Unterhaltung:Game over

Die Videospiel-Branche erlebt ihren "Me Too"-Moment.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

"Me Too"-Moment. So nennen sie das in den USA, wenn eine Branche den ersten großen Sexismus-Skandal verarbeiten muss. Wobei in der Videospiel-Industrie nur Scheuklappen-Träger überrascht sein dürften, zu viele und zu deutliche Anzeichen hatte es gegeben: übersexualisierte Darstellung weiblicher Figuren, Gewalt gegen Frauen in den Spielen, 2013 die "Gamergate"-Kontroverse, die mit Belästigungen gegen eine Spieleentwicklerin begann und derart auswuchs, dass es heißt, sie habe sogar die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten begünstigt. Dazu Studien über das feindselige Verhalten gegen weibliche Akteure bei Online-Spielen und Diskriminierungsvorwürfe gegen Firmen wie Riot Games oder Ubisoft.

Die Skandale blieben aber stets kleiner als in anderen Sparten der Unterhaltungsindustrie, sodass man sich fragte: Wann hat die Videospielbranche ihren "Me Too"-Moment? Das könnte nun der Mittwoch gewesen sein. Angestellte des Entwicklers Activision Blizzard verließen die Firmenzentrale im kalifornischen Irvine, um gegen die Reaktion des Konzerns auf ein Verfahren des Bundesstaates Kalifornien wegen sexueller Belästigung, Diskriminierung und feindseliger Firmenkultur zu protestieren.

Zwei Jahre lang hatten die Beamten einer Aufsichtsbehörde ermittelt und auf 29 Seiten eine Liste von Vorwürfen und Vorfällen zusammengestellt: Eine Mitarbeiterin wurde nicht befördert, weil sie, wie der Vorgesetzte gesagt haben soll, "schwanger werden und das Mamasein zu sehr mögen" könne. Bei sogenannten "Cube Crawls" sollen Mitarbeiter betrunken in Großraumbüros zwischen Arbeitsplätzen gekrabbelt sein und Kolleginnen begrapscht haben. Und, der wohl verstörendste Vorfall: die mehrfache Belästigung einer Angestellten nach einer bekannt gewordenen Affäre mit einem Vorgesetzten.

Als wäre das alles nicht schlimm genug, reagierte der Konzerns auch noch äußerst unterkühlt auf die Vorwürfe: "Wir schätzen Vielfalt und bemühen uns, ein Klima zu schaffen, das Inklusivität für alle bietet. In unserer Firma oder unserer Branche ist kein Platz für sexuelles Fehlverhalten." Das klingt wie aus dem Handbuch für Krisenmanagement, zumal Activision Blizzard keine Schuld eingestand.

Gegen die Haltung protestierten die Mitarbeiter des Konzern, der mit Reihen wie Call of Duty, World of Warcraft oder Guitar Hero im vergangenen Jahr 2,2 Milliarden Dollar Gewinn erwirtschaftet hat. Ein Fünftel der 9500 Angestellten unterschrieb einen Brief an die Geschäftsleitung, am Mittwoch gab es diesen Streik, und Kalifornien will, dass der Prozess öffentlich geführt wird. Alle sollen sehen, was da los ist.

Da ist er also, der "Me Too"-Moment der Videospielbranche, und er ist deshalb so bedeutsam, weil diese Sparte der Unterhaltungsindustrie finanziell kräftiger und popkulturell ebenso bedeutsam ist wie die Kinobranche - und tendenziell jüngere Konsumenten prägt.

Activision-Blizzard-Chef Bobby Kotick verschickte eine interne Mail, in der er diese erste Reaktion als "unerhört" bezeichnete und eigene Ermittlungen ankündigte. Der Stein rollt, und wenn man irgendwas aus den "Me Too"-Skandalen anderer Branchen gelernt hat, dann dies: Wenn der erste Felsen rollt, legt er andere schmutzige Steine frei.

© SZ
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