe Anwalt für den Kandidaten und das Super-Pac arbeiten darf, wird vorgeführt: Wange an Wange sprechen Colbert und Stewart in das gleiche Telefon, kichern wie Schuljungen, weil der Jurist am anderen Ende der Leitung nicht einschreitet, solange Vielleicht-Kandidat Colbert auf Stewarts Vorschläge stets erwidert: "Ich darf nicht mit dir kooperieren". Einmal jedoch mit zustimmendem Lachen, dann wieder mit abweisender Ernsthaftigkeit. (Colberts Auftritt bei Jon Stewart ist hier zu sehen.)

Wie kompliziert die rechtliche Lage in den USA gerade ist, illustriert ein weiterer im Internet kursierender Werbespot, in dem Stephen Colbert dafür kritisiert wird, aus dem Wahlkampf einen "Zirkus" zu machen. Dieser wurde von Colberts so genanntem presidential exploratory committee bezahlt, das jeder Kandidat aus rechtlichen Gründen ins Leben rufen muss. Nur dann darf er für seine Kampagne Geld sammeln und Mitarbeiter einstellen. (Die Hintergründe dazu hier.) Augenzwinkernd macht der 47-jährige Colbert so klar, dass er sich selbst nicht zu ernst nimmt.

Die mögliche Präsidentschaftskandidatur ist nicht die erste Aktion, mit der sich Stewart und Colbert in die Tagespolitik einmischen: Im Oktober 2010, zum Ende der mit harten Bandagen geführten Kampagnen rund um die Kongresswahlen, mobilisierten sie 200.000 Amerikaner zu einer Protestkampagne gegen die Tea-Party-Bewegung und warben für Vernunft und Toleranz.

Bleibt noch eine Frage: Wie will es Colbert auf die Stimmzettel für die primary am Samstag in South Carolina schaffen? Die Anmeldefrist ist längst verstrichen. Auf den Wahlzetteln wird jedoch noch immer der Name des ausgeschiedenen Pizza-Königs Herman Cain stehen - und so bittet Colbert seine Anhänger in einem Werbespot, einfach für den "Kandidaten mit dem C im Namen" zu stimmen.

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Linktipp: Interview mit Colbert bei ABC News.

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