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Unser Osten: Politik:Wunsch und Wirklichkeit

"Man darf nicht vergessen, dass viele, die 1989 in Leipzig auf die Straße gegangen sind und 'Wir sind das Volk' gerufen haben, andere Träume hatten als ein Leben im Turbo-Kapitalismus", sagt Klein. Viele der Menschen, die zu ihr in die Erwerbloseninitiative kommen, hatten zu DDR-Zeiten Arbeit und Auskommen - und kommen seit der Einheit mit dem Leben nicht klar.

"Natürlich sind viele Menschen desillusioniert worden", sagt Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung, der 1991 als Schulleiter des Evangelischen Schulzentrums Leipzig vom Siegerland nach Sachsen gezogen ist. "Anfangs hatte man das Gefühl, dass die Menschen einen halben Meter über dem Boden schweben. Dass das nicht ewig gehen kann, ist doch klar."

Trotzdem: Nach vier Jahren im Amt ist Jung fest davon überzeugt, dass die Leipziger weniger politikverdrossen sind als viele Westbürger. "Die Bürger von Leipzig haben ein ausgeprägtes Verlangen nach Mitsprache", sagt Jung. Vom Kindergarten bis zur Gestaltung eines Parks: Die Leipziger erwarten, dass die Stadt sie in die Entscheidungen einbindet.

Die Wahlbeteiligung in Ostdeutschland weist allerdings in eine andere Richtung. Bei der letzten Bundestagswahl gingen in allen fünf ostdeutschen Flächenländern prozentual deutlich weniger Bürger an die Urne als im Bundesdurchschnitt. "Daraus kann man aber nicht schließen, dass die Ostdeutschen besonders politikverdrossen sind", sagt Oskar Niedermayer, der seit langem über die Einstellung der Deutschen zu Demokratie, Politik und Parteien forscht. Verdrossenheit sei eine Motivation, nicht zur Wahl zu gehen, aber nur eine unter vielen.

In seinen Untersuchungen konnte Niedermayer durchaus Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschen ausmachen. Die Zustimmung für die Demokratie ist in Westdeutschland etwas größer, aber auch im Osten zählt Niedermayer nur sechs Prozent der Menschen zu jenen, die mit der Demokratie grundsätzlich nicht einverstanden sind. Bei der Einstellung gegenüber Parteien verschwinden die Unterschiede zwischen Ost und West fast vollständig. "Gerade von einer Parteienverdrossenheit kann keine Rede sein", so Niedermayer.

Helge Nickich weiß, dass es oft schwer ist, junge Menschen für Demokratie zu interessieren und zu begeistern. Und sie weiß, dass Rechtsextremismus in Ostdeutschland noch immer ein großes Problem ist. In einige Landtage sind rechtsextreme Parteien eingezogen, Gewalt gegen Ausländer kommt deutlich häufiger vor als im Westen und der Anteil der gewalttätigen Jugendlichen und Neonazis ist ebenfalls größer und in manchen ländlichen Räumen infiltrieren rechtsextreme Einstellungen die Jugend-Subkultur.

"Manchmal wünsche ich mir, eine Million Euro zu haben", sagt Nickich. "Nicht für mich, sondern um endlich neue Projekte angehen zu können, ohne vorher zwei Jahre betteln zu müssen."

Vielleicht hat Thomas de Maizière diesen Wunsch vernommen. Anfang September stellte der Bundesinnenminister das Programm "Zusammenhalt durch Teilhabe vor". In den kommenden vier Jahren will die Bundesregierung 18 Millionen Euro zur Stärkung der Demokratie und Bekämpfung von Rechtsextremismus in Ostdeutschland investieren. Ein Förderprogramm, maßgeschneidert für Helga Nickich.