bedeckt München 17°

Unruhen in London:Warum die Gewalt in Tottenham explodierte

London erlebte in den vergangenen Nächten einen Exzess der Gewalt. Was hat die Randale von Tottenham ausgelöst? Welche Rolle spielt dabei der Tod eines Familienvaters durch eine Polizeikugel? Und weshalb verschäft die britische Sozialpolitik die Situation?

Oliver Das Gupta und Markus C. Schulte von Drach

Warum ist die Lage in Tottenham eskaliert?

Police Contain The Area As Tottenham Recovers From Night Of Rioting

Ein ausgebranntes Haus im Stadtteil Tottenham.

(Foto: Getty Images)

Am Anfang stand ein mysteriöser Todesfall: Am Abend des 4. August starb der Tottenhamer Mark Duggan durch eine Polizeikugel, die Umstände des Vorfalls sind noch ungeklärt. Zwei Tage später, am Samstagnachmittag, versammelten sich Duggans Angehörige und Freunde vor der örtlichen Polizeistation. Die mehr als 100 Demonstranten forderten Gerechtigkeit, Duggans Verlobte verlangte von den Behörden Antworten - ohne Erfolg.

Eigentlich planten die Teilnehmer von 17 Uhr an eine Stunde lang still zu protestieren und die Veranstaltung noch vor Einbruch der Dunkelheit zu beenden. Doch das erhoffte Gespräch mit einem Polizeioffizier kam nicht zustande, die Demonstranten verharrten vor dem Kommissariat. Vertreter der örtlichen Gruppen sollen die Behörden schon zu diesem Zeitpunkt der aufgeladenen Stimmung gewarnt haben. Am Abend kippte die bis dahin friedliche Kundgebung: "Kriminelle Elemente" hätten die Demonstration übernommen, konstatierte die Polizei. Der lokale Konflikt mündete in eine Gewaltorgie, deren Bilder die Welt bestürzten.

Schließlich stießen Hooligans von außerhalb hinzu, die Gewalt flammte auch in drei benachbarten Stadtteilen auf sowie in Brixton im Süden Londons - allesamt Problemviertel. Wie in Tottenham hat sich dort Frust und ein gewaltiges Konfliktpotential angestaut, die Empörung über den Todesfall Duggan ist der letzte Funke.

Auch in der Nacht zum Montag lieferten sich Jugendliche in anderen Bezirken Auseinandersetzungen mit der Polizei. Sie verabredeten sich übers Internet, zündeten Autos und Häuser an und plünderten Geschäfte. Bei den Tätern handle es sich offenbar um "Trittbrettfahrer", erklärte Scotland Yard. Die Beamten zeigten sich schockiert über das Ausmaß der Gewaltbereitschaft. Mehr als 100 Randalierer wurden festgenommen. Die Polizei zählte neun verletzte Beamte.

Was war der Auslöser der Krawalle?

Auslöser der Ausschreitungen im Londoner Stadtteil Tottenham war der Tod von Mark Duggan und die offenbar unzureichende Informationspolitik der Polizei nach dem Vorfall, über die sich Einwohner des Viertels empörten.

Ein zerstörtes Schaufenster in London.

(Foto: AFP)

Der 29-jährige Duggan war von Polizisten erschossen worden, nachdem die Beamten in der Ferry Lane im District Tottenham Hale das Taxi gestoppt hatten, in dem er unterwegs war. Was dabei genau passierte, wird von der unabhängigen Polizeiaufsichtsbehörde IPCC (Independent Police Complaints Commission) noch immer untersucht. Klar ist bislang, dass Sondereinsatzkräfte der Polizeieinheit CO19 das Minicab, in dem Duggan als Passagier saß, im Rahmen von Ermittlungen gegen Waffenkriminalität - der Operation Trident - anhielten.

Die Polizeibeamten feuerten zwei Schüsse ab. Der vierfache Vater Duggan starb noch in der Ferry Lane. Am Tatort wurde eine nicht registrierte Waffe entdeckt. Außerdem stellten die Ermittler ein Funkgerät sicher, das einer der Polizeibeamten getragen hatte. In dem Gerät steckte eine Kugel.

Die Polizisten erklärten, Duggan habe auf sie geschossen, als sie das Taxi anhielten. Die unregistrierte Waffe und die Kugel in dem Funkgerät schienen diese Erklärung zu stützen.

