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Urteil gegen "Pussy Riot":Beobachter sehen Chance auf Strafmilderung

Der Protest nach dem Urteil der Punk-Musikerinnen von "Pussy Riot" wächst und wächst - und hat vielleicht sogar Aussicht auf Erfolg: Einige russische Prozessbeobachter sagen eine Abmilderung der Strafen voraus.

Das Schicksal der drei jungen mutigen Frauen mit den bunten Sturmhauben bewegt die Welt. Tausende gehen für sie auf die Straße, Staatenlenker und Künstler treten energisch für sie ein. Die Kritik am Urteil gegen die russischen Pussy-Riot-Musikerinnen reißt auch einen Tag nach Ende des umstrittenen Prozesses in Moskau nicht ab. Am Freitag verkündete Richterin Marina Syrowa das Urteil gegen die drei Regimekritikerinnen: jeweils zwei Jahre Arbeitslager.

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In vielen Städten weltweit gingen am Freitag Menschen auf die Straße, um ihre Solidarität mit den Punk-Musikerinnen von "Pussy Riot" zu bekunden - wie hier vor der russischen Botschaft in Warschau.

(Foto: AFP)

Das Weiße Haus äußerte sich enttäuscht über die "unverhältnismäßigen Strafen" gegen die drei Mitglieder der Band. Auch die Grünen-Sprecherin für Osteuropapolitik, Marieluise Beck, kritisierte die Haftstrafen für die Punk-Rockerinnen als "unverhältnismäßig". Bundeskanzlerin Angela Merkel teilte mit, sie habe den Prozess "mit Besorgnis" verfolgt. Das Urteil von zwei Jahren Straflager stehe "nicht im Einklang mit den europäischen Werten von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie, zu denen sich Russland unter anderem als Mitglied des Europarates bekannt hat. Eine lebendige Zivilgesellschaft und politisch aktive Bürger sind eine notwendige Voraussetzung und keine Bedrohung für Russlands Modernisierung", betonte Merkel.

Auch bei vielen Russen stieß das Urteil auf Unverständnis: 77 Prozent der Befragten zeigten sich "nicht einverstanden" mit der Strafe, wie aus einer Telefonumfrage für den Radiosender Moskauer Echo vom Samstag hervorging.

Nach einem Punk-Gebet bei ihrer spektakulären Protestaktion in der Christ-Erlöser-Kirche am 21. Februar in Moskau waren die Frauen wegen religiös motivierten Rowdytums angeklagt worden. Mit ihrem Blitzkonzert wollten sie gegen den damaligen Regierungschef und jetzigen Präsidenten Wladimir Putin sowie die engen Verflechtungen zwischen Staat und Kirche protestieren. Vielen westlichen Beobachtern galt das Gerichtsverfahren als politisch motiviert.

Dass der internationale Druck auf die russische Justiz tatsächlich Erfolg haben könnte, halten einige Beobachter durchaus für möglich. So wurde in russischen Medien am Samstag die Erwartung geäußert, dass die Strafe in einem Berufungsverfahren reduziert werden dürfte. Das Gericht werde die Strafe vermutlich in ein Jahr verwandeln und "diese Idiotinnen freilassen, damit sie ihre Kinder und Angehörigen wiedersehen können", hieß es zum Beispiel in der Zeitung Komsomolskaja Prawda. Denis Dwornikow von der zivilen Kammer, die russische Behörden berät, sagte ebenfalls eine Abmilderung der Strafen im Berufungsprozess voraus. Vermutlich würden die Verurteilten schon einen Monat nach dem Verfahren in die Freiheit entlassen, sagte Dwornikow der Nachrichtenagentur Interfax.

Kein Kommentar aus dem Außenministerium

Das russische Außenministerium äußerte sich nicht direkt zu dem Urteil. Es veröffentlichte aber eine Erklärung, in der die Strafen aufgelistet sind, die für "Rowdytum" an religiösen Orten in westlichen Staaten verhängt werden. Darin hieß es, in Deutschland stünden darauf bis zu drei Jahre Gefängnis.

Noch vor zwei Wochen hätten Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche die drei Frauen am liebsten auf dem Scheiterhaufen brennen sehen. Doch nach dem Urteil scheint die Kirche ihre Milde wiederentdeckt zu haben: nach Angaben zweier ranghoher Würdenträger hat sie den drei Frauen vergeben. Das habe die Kirche bereits unmittelbar nach dem Auftritt der drei Sängerinnen getan, sagte der Leiter des Moskauer Sretenski-Klosters, Tichon Schewkunow. Der Geistliche gilt vielen als geistlicher Ratgeber von Präsident Wladimir Putin. Der Erzpriester Maxim Koslow pflichtete Schewkunow bei. Er hoffe jedoch, dass die jungen Frauen und deren Unterstützer "merken, dass ihre Aktionen schrecklich waren".

Präsident Wladimir Putin hatte sich Anfang des Monats gegen ein "zu hartes" Urteil ausgesprochen, zu der Gerichtsentscheidung äußerte er sich bislang nicht. Putin habe nicht das Recht, dem Gericht seine Meinung aufzuzwingen, sagte sein Sprecher Dmitri Peskow der Webseite PublicPost.ru.

In den Ohren von Pussy Riot und ihrer Anhängerinnen dürften diese Statements wie blanker Hohn klingen. Sie haben noch am Freitag klar gemacht, dass sie ihren Kampf gegen das Regime fortsetzen wollen: mit einem neuen Protestsong. Einem Medienbericht zufolge spielten Musikerinnen das Lied am Freitag vor dem Gerichtsgebäude ab und warfen CDs mit der Aufnahme in die Menge der Demonstranten. "Das Land geht auf die Straße mit Mut/ Das Land sagt dem Regime Auf Wiedersehen", heißt es in dem Song "Putin entzündet das Feuer der Revolution". Den Text der Single zum Urteil sowie ein Video veröffentlichte die Gruppe auf ihrer Webseite. "Wir werden weiterkämpfen", steht darunter geschrieben.

In ihrem Kampf kann sie der frühere Schachweltmeister und Oppositionspolitiker Garri Kasparow wieder unterstützen: Er kam am Samstag zusammen mit etwa 50 weiteren Demonstranten wieder frei, nachdem er am Freitag bei einer Protestkundgebung festgenommen worden war. Bislang sei keine Anklage gegen ihn erhoben worden, sagte einer seiner Mitstreiter. Er müsse jedoch am Montag wieder auf der Polizeiwache zum Verhör erscheinen. Dem Putin-Kritiker drohen nach einem Bericht der Agentur Interfax bis zu fünf Jahre Haft, weil er einen Polizisten gebissen haben soll. Kasparow wies den Vorwurf zurück und sagte, er sei in der Untersuchungshaft geschlagen worden.

© Süddeutsche.de/dpa/AFP/leja/mahu
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