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Ureinwohner in Brasilien:Ein Präsident, der kämpft

Brasilien

Die Stimmung im Protest-Camp "Freies Land" ist gedrückt, aber aufgeben will niemand. Einer der Häuptlinge sagte vielmehr: "Die Regierung tötet uns - also ziehen wir in den Krieg!"

(Foto: Gustavo Macedo)

Der Wille zum Kampf konnte schon im Juli beobachtet werden. 300 Indianer aus elf indigenen Gruppen besetzten den Dardanelos-Staudamm im Staat Mato Grosso und nahmen 100 Bauarbeiter als Geiseln. Sie gaben an, dass der Staudamm auf der heiligen Stätte ihrer Toten errichtet wird. Sie waren vor dem Bau nicht informiert worden.

"Nach der brasilianischen Verfassung müssen die indigenen Völker angehört und informiert werden, wenn etwas auf ihrem angestammten Land geplant ist", erklärt Letícia Campos vonCOIAB, dem Verband aller indigenen Organisationen des Amazonas-Gebietes, der sich für die Rechte der Ureinwohner einsetzt und seit 30 Jahren gegen den Staudamm Belo Monte kämpft. "Das ist bei Belo Monte nicht geschehen."

Es passt ins Bild eines Präsidenten, der seine Amtszeit mit einem Sieg beenden will. Auf Einmischung von außen reagiert Lula verärgert. So hat sich zum Beispiel Star-Regisseur James Cameron mit Ureinwohnern getroffen und einen ausführlichen Brief an Lula geschrieben. Er sehe sich verantwortlich, die indigenen Völker, deren Notlage sein neuer Film "Avatar" symbolisch darstelle, zu unterstützen, schreibt er. "Wenn die Flüsse Brasiliens lebensnotwendige Arterien sind, dann sind Staudämme wie Blutgerinnsel, die Herzattacken und Schlaganfälle verursachen."

Die Mutter der Damm-Idee als Wahlfavoritin

Lulas Reaktion auf derartige Einmischungen: "Kein Gringo sollte seine Nase in Dinge stecken, die ihn nichts angehen. Wir wissen selbst, wie wir unseren Wald und unsere Entwicklung zu schützen haben." Der Staudamm müsse gebaut werden, egal auf welche Art und Weise. Diese harschen Worte zeigen die kämpferische Natur des Präsidenten, der aus armen Verhältnissen stammt und mit zwölf Jahren die Schule verlassen hat, um als Schuhputzer seiner Familie zu helfen. Er hat sich hochgearbeitet - und lässt sich so schnell nicht beeinflussen.

Seine klaren Worte haben zudem einen aktuellen politischen Hintergrund: Seit Jahresbeginn bemüht sich Lula, die Ministerin des Präsidialamtes, Dilma Roussef, zu einer aussichtsreichen Nachfolgerin zu formen. Und Roussef war es, die als ehemalige Ministerin für Minen und Energie die aktuellen Pläne zum Bau des Staudamms Belo Monte konzipiert hat.

Die Wahlen im Oktober werden Brasiliens Kurs kaum ändern. Aber immerhin eine der vier Kandidaten gibt den Indianern Hoffnung: Marina Silva war unter Lula Umweltministerin, bis sie 2008 ihr Amt frustriert niederlegte. Sie wolle lieber ihren Job verlieren, als ihren gesunden Menschenverstand, so ihre Begründung. Marcos Apurinã, der Indianerhäuptling, ist überzeugt davon, dass Silva sich für die Indigenen einsetzt, falls sie gewählt wird. "Lula ist ein großer Zerstörer, aber mit Marina Silva könnten wir eine bessere Zukunft haben."

Aufgeben will in dem Protest-Camp niemand. Zwar haben die Präsidentschaftskandidaten keine Reaktion gezeigt, die indigenen Völker fertigten aber trotzdem ein gemeinsames Schreiben an, das sie ihnen zukommen lassen wollen. Die Verantwortung liege aber nicht nur bei der brasilianischen Regierung, so Apurinã. An großen Bauprojekten wie Belo Monte seien oft ausländische Unternehmen beteiligt. Apurinã war deswegen schon in Europa mit seinem Anliegen unterwegs. "Ich bitte die Ausländer, die in die Großprojekte Brasiliens investieren: Schaut auf uns und versteht, dass ihr uns damit zerstört!"