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Ursprung des Coronavirus:Wehe, wenn es doch im Labor war

Wie und wo sich der erste Mensch mit dem Coronavirus infiziert hat, wissen nicht einmal die US-Geheimdienste genau. Präsident Biden will herausfinden, ob es in einem Forschungsinstitut in Wuhan passiert ist. Die Antwort könnte enorme politische Folgen haben.

Von Hubert Wetzel, Washington

Das inoffizielle Motto der CIA ist ein Bibelzitat. Evangelium des Johannes, Kapitel 8, Vers 32: "Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen." Der US-Auslandsgeheimdienst erzählt zwar nicht immer die Wahrheit. Aber es ist seine Aufgabe, die Wahrheit zu wissen. Erst recht, wenn das Leben von Millionen Amerikanern auf dem Spiel steht.

Insofern war die Presseerklärung, die Joe Biden am Mittwoch herausgegeben hat, durchaus bemerkenswert. Der US-Präsident stellte darin offen fest, dass die Geheimdienste seines Landes, allen voran die zuständige CIA, keine verlässlichen Erkenntnisse dazu haben, wie das Virus mit dem Namen Sars-CoV-2 in die Welt gekommen ist, das weltweit bisher mindestens 3,5 Millionen Menschen getötet hat, davon fast 600 000 in den Vereinigten Staaten. Es gebe zu dieser Frage zwar unterschiedliche Szenarien, so Biden, aber keine definitiven Schlussfolgerungen. Er habe die US-Dienste daher angewiesen, noch einmal nachzuforschen und ihm in 90 Tagen Bericht zu erstatten.

Bemerkenswert war die Stellungnahme aber auch, weil Biden darin ausdrücklich ein Szenario erwähnte, das politisch extrem heikel ist: die Theorie, dass das Virus nicht auf natürlichem Wege von einem Tier auf den Menschen übergesprungen ist, sondern bei einem Unfall in einem chinesischen Labor. Biden befeuert damit auf höchster politischer Ebene eine Debatte über zwei Fragen, die seit dem Beginn der Pandemie immer wieder aufflackert: Woher stammt das Virus? Und wie, wo und wann hat es erstmals einen Menschen infiziert? Je nachdem, zu welchen Antworten die US-Dienste kommen, könnten die Folgen erheblich sein.

Bisher haben viele westliche Wissenschaftler, die Regierung in Peking sowie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die These vertreten, dass Sars-CoV-2 sich mit großer Wahrscheinlichkeit in einem Tier durch natürliche Evolution entwickelt hat, wohl in einer Fledermaus. Von diesem Tier soll es auf den Menschen übergesprungen sein, entweder durch direkten Kontakt oder auf dem Umweg über ein weiteres Wirtstier. Solche sogenannten zoonotischen Infektionen sind nicht ungewöhnlich. Ebenso ist bekannt, dass Coronaviren, wie Sars-CoV-2 eines ist, in Fledermäusen vorkommen. Als wahrscheinlicher Übertragungsort gilt ein Tiermarkt in Wuhan, jener chinesischen Stadt, in der die Pandemie um die Jahreswende 2019/2020 ihren Anfang genommen hat.

US-Diplomaten warnten schon vor Jahren vor Sicherheitsmängeln in dem Labor in Wuhan

Seit einigen Wochen wird in Fachkreisen aber auch zunehmend eine zweite These zum Infektionsweg für plausibel gehalten. Danach hat die erste Infektion eines Menschen mit Sars-Cov-2 nicht in der freien Natur oder irgendwo auf einem schlecht geputzten Markt stattgefunden, sondern in einem Labor des Instituts für Virologie in Wuhan. Zwar gibt es derzeit nach allem, was öffentlich bekannt ist, keine Belege dafür, dass das Virus in einem Labor künstlich hergestellt oder genetisch manipuliert wurde, etwa im Rahmen eines Biowaffen-Programms. Auch Biden erhebt diesen Vorwurf nicht.

Aber denkbar ist, dass chinesische Wissenschaftler in dem Wuhaner Institut an natürlich entstandenen Coronaviren geforscht haben, die sie zuvor aus Fledermäusen isoliert hatten - unter anderem an dem Virus, das später Sars-CoV-2 genannt wurde. Bei dieser Arbeit könnten die Forscher sich aus Versehen infiziert und dann das Virus nach draußen getragen haben.

Zwei Hinweise stützen diese These. Erstens: US-Diplomaten, die das Institut in Wuhan besuchen durften, haben offenbar schon vor Jahren vor schweren Sicherheitsmängeln dort gewarnt. Zweitens: Dem US-Außenministerium zufolge erkrankten bereits im Herbst 2019 mehrere Mitarbeiter des Wuhaner Instituts. Ihre Symptome sollen denen einer Covid-19-Infektion geglichen haben.

Die Bestätigung der Labor-Theorie wäre ein später Triumph für Trump

Biden zufolge gibt es unter den diversen amerikanischen Geheimdiensten keine einheitliche Meinung, welches Szenario zutrifft. In seiner Stellungnahme vom Mittwoch schrieb er, dass zwei Dienste einen natürlichen Infektionsweg für wahrscheinlicher hielten, ein anderer Dienst neige dagegen der These zu, es habe einen Labor-Unfall in Wuhan gegeben. Alle drei Dienste seien von der Theorie ihrer Wahl jedoch "kaum oder nur mäßig" überzeugt.

Das heißt: Im Grunde haben die USA keine Ahnung, unter welchen Umständen die Pandemie begonnen hat. Aber der Präsident nimmt die These vom Labor-Unfall offensichtlich ernst.

Von den Antworten auf die Fragen nach dem Ursprung des Virus hängt viel ab. Sollte sich herausstellen, dass die Pandemie kein natürlich verursachtes Ereignis ist, ein Akt Gottes sozusagen, sondern durch Schlamperei in einem chinesischen Labor angestoßen wurde, wäre Peking blamiert. Es ist daher wohl kein Zufall, dass die chinesische Regierung bei der Aufklärung der Anfänge der Pandemie nicht besonders hilfreich ist und betont, die WHO habe das Szenario vom Labor-Unfall bereits als äußerst unwahrscheinlich bezeichnet.

Was die amerikanische Innenpolitik betrifft, wäre eine Bestätigung der Labor-Theorie eine Blamage für die Demokraten und ein Triumph für den abgewählten Präsidenten Donald Trump. Er und enge Vertraute wie Außenminister Mike Pompeo hatten schon im vergangenen Frühjahr behauptet, das Virus stamme vermutlich aus einem Labor in Wuhan. Sie legten aber keine Beweise für diesen Vorwurf vor, auch gegenüber verbündeten Staaten nicht.

In den USA formierte sich damals eine breite Front von Journalisten, Wissenschaftlern und demokratischen Politikern, die Trump bezichtigten, durch unbewiesene Unterstellungen rassistische Ressentiments zu schüren. Dass das ein Nebeneffekt war, wenn der damalige Präsident demonstrativ vom "China-Virus" sprach, ist nicht ausgeschlossen. Allerdings liegt auch nahe, dass die Vehemenz, mit der die These vom Labor-Unfall lange Zeit abgelehnt wurde, sehr viel mit politisch motivierter Abneigung gegen Trump zu tun hatte, weniger mit der bekannten Faktenlage.

© SZ/hij
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