US-Bewegung "QAnon" Die wirre Welt der Verschwörungstheoretiker

Bei Veranstaltungen mit Donald Trump wie hier in Pennsylvania tauchen zunehmend Q-Zeichen auf. Anhänger von "QAnon" glauben, der Präsident sende ihnen mit Schreibfehlern bei Tweets Zeichen.

(Foto: Matt Rourke/AP)
  • In den USA ist ein Kult um einen Internetuser entstanden, der sich "Q" nennt. Unter dieser Bezeichnung werden krudeste Verschwörungstheorien verbreitet.
  • Ob hinter Q nur eine Person steht oder mehrere, ist unter den Anhängern umstritten.
  • Einige der Anhänger sind schon zur Tat geschritten.
Von Christian Zaschke, New York

Die Rechtschreibfehler, die sich so oft in den Tweets von US-Präsident Donald Trump finden? Sind geheime Zeichen, verborgene Botschaften an seine treuesten Anhänger. Hillary Clinton? Ist längst mit einer elektronischen Fußfessel versehen worden, damit sie sich nicht klammheimlich aus dem Staub machen kann. Hollywood? Ist bekanntlich voller Pädophiler, die überdies im Kinderhandel aktiv sind. An diese und viele weitere durch nichts belegte Theorien glauben die Anhänger von QAnon, einer amerikanischen Bewegung, die ihren Ursprung im Herbst des vergangenen Jahres in einer schattigen Nische im Internet nahm und nun immer deutlicher in der wirklichen Welt zu sehen ist.

Im Oktober vergangenen Jahres meldete sich auf der weitgehend unregulierten Website "4chan" ein User namens "Q" zu Wort. Dieser teilte mit, dass die Auslieferung Hillary Clintons (wohin auch immer) unmittelbar bevorstehe. In einer zweiten Botschaft verkündete er, Clinton werde am 30. Oktober 2017 festgenommen werden (was natürlich nicht geschah). Seither hat Q fast 1800 Nachrichten geschrieben und eine stetig wachsende Gefolgschaft aufgebaut, die den Kult QAnon bildet - das "Anon" steht für anonym.

Der User Q ist, so glauben es seine Anhänger, ein Regierungsinsider mit Zugriff auf streng geheimes Material; der Buchstabe Q ist eine Anspielung auf die gleichnamige Sicherheitsstufe. In mehr oder weniger codierten Botschaften bereitet er Amerika auf das "große Erwachen" vor, dem wiederum "der Sturm" folgen werde. Das soll bedeuten, dass der "tiefe Staat", also das Netzwerk von Bürokraten, Behörden und Medien, das Amerika angeblich seit Jahren kontrolliert und gegen Trump arbeitet, endgültig hinfortgeschwemmt wird.

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Ob hinter Q nur eine Person steht oder mehrere, ist unter den Anhängern umstritten. Viele glauben, es könnte sich um einen oder mehrere Militärangehörige handeln. Andere glauben, Trump selbst könnte zu einer Gruppe gehören, die unter dem Namen Q Informationen an die Erleuchteten beziehungsweise Erwachten weitergibt.

Von der Website 4chan sind die Botschaften mittlerweile auf die Seite 8chan gewandert. Auf diesen Seiten kann man sich in Foren zu allen und wirklich allen Themen weitgehend unkontrolliert austauschen. Zudem ist der Q-Kult in den Mainstream gesickert. Bei Amazon gibt es seit geraumer Zeit T-Shirts zu kaufen, bedruckt mit einem Q in den Farben der amerikanischen Flagge oder mit dem Slogan der Bewegung: "Wohin einer von uns geht, gehen wir alle."

Einige Anhänger der falschen Prophezeiungen sind schon zur Tat geschritten

Nachdem bei einer Wahlkampfveranstaltung Trumps in Florida in der vergangenen Woche erstaunlich viele Plakate mit einem Q zu sehen waren, begannen die großen amerikanischen Zeitungen, Fragen zu stellen. Was hatte es damit auf sich? Verschiedene Fernsehsender nahmen sich der Sache ebenfalls an. In den Foren bemerkten Q-Anhänger zufrieden: Wir sind im Mainstream angekommen.

Es handelt sich beim Q-Kult um eine Verschwörungstheorie der bizarreren Sorte. Wie viele Anhänger sie hat, ist unklar. Der Washington Post sagte ein Fan, er glaube, dass es mittlerweile mindestens eine Million Aktivisten gebe. Wahrscheinlicher ist, dass es einige Zehntausend sind. Zu den wichtigsten Thesen der Q-Anhänger gehört, dass der Sonderermittler Robert Mueller nicht gegen Trump ermittele. Mueller soll herausfinden, wie genau die Russen den Wahlkampf im Jahr 2016 beeinflusst haben und ob es eine direkte Zusammenarbeit mit Trumps Team gab. Die Q-Leute glauben hingegen, in Wahrheit habe Trump eine Zusammenarbeit mit den Russen nur vorgetäuscht, um Mueller einsetzen zu können, damit dieser gegen Hillary Clinton, Barack Obama und den Investor George Soros ermitteln könne, weil diese Gruppe einen Staatsstreich plane. Nicht nur das: Wie Teile der Hollywood-Elite seien auch sie in Kinderhandel involviert.

Im Detail funktioniert es so, dass Q den Anhängern sogenannte Krumen hinwirft - gemeint sind seine Texte im Internet. Aus diesen sollen die Anhänger, die "Bäcker", so die Idee, einen Teig machen, der schließlich aufgeht und zur Erweckung und dann zum Sturm führen wird. Abgesehen davon, dass weder Backen noch die Herstellung von Teig auf diese Weise funktionieren: Die Botschaften Qs widersprechen einander oft, und seine Prophezeiungen treten nicht ein.

Aber seine Anhänger finden immer eine Erklärung. Dass zum Beispiel Hillary Clinton immer noch auf freiem Fuß ist, liege daran, dass sie nun eben, wie erwähnt, eine elektronische Fußfessel trage und von Trumps Leuten überwacht werde.

Man müsste das als hanebüchenen Schwachsinn abtun, wenn es nicht konkrete Folgen hätte. Im Juli hat ein bewaffneter Q-Anhänger seinen gepanzerten Kleinlaster zum berühmten Hoover-Staudamm in Nevada gefahren und dort den Verkehr stundenlang blockiert. Er verlangte die Herausgabe eines Untersuchungsberichts, der, wie er sagte, Clinton und Obama mit einem Kindersex-Ring in Verbindung bringe. In Arizona marschierte eine Gruppe namens "Veterans on Patrol" schwer bewaffnet in ein Obdachlosenlager ein, weil sie dort ein Kartell vermutete, das Kinderhandel betreibt. Anwalt Michael Avenatti, der unter anderem die Pornodarstellerin Stormy Daniels vertritt, die behauptet, Sex mit Trump gehabt zu haben, musste feststellen, dass ein Q-Anhänger vor seinem Fenster patroullierte, nachdem Fotos seines Büros in Q-Foren veröffentlicht worden waren.

Dass Trump Q mindestens wohlgesonnen ist, liegt für die Fans dieser Verschwörungstheorie auf der Hand. Nicht nur mittels seiner Rechtschreibfehler sende er ihnen Nachrichten, glauben sie. Bevor er Präsident wurde, sagte Trump einmal, sei er höchstens 17 Mal in Washington gewesen. Der 17. Buchstabe im Alphabet ist Q.

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