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Unruhen in Libyen:Der ewige Potentat

Seit 42 Jahren herrscht Muammar el Gaddafi in Libyen. Zwar scheint der Diktator langsam den Bezug zur Realität zu verlieren. Doch wenn es um den Machterhalt geht, ist Gaddafi hellsichtig und von brutalem Realismus.

Mit seinen 68 Jahren ist Muammar el Gaddafi, im Vergleich zu den gestürzten Potentaten Ägyptens und Tunesiens, relativ jung. Aber Libyens Revolutionsführer regiert seit 42 Jahren und damit länger als jeder anderer Herrscher der arabischen Welt. Wie die Proteste in mehreren Städten zeigen, geht vielen seiner Landsleute die Geduld aus, zumal sie vom Öl- und Gasreichtum des Landes nur ungenügend profitieren.

Libyan leader Muammar Gaddafi attends a ceremony marking the birth of Islam's Prophet Mohammed in Tripