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Unterrichtsbeginn:Wenn Masken Schule machen

Jetzt muss sich zeigen, ob die Schüler und Lehrer mit Covid-19 zurechtkommen und der Präsenzunterricht gelingt.

Von Joachim Käppner

Der Mann, der 60 Jahre später Hitler entgegentreten sollte, ließ am ersten Schultag keine Zeichen künftiger Größe erkennen. Von der ersten Minute an verabscheute der siebenjährige Winston Spencer Churchill die Schule: "Stockhiebe gehörten hier zum Curriculum. Ich zählte die Tage, ja die Stunden jedes Schuljahrs", schrieb er später. Er selbst bekam reichlich Ärger, etwa an jenem Tag, als er das lateinische Wort mensa, der Tisch, deklinieren sollte, mensa, mensae und so weiter. Als er beim Vokativ, der Rufform, angekommen war, fragte er den Lehrer, wer in aller Welt "o mensa", also einen Tisch rufe. Die Antwort: Wenn der Junge unbedingt impertinent werden wolle, setze es Strafen, und zwar "sehr harte".

Derlei Lektionen fürs Leben müssen, seit die berüchtigte schwarze Pädagogik weitgehend Geschichte ist, die Erstklässler heute nicht befürchten. Die Schule bereitet ihnen auch diesen Sommer einen netten Empfang zum Kennenlernen vor. Eltern packen Schultüten voller Gummibärchen, Klebebildchen und Allosaurus-Figuren oder lesen ihren Kindern beruhigende Geschichten vor, in denen Leo Löwe mit seinen Knilchkumpels Isidor Igel und Hasi Hase am ersten Schultag aufs Warmherzigste von Lehrer Leopard willkommen geheißen werden. (Was Hasi Hase zu einem Leoparden als Pädagogen sagt, bleibt in solchen Geschichten eher unerörtert). Schulweghelfer halten die Bleifüße in Schach, und die "elternimnetz" geben vernünftige Ratschläge: "Weisen Sie Ihr Kind nicht ständig auf den beginnenden Ernst des Lebens hin."

Selbst wenn man froher Hoffnung ist, dass möglichst viele Mütter und Väter sich an solch weise Worte halten, eines ist natürlich anders für die Erstklässler des Jahres 2020. Sie beginnen diesen neuen Lebensabschnitt während der Corona-Pandemie. Wie die Schulen damit umgehen, das unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland. Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) und der Städte- und Gemeindebund sprechen sich für eine generelle Maskenpflicht in Schulgebäuden aus. In Deutschland, wo die Bildung Ländersache ist, muss darüber jedes Bundesland selbst entscheiden. Manche empfehlen Masken, andere verordnen sie den weiterführenden Schulen. Die Zeit ist knapp. Bereits an diesem Montag starten fast 153 000 Schüler in Mecklenburg-Vorpommern ins neue Schuljahr. Hamburg folgt am Donnerstag, in der Woche danach sind Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und ein Großteil Schleswig-Holsteins an der Reihe. In Bayern startet der Unterricht zwar erst Anfang September wieder, die Staatsregierung hat aber schon entschieden: Es soll eine Maskenpflicht an Schulen geben - auch an Grundschulen. Der Mund-Nasen-Schutz soll bis zum Platz im Klassenzimmer getragen werden. Je nach Entwicklung der Pandemie sei auch eine Maskenpflicht während des Unterrichts möglich, sagt Kultusminister Michael Piazolo von den Freien Wählern. Wer auch nur die vagesten Erinnerungen an eigene Grundschultage hegt, der weiß, welch herkulische Aufgabe das Lehrpersonal bei dem Versuch erwartet, in der Klasse oder auf dem Hof all die Abstands- und Hygieneregeln durchzusetzen.

© SZ vom 03.08.2020

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