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Unser Osten: Wirtschaft:Auferstanden aus Ruinen

Nach der Wende ließen die Märkte der Ost-Wirtschaft keine Chance: Statt blühender Landschaften entstanden Industrieruinen. Angetrieben vom Mittelstand holt der Osten nun auf - einige Westländer spüren den Atem der Verfolger. Eine Serie zu 20 Jahre deutsche Einheit.

Von der großen Vergangenheit ist kaum mehr geblieben als die Hülle: Fabrikhallen und ein gewaltiger Uhrenturm. Darin stehen die letzten Zeugen dafür, dass in Wittenberge fast hundert Jahre lang Industriegeschichte geschrieben wurde: Die Singer 201 D1 zum Beispiel oder die Veritas 8014-2.

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Unser Osten: Hoyerswerda

Eine Stadt will Zukunft

Zu Zeiten der DDR war Hoyerswerda ein Vorzeigeprojekt des sozialistischen Gestaltungswahns. Mittlerweile hat die Stadt fast die Hälfte ihrer Einwohner verloren. Ein Trend, gegen den sich die Bürger stemmen.

Die Globalisierung erreichte das brandenburgische Städtchen, lange bevor es das Wort überhaupt gab: Anfang des 20. Jahrhunderts hatte der amerikanische Nähmaschinenhersteller Singer in Wittenberge eine Fabrik gebaut. Das Singer-Werk überstand zwei Weltkriege und als die DDR kam, bauten die Wittenberger weiter Nähmaschinen, die dann Veritas hießen. Nur die Wende, die überlebte die traditionsreiche Fertigungsstätte nicht. Das industrielle Herz von Wittenberge, einst "Stadt der Nähmaschinen" genannt, hörte auf zu schlagen.

Ralf von Hagen versucht seit vielen Jahren, das Gelände wiederzubeleben. Die Corealcredit Bank hat ihn als Zwangsverwalter für den Park eingesetzt. Seit Jahren müht sich der Wittenberger darum, hier Unternehmen anzusiedeln. Mit Erfolg: Knapp 50 Firmen haben sich inzwischen in den alten Gebäuden eingemietet. "Alles kleine Mittelständler", sagt von Hagen. "Damit haben wir zwar lange nicht so viel Arbeitsplätze wie früher, aber wenn jetzt mal eine Firma wegbricht, dann ist das nicht gleich so verheerend."

Was verheerend ist, mussten die Wittenberger Anfang der neunziger Jahre erleben. Nicht nur das Nähmaschinenwerk ging damals pleite, auch die Ölmühle und die Zellwollfabrik wurden abgewickelt. Wittenberge verlor 90 Prozent der Industriearbeitsplätze. Aus einer Industriestadt wurde innerhalb von zwei Jahren eine Industrieruine.

Die Wende traf Wittenberge härter als die meisten anderen Städte in Ostdeutschland, doch das Schicksal der Nähmaschinenfabrik ereilte Tausende DDR-Betriebe. Marode Infrastruktur, veraltete Maschinen und Technik, rapide steigende Lohnkosten und die gewaltige Aufwertung der Währung machten es den meisten Firmen unmöglich, konkurrenzfähige Produkte herzustellen. Reedereien und Werften, Kraftwerke und Chemiefabriken - die meisten Betriebe hatten keine Chance auf den Weltmärkten zu bestehen. 2,5 Millionen Arbeitsplätze gingen in den Nachwendejahren allein im verarbeitenden Gewerbe verloren.

Anreiz für Investitionen

Doch im Laufe der neunziger Jahre verbesserten sich langsam die Vorrausetzungen für die Unternehmen. Finanziert durch den Solidaritätszuschlag investierten Bund und Länder massiv in die Infrastruktur und erneuerten alles von den Straßen bis zu den Datennetzen. Neue Fabriken mit neuen Maschinen ließen die Produktivität nach oben schnellen.

Gleichzeitig entwickelten sich die Löhne nach dem rapiden Anstieg, den die Wende mit sich gebracht hatte, moderater. Der Flächentarifvertrag, mit dem Ostdeutschland nach der Wende überzogen wurde, bekam mehr und mehr Löcher.

Was schlecht für Einkommen und Kaufkraft ist, ist gut für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen. "Dass Ostdeutschland heute einen so flexiblen Arbeitsmarkt hat, ist für mich eine der großen, positiven Überraschungen", sagt Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Im Jahr 2000 waren die Lohnstückkosten in Ostdeutschland erstmals geringer als im Westen - und so ein wichtiger Anreiz, um im Osten zu investieren.

Lohnstückkosten, Arbeitslosigkeit, Exporte: Wo der Osten wächst.