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Urban Priol über Horst Köhler:"Der tut nix, der will nur spielen"

Bundespräsident Horst Köhler ist ein Lieblingsopfer des politischen Kabaretts: Für einen linkischen Winkonkel hält ihn Urban Priol.

sueddeutsche.de: Köhler ist am Samstag im ersten Wahlgang wiedergewählt worden. Haben Sie sich gefreut?

Nichts für Urban Priol: Die Kartoffelpuffer und Kohlrouladen von Köhler und Merkel.

(Foto: Foto: AP)

Urban Priol: Ja, ich habe mich so an ihn gewöhnt. Er ist da und fällt nicht auf. Er sagt schöne Dinge, die keine Konsequenzen haben, denen aber jeder zustimmen kann. Mutig und folgenlos appelliert er an alle - dieses wunderbar Indifferente tut den Menschen gut. Deswegen waren auch 80 Prozent der Deutschen für seine Wiederwahl.

sueddeutsche.de: Warum mögen die Leute Köhler so?

Priol: Sie denken sich: Der tut nix, der will nur spielen. Das Linkische und Unbeholfene an ihm erinnert sie an sich selbst, da freuen sie sich: Das ist einer von uns.

Und sie mögen seine Bodenständigkeit. Neulich hab ich gelesen, dass Köhler gern Kartoffelpuffer mit Apfelmus isst. Die Kanzlerin isst gern Kohlrouladen mit Knubbelmett. Das ist so bieder, so bodenständig, da fühlen sich die Deutschen aufgehoben. Ich fühl mich eher an das Muffige der fünfziger Jahre erinnert.

sueddeutsche.de: Union und FDP haben die Köhler-Wahl dann gleich als Vorboten einer schwarz-gelben Koalition ausgerufen.

Priol: Es war schön, wie Seehofer, Westerwelle und Merkel dastanden wie das Triumvirat der Republik, das vermeintlich schon alles im Sack hat. Ich glaub, es ist genauso ein Vorbote für eine bürgerliche Mehrheit wie schon vor fünf Jahren.

sueddeutsche.de: Also keiner.

Priol: Genau. Damals sind die drei Nasen ja genauso dagestanden, nur statt Seehofer hat 2004 Stoiber schelmisch gegrinst.

sueddeutsche.de: 613 Stimmen hat Köhler bekommen, exakt so viele wie er gebraucht hat - und keine einzige mehr.

Priol: Da hat die SPD aufgeatmet. Die Sozialdemokraten waren froh, dass Köhler es gleich im ersten Wahlgang geschafft hat und dass nicht womöglich Gesine Schwan noch irgendwelche Stimmen der Linkspartei bekommt.

sueddeutsche.de: Wieso atmet die SPD da auf? Wäre ein zweiter oder dritter Wahlgang nicht ein Triumph für die Sozialdemokraten gewesen?

Priol: Die SPD hatte so oder so den schwarzen Peter. Wenn Schwan erfolgreicher gewesen wäre, hätten alle vor dem großen Linksrutsch im Land gewarnt. Hugo Müller-Vogg (Anm. d. Red.: konservativer Publizist, u. a. Kolumnist der Bild -Zeitung) und Konsorten hätten ihre Dampfwalzen in Bewegung gesetzt, um das bürgerliche Lager zu mobilisieren.

Mit Köhlers Sieg behaupten sie nun, das bürgerliche Lager hat bereits die Mehrheit. Die SPD konnte bei der Bundespräsidentenwahl nur verlieren.

sueddeutsche.de: Wäre Ihnen Gesine Schwan lieber gewesen?

Priol: Ich finde sie auf jeden Fall frischer als Köhler. Wer ihr beim Reden zuhört, muss die Gehirnwindungen ein wenig anstrengen, sie denkt oft quer - mir gefällt das. Ein paar ihrer Äußerungen waren allerdings etwas "lübquesk". (Anm. d. Red.: Der Bundespräsident Heinrich Lübke war für seine unbeholfenen Äußerungen bekannt.)

Ich ärgere mich noch immer über Kurt Beck, der damals verhindert hat, dass Joschka Fischer gegen Horst Köhler antritt: Das wär mal ein Duell gewesen, das mir gefallen hätte. Insgesamt halte ich das Amt des Bundespräsidenten aber für überbewertet.

sueddeutsche.de: Also halten Sie eine Direktwahl des Bundespräsidenten auch für übertrieben?

Priol: Dann hätte Köhler ja 80 Prozent bekommen! Ich bin prinzipiell dafür, dass sich die Bürger noch viel direkter beteiligen. Wenn wir überhaupt diesen Posten brauchen, dann will ich mitwählen.

sueddeutsche.de: Müsste der Bundespräsident dann auch mehr Machtbefugnisse bekommen?

Priol: Er tut doch schon viel für die Gesellschaft: Kürzlich hat er ein Fohlen getauft, dann hat er das Deutsche Sportabzeichen verliehen. Die Deutschen haben die latente Sehnsucht nach einem Ersatzmonarchen - dafür reicht so ein Winkonkel.

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