Bundesverteidigungsministerin Von der Leyen: Bundeswehr hat "gigantisches Personalproblem"

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen in Bonn mit den Mitgliedern des Kommando Cyber- und Informationsraum.

(Foto: dpa)

Die Organisation müsse zudem 100 Jahre gesellschaftliche Entwicklung nachholen, sagt die Verteidigungsministerin im SZ-Interview.

Von Alexandra Borchardt und Christoph Hickmann

Urlaubsreisen gönnt sich Ursula von der Leyen nicht mehr, seitdem sie Bundesverteidigungsministerin ist. Sie erhole sich am besten in ihrer Heimat bei Hannover. "Dann kann ich besser loslassen, auch wenn mein Handy nachts am Bett liegt", sagt sie. Schließlich könne jederzeit etwas passieren.

Im Gespräch mit Plan W, dem Wirtschaftsmagazin der Süddeutschen Zeitung, geht es um Verantwortung. Ein Thema, zu dem von der Leyen einiges zu sagen hat. Schließlich ist sie für die Sicherheit Deutschlands und das Leben von Soldatinnen und Soldaten verantwortlich, aber auch für den Arbeitsalltag von 250 000 Mitarbeitern, die Bundeswehr ist schließlich so etwas wie ein Großkonzern.

Der Wandel der Bundeswehr zu einer modernen Organisation steht ihrer Einschätzung nach erst am Anfang. Das Unternehmen habe "ein gigantisches Personalproblem", sagt sie. "Im zivilen Bereich überaltert, kaum Systematik in der Nachwuchsgewinnung und wachsende Aufgaben vor der Brust. Das ist eine schlechte Mischung."

Da Frauen erst seit 15 Jahren zugelassen sind, braucht es auch einen kulturellen Wandel, erklärt sie: "Plötzlich muss die Organisation alles nachholen, was die Gesellschaft in den vergangenen 100 Jahren geleistet hat. Die Bundeswehr darf nicht wie ein verstaubter Klub Gestriger auftreten."

Auch aus Selbstschutz versucht von der Leyen, die Niederungen der Politik von ihrer Familie fernzuhalten. "Mir tut es gut, dass ich einen geschützten Raum habe, in dem ich die Seele baumeln lassen kann." Dieses Rezept hat sie von ihrem Vater Ernst Albrecht übernommen, der von 1976 bis 1990 Ministerpräsident von Niedersachsen war. "Er hat die Arbeit nicht mit nach Hause gebracht. Wir haben zu Hause so gut wie nie über Politik gesprochen", erzählt sie.

Das hatte den Nachteil, dass sie sich den Einstieg in die Politik selbst suchen musste. Tipps bekam sie nicht von ihrem Vater, sondern von einem seiner Nachfolger, dem späteren Bundespräsidenten Christian Wulff. Er hatte ihr vorgeschlagen, sich beim Ortsverbandsvorsitzenden in ihrem Dorf zu melden. "Da bin ich dann hingedackelt. Der war, glaube ich, genauso verblüfft wie ich", sagt sie.

Nun liegen 14 Jahre Erfahrung im Führen von Ministerien hinter ihr. Was sie politisch wollte, wusste sie häufig, wie man dies im komplizierten föderalen System umsetzt, nicht immer. Regeln brechen dürfe kein Prinzip sein, sagt von der Leyen. Aber manchmal seien die Regeln falsch. "Du musst etwas Größeres fordern. Auch wenn du plötzlich denkst: Oh, wie setze ich das jetzt eigentlich um? Und dann findet sich ein Weg."

Das Tückische an einer Aufgabe wie jener der Verteidigungsministerin ist, dass man auch dann Verantwortung trägt, wenn man keinen guten Weg sieht: "Deutschland ist zu groß, um sich in einem Konflikt nicht zu positionieren, aber auch nicht groß genug, um allein eine Wende herbeizuführen". Als Beispiel nennt sie die Situation, als der IS Mossul einnahm und auf die Jesiden Jagd machte. "Da hieß es dann: Wollt ihr da zugucken? Spätestens an dem Punkt merkt man, auch Nichthandeln macht schuldig".

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