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Unruhen in London:Perspektivlosigkeit und adrenalingeführte Euphorie

"Das ist der Aufstand der Arbeiterklasse", brüstet sich vor Reportern ein 28-Jähriger, der beim Krawall im Viertel Croyden mitmischt und sich selbst als Anarchist bezeichnet, sich aber offenbar für eine Art Robin Hood hält. "Wir verteilen den Wohlstand um."

Looters run from a clothing store in Peckham, London

Jugendliche plündern ein Bekleidungsgeschäft im Londoner Stadtteil Peckham.

(Foto: REUTERS)

In der zusammengereimten Kraftmeierei steckt tatsächlich ein Stück der Erklärung, warum die Krawalle so massiv ausfallen: "Vieles davon geschieht aus Opportunismus", sagt der Kriminologe John Pitts zum Guardian. Aber im Zentrum müsse eine "soziale Frage" stehen, "nach Jugendlichen, die nichts zu verlieren haben". Der Professor von der Universität Bedfordshire glaubt, dass die meisten Randalierer gesellschaftliche Perspektivlosigkeit eint: Niedrige Einkommen, Arbeitslosigkeit, geringe oder keine Aussichten auf eine seriöse Zukunft.

"Es geht hier nicht in erster Linie um Rasse, Religion oder Klasse", sagt der Sozialwissenschaftler Mike Hardy, Leiter des Instituts für kommunale Integrationsstudien zu Reuters. "Es geht schlicht und einfach um all jene, die sich von der Gesellschaft ausgeschlossen fühlen."

Längst ist der ungeklärte Tod des Tottenhammer Mark Duggan, der den Flächenbrand auslöste, in den Hintergrund getreten. Es ist kein Aufruhr für einen Toten. Es ist ein Aufruhr der Abgehängten.

Immer drastischer sind die Szenen, die sich in den Straßen Londons abspielen, immer wagemutiger treten die Randalierer auf, was Pitts auf die "adrenalingeführte Euphorie" zurückführt. In Hackney etwa tritt der Mob furchtlos den Einsatzkräften gegenüber: Ein blasser Jugendlicher traktiert mit einer Holzplanke einen Streifenwagen, unerschrocken filmt ein afrikanischstämmiger Glatzkopf mit seinem Handy einen Polizisten mit Helm und Schild eine Armlänge vor ihm. Etwas weiter trägt ein Vermummter ein Schaukelpferd weg, dessen Kufen vom Feuer angesengt sind, ein anderer mit goldenem Adidas-Aufdruck auf seinem Sweatshirt schleudert den Polizisten eine Weinflasche entgegen, andere werfen Molotowcocktails. In Whitechapel versuchen Männer sogar, in eine islamische Bank einzubrechen.

Inzwischen gibt es den ersten Toten: Ein 26-Jähriger starb im Krankenhaus, teilte Scotland Yard mit. Der Mann war am Vorabend mit mehreren Schusswunden in einem Auto im Bezirk Croydon gefunden worden. Nach Angaben der Polizei waren zu dem Zeitpunkt zwei weitere Personen anwesend. Sie wurden verhaftet, weil sie Diebesgut bei sich trugen.

Im Internet kursieren inzwischen Videos von Überfällen am hellichten Tag: Eine Horde Männer steht um einen blutenden asiatischstämmigen Jugendlichen und räumt seinen Rucksack aus. Ein anderes Foto zeigt, wie sich ein junger Mann bis auf die Unterhose auszieht - vor ihm steht ein Hüne, der ihm die Kleidung raubt. Die Taten sollen sich in Süd-London und in Birmingham zugetragen haben, schreibt die Daily Mail.

Die Randalierer und Plünderer halten sich zwar nicht an die gängigen gesellschaftlichen Normen, wohl aber legitimieren sie Wissenschaftler Pitts zufolge manche Taten nach einer für sie stimmigen Logik: Die Habenichtse brechen bei Tesco, H&M und Sony ein - nach dem Motto, die Konzerne hätten viel Geld. Das hindert den Mob allerdings nicht daran, kleine Läden auszurauben und zu zerstören.

Für den Soziologen Paul Bagguley von der Universität Leeds wurzelt die Gewaltorgie in einer "biographical availability", einer "biografischen Verfügbarkeit": Ohne Job würden die Leute häufiger auf der Straßen herumlungern, sagt Bagguley, und außerdem gebe es einfach viel mehr attraktive tragbare Konsumgüter als jemals zuvor - eine mächtige Motivation für eine Generation, die von Konsum geprägt und von "Werbung bombardiert" wird, wie es Pitts beschreibt.

Die weitere Tendenz: abwärts.

Die drastische Sparpolitik der Regierung von Premierminister David Cameron verschärft die Lage in den sozialen Brennpunkten zusätzlich: Bis 2015 sollen die Ausgaben um 91 Milliarden Euro gekürzt werden - vor allem im Sozialbereich: Kindergeld, Betreuungsgeld, Wohnzuschüsse, Steuererleichterungen für Familien werden zusammengestrichen.

Die Lage war schon vor den Kürzungen mau: Die Löhne stagnieren infolge der Rezession und der Inflation. Der Lebensstandard im Vereinten Königreich ist um fast fünf Prozent gesunken, hat das Centre for Economics and Business Research herausgefunden. Die weitere Tendenz: abwärts.

Bemerkbar macht sich diese Entwicklung als erstes bei den prekären Bevölkerungsschichten: Angst treibt viele Arme, Arbeitslose, Rentner, Alleinerziehende und andere Empfänger der staatlicher Leistungen um. Seit Samstag verwandelt sich diese Angst bei vielen in Wut.

Nun sind die brennenden Häuser überall zu sehen, im Fernsehen, im Internet. Der Furor in Londons Straßen dominiert die Medien wie die Talfahrt an den Börsen. Einigen, die für das Chaos mitverantwortlich sind, zeigen offene Genugtuung.

Da ist der junge Schwarze, den ein Reporter des britischen Senders ITV fragt, ob der Krawall der richtige Weg sei, um Unzufriedenheit auszudrücken.

"Ja", antwortet er. "Sie würden nicht mit mir reden, wenn wir nicht randalieren würden, oder?"

Der Journalist weiß darauf keine Antwort, deshalb setzt der junge Mann nach: Vor zwei Monaten seien sie zu Scotland Yard marschiert, mehr als 2000 Schwarze, friedlich und still. "Und wissen Sie was?", fragt der junge Mann und gibt selbst die Antwort: "Kein Wort darüber in der Presse."

© sueddeutsche.de/mati
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