Viele Staatsanwaltschaften, viele Polizeibehörden ermittelten, eine gemeinsame Steuerungsgruppe sollte steuern - doch es entstand, je länger die Erfolglosigkeit dauerte, nur ein Großkonflikt unter Fahndern. Die Beamten vom Hamburger Landeskriminalamt, die einen der Mordfälle bearbeiteten und in ihrer Analyse immer danebenlagen, kämpften gegen die Bayern, die sechs Morde aufklären sollten. Die Hessen hielten vor allem das Bundeskriminalamt auf Abstand, das sich dann 2010 demonstrativ wegen der Streitereien von den turnusmäßigen Besprechungen der Steuerungsgruppe zurückzog. Die Profiler, die ohnehin in der Branche keinen leichten Stand haben, weil Fallanalyse aus Sicht der Traditionalisten Glaubenssache ist, waren sich uneins. Experten, die allesamt unrecht hatten, stritten sich mit Experten, die auch nicht durchblickten.
Die allermeisten Ämter waren sich bis zum Schluss merkwürdigerweise sicher, dass die Morde irgendetwas mit organisierter Kriminalität, Drogenhandel, Schulden oder türkischen Verhältnissen zu tun haben mussten. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass viele OK-Spezialisten eingeschaltet waren. Jeder sah, was er schon immer gesehen hatte.
"Gerade die bisherige kriminelle Unauffälligkeit der Opfer" könne auffällig sein, schrieb ein BKA-Beamter in einer Synopse. Weil die allermeisten Opfer nicht kriminell aufgefallen seien, könnten sie "für die illegalen Tätigkeiten einer OK-Gruppierung von Nutzen" gewesen sein. Wer nicht kriminell ist, macht sich nach dieser Logik besonders verdächtig.
Rechtsradikale im Visier der bayerische Profiler
Es gab die Verfechter der "Organisationstheorie", sie ordneten die Taten einem Verbrechersyndikat zu. Dem standen von 2006 an die Anhänger der "Einzeltätertheorie" gegenüber; dies waren bayerische Profiler, die eine Alternative zu den Wegen ins Nichts finden sollten. Ihnen fiel auf, dass die Täter Türkenhasser aus der rechten Szene sein könnten. Aber auch die Münchner lagen nicht ganz richtig. Sie vermuteten - wegen bestimmter Tatortkenntnisse der Mörder -, dass die Täter aus Nürnberg stammten. Die rechtsradikale Szene in Nürnberg wurde durchleuchtet, aber die "Spur 195" führte auch nirgendwo hin. Erstaunlich zögerlich war der bayerische Verfassungsschutz bei der Herausgabe von Daten.
In den Akten findet sich der Bericht einer FBI-Delegation, die sich 2007 aus eigenem Interesse mit den Ceska-Morden beschäftigte. Die Leute vom FBI schrieben, was das FBI von daheim kennt: Rassistische Morde sind in den USA verbreitet. Man solle nach einem Türkenhasser suchen, der den Thrill liebe, lautete die Empfehlung.
Ernsthaft hatte nie jemand die rechte Szene im Blick. Dafür gibt es strukturelle Gründe, aber auch Gründe, die mit dem Terror-Trio zu tun haben, das keine Bekennerschreiben hinterließ und keine Propaganda machte. Auf eine rechtsradikale Terror-Organisation war hierzulande niemand vorbereitet. Das ist ein bisschen wie beim 11. September, als Geheimdienstler nicht erkannt hatten, wie gefährlich al-Qaida geworden war.
Für den Ausschuss wird es nicht einfach sein, aus alledem Schlüsse für neue Strukturen zu ziehen. Die aber braucht das Land. "Es wird Zeit, dass wir der Schweinerei jetzt mal ein Ende bereiten", hat im April 2006 ein Münchner Beamter an das BKA geschrieben.