IPCC-Kommissarin Rachel Cerfontyne betonte gestern, "Spekulationen, dass Mark Duggan mit mehreren Schüssen in den Kopf auf hinrichtungsähnliche Weise ermordet worden sei, sind absolut unwahr." Die Familie des Toten, die den Leichnam identifiziert habe, wisse, dass dies nicht der Fall sei.

Allerdings gibt es nun Zweifel, ob die unregistrierte Waffe und die Kugel in dem Funkgerät die Darstellung tatsächlich untermauern können. Wie der britische Guardian berichtet, weisen erste ballistische Untersuchungen der Kugel darauf hin, dass es sich um ein Geschoss aus Polizeibeständen handelt. Demnach wäre sie wohl nicht von Duggan abgefeuert worden. Darüber hinaus schreibt das Blatt, ein Gemeindehelfer habe angedeutet, die Waffe, die möglicherweise Duggan gehörte, habe in einem Socken gesteckt - und sei demnach nicht einsatzbereit gewesen.

Die Untersuchung der Ereignisse, insbesondere die Analyse der Videoaufnahmen aus Überwachungskameras, wird durch Experten des Metropolitan Police Service unter dem Codenamen Operation Withern weiter fortgesetzt. Bereits am Samstag hatte die IPCC die Menschen aufgefordert, die weiteren forensischen Analysen abzuwarten, mit deren Hilfe die genaue Abfolge der Ereignisse erfasst werden sollen. "In der Zwischenzeit bitten wir die Menschen um Geduld, während wir versuchen, Antworten auf die Fragen zu finden, die dieser Vorfall aufgeworfen hat."

Warum gilt Tottenham als Problemviertel?

Pedestrians walk past workers fixing a broken glass window at a McDonalds restaurant after overnight looting in Brixton

Passanten gehen an einem zerstörten McDonald's vorbei.

(Foto: REUTERS)

An keinem Ort Großbritanniens - und womöglich in ganz Westeuropa - leben so viele Menschen aus verschiedenen Ethnien wie in South Tottenham, besagt eine Studie des University College London aus dem Jahr 2007. 113 Volksgruppen und mehr als 190 Sprachen zählten die Forscher. Die Kriminalitätsrate ist hoch, ebenso die Arbeitslosenquote.

Spannungen zwischen den Ethnien gibt es seit langem, immer wieder fühlen sich Bewohner mit Migrationshintergrund von der zum Großteil weißen Polizei diskriminiert. Nach dem aktuellen Gewaltausbruch beklagten sich Bewohner Tottenhams über die Arroganz und Vorurteile der Ordnungshüter: Die Polizei behandele sie von vornherein wie Drogendealer, nur weil sie schwarz seien oder einen Kapuzenpulli trügen.

Solche Konflikte haben in Tottenham inzwischen Tradition: 1985 hatte es einen Aufsehen erregenden Gewaltausbruch gegeben, nachdem eine Frau bei einer Razzia an einem Herzinfarkt gestorben war. Bei den "Broadwater Farm Riots" wurde ein Polizist getötet.

Damals waren es vor allem schwarze Jugendliche, die gegen die Polizei kämpften. Heute sind es in Tottenham Jugendliche unterschiedlichster Herkunft, die rauben, randalieren und sich Straßenschlachten liefern. Auch viele der Rowdys, die aus den anderen Vierteln der Metropole nach Tottenham kamen, haben einen Migrationshintergrund.

Welche Folgen hat der Sparkurs der Regierung Cameron?

Cameron contacts Merkel over financial crisis

Premierminister David Cameron setzte im Herbst ein milliardenschweres Sparpaket durch.

(Foto: dpa)

Nach Angaben des Labour-Abgeordneten David Lammy ist die Arbeitslosenquote in Tottenham die höchste in London und die achthöchste in Großbritannien. Viele Jobs hängen hier von öffentlichen Geldern ab - und gerade dort spart die Regierung von David Cameron.

Bis 2015 sollen die Ausgaben um 91 Milliarden Euro gekürzt werden - das meiste Geld will Schatzkanzler George Osborne bei den Sozialausgaben sparen: Kindergeld, Betreuungsgeld, Wohnzuschüsse, Steuererleichterungen für Familien werden zusammengestrichen. Angst treibt viele Arme, Arbeitslose, Rentner, Alleinerziehende und andere Empfänger der entsprechenden Unterstützung um.

Im Februar 2011 hat der Gemeinderat von Haringey, der auch für Tottenham zuständig ist, beschlossen, in den nächsten Jahren die Unterstützung von Jugendlichen einzuschränken, Altenheime und Behindertenzentren zu schließen und die Finanzierung der Ausbildung von Sozialarbeitern zu reduzieren.

Die von der Cameron-Regierung geplanten Maßnahmen bezeichnete der Abgeordnete Lammy bereits im Oktober 2010 als "widerwärtige und unnötige Kürzungen, die katastrophal für unsere Gemeinde sein werden". Die Liberaldemokraten und Konservativen riskierten damit, "uns in die 80er zurückzuwerfen, als Frustration und Ärger, die sich aus vergeudeten Talenten und bitterer Armut speisten, zu sozialen Unruhen führten", hatte Lammy gewarnt.

Zu Recht, wie sich nun zeigt. 1985 war bei einer Polizeirazzia in Tottenham eine ältere Frau an einem Herzinfarkt gestorben. Bei anschließenden Unruhen war es zu Plünderungen, Bränden und Straßenschlachten zwischen der Polizei und Jugendlichen gekommen. Der Polizist Keith Blakelock war bei dem Versuch Feuerwehrleute zu beschützen von einem Mob ermordet worden. Er war beim Rückzug seines Teams gestolpert und gestürzt. Seine Mörder stachen und prügelten auf ihn ein, rissen ihm den Helm vom Kopf und versuchten offenbar, ihn zu enthaupten.

In den vergangenen Jahren hat sich die Stadt durchaus bemüht, Probleme, die etwa durch das Nebeneinander der vielen ethnischen Gruppen entstehen können, anzugehen. So unterstützt der Stadtrat von Haringey die Arbeit von Gruppen wie den Haringey Race and Equality Council, das Haringey Women's Forum, den African Caribbean Leadership Council, die Bangladeshi Women's Association und andere Organisationen.

Doch "der Wohlstand der City of London findet seinen Weg nicht zu Orten wie der Siedlung Broadwater Farm oder Northumberland Park", kritisiert Lammy im April 2011. London sei "die ungerechteste Stadt in den Industriestaaten - Londons reichste zehn Prozent besitzen 273 Mal mehr als die ärmsten zehn Prozent". Der Kapitalismus habe den Stadtbezirk Haringey vergessen.

Welche Parallelen gibt es zu den Unruhen in Paris 2005?

Die Tottenhamer Randale erinnert an die ethnischen Unruhen, die sich im Oktober und November 2005 in Frankreich zugetragen haben. Auslöser war damals der Unfalltod zweier Jugendlicher, die auf der Flucht vor der Polizei ums Leben kamen. Schauplatz war ein Pariser Vorort, ein sozialer Brennpunkt mit hohem Migrantenanteil wie in Tottenham.

Ähnlich wie nun in London brodelte es dort schon zuvor: Viele Jugendliche fühlten sich diskriminiert und im Stich gelassen, ihr Frust führt zu Hass, Gewalt und Kriminalität. Die Randale von 2005 griff bald auf weitere so genannte Banlieues von Paris und anderer französischer Großstädte über - eine ähnliche Entwicklung war in London zu beobachten.

Allerdings gibt es auch markante Unterschiede zwischen den französischen Unruhen und den "Riots" in der britischen Hauptstadt: In Paris hatte es die Polizei vor allem mit den Nachkommen muslimischer Einwanderer zu tun, mitunter gab es antisemitische und antiisraelische Untertöne. Die britischen Krawallmacher sind multiethnisch, die Ausschreitungen haben (bislang) keine religiöse Komponente. Außerdem hat die Londoner Gewalt 2011 längst noch nicht das Ausmaß der französischen Unruhen von 2005 erreicht: Dort brannten in manchen Nächten mehr als 1000 Autos.

Pariser Verhältnisse fürchtet man wohl nun auch in London: Aufgeschreckt äußerten sich britische Politiker bis hinauf zum Büro des Premierministers. Innenministerin Theresa May brach am Montag ihren Urlaub ab, um nach London zurückzukehren. Groß ist die Sorge, dass der Krawall weiter eskaliert, dass die bei Touristen beliebte Hauptstadt womöglich das Attribut "unsicher" bekommen könnte - und das ausgerechnet vor den Olympischen Spielen 2012.

Dass die Gewalt nicht in den prekären Londoner Vierteln bleibt, zeigt schon das Wochenende. Dutzende gewalttätige Jugendliche tauchten im Herzen der Metropole auf und beschädigten einige Geschäfte dort, wo die Upper Class zu flanieren pflegt - in der Einkaufsmeile Oxford Street.

© sueddeutsche.de/mati, luk
Zur SZ-Startseite