Unser Osten: Politik "Eine beachtliche Leistung"

"Ja, da war", sagt Helga Nickick. "Aber heute ist von den Rechten in Hoyerswerda nicht mehr viel zu sehen." Bei Wahlen schneidet die NPD schlechter ab als im Landesdurchschnitt und die offene rechte Szene ist aus Hoyerswerda verschwunden.

Zu diesem Erfolg hat auch Helga Nickich beigetragen. Wer ihre Arbeit würdigen möchte, der müsste von Hunderten Projekten erzählen und von Tausenden Jugendlichen, der müsste Netzwerke beschreiben, in welchen Dutzende Gruppen und Organisationen verzahnt sind.

Mit ihrem Engagement ist Helga Nickich in Hoyerswerda nicht allein. Fast 300 Vereine, Gruppen und Verbände listet die Homepage der Stadt auf, von "Aktion Eine Welt" bis zu den "Zoofreunden".

Das bürgerliche Engagement in dieser schrumpfenden Stadt muss den Vergleich mit jenem in westlichen Städten nicht scheuen. Und das gilt nicht nur in Hoyerswerda. Die Zivilgesellschaft hat sich in Ostdeutschland etabliert, wie Forschungsergebnisse belegen: "Die Zivilgesellschaft hat sich nach der Wende kräftig und flächendeckend entwickelt", heißt es in einer Studie aus dem Jahr 2009, die die Entwicklung des Engagements von Bürgern in Vereinen, Gruppen und Organisationen untersucht.

Fast jeder dritte Ostdeutsche engagiert sich in einem Verein oder einer Organisation - nur sechs Prozentpunkte weniger als in Westdeutschland so das Ergebnis des "Freiwilligensurveys", einer Erhebung im Auftrag der Bundesregierung. "Der Abstand dürfte sich weiter verringern, denn die Dynamik ist höher als in Westdeutschland", sagt Thomas Olk von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, einer der Autoren der Studie.

Die erste Bundestagswahl fand zwei Monate nach der Wiedervereinigung statt und die Westparteien fassten schnell Fuß im Osten. Allerdings durfte sich die Integration Ostdeutschlands nicht im Transfer demokratischer Institutionen erschöpfen, sondern war auf die Unterstützung durch eine demokratische Kultur angewiesen.

"Gerade angesichts der DDR-Vergangenheit ist die Zivilgesellschaft in Ostdeutschland eine beachtliche Leistung", sagt Olk. Die Massenorganisationen, die in der DDR die "gesellschaftliche Arbeit" regelten, waren fest in das politische System integriert und verschwanden nach der Wende weitgehend. Dem gesellschaftlichen Engagement fehlte nach der Wende jegliche Infrastruktur.

Die Bürgerbewegungen konnte diese Lücke nicht füllen - aber sie waren oft ein Ausgangspunkt für den Aufbau der Zivilgesellschaft. Zum Beispiel in Leipzig. Hier ist Christian Führer als Pastor der Nikolaikirche zu einer Ikone der friedlichen Revolution geworden. Nach dem Mauerfall war ihm schnell klar, dass die Euphorie der Wende schnell von neuen Problemen geschluckt wird. "Den Arbeitskreis 'Hoffnung für Ausreisewillige' haben wir schon im 1989 nicht mehr gebraucht. Den Arbeitskreis 'Hoffnung für Arbeitslose' habe ich dann 1990 gegründet."

Daraus entwickelte sich schließlich die Kirchliche Erwerbsloseninitiative Leipzig. 4000 Menschen haben die Mitarbeiter allein im ersten Halbjahr 2010 geholfen. Die Unterstützung reicht von Schuldnerberatung über Hartz-IV-Beratung bis hin zu psychologischer Lebenshilfe. Dorothea Klein arbeitet dort seit zehn Jahren jeden Tag mit Arbeitslosen. Sie sagt: "Der biographische Knick ist immer noch zu spüren." Vor allem viele ältere Menschen haben sich im neuen System nie zurechtgefunden.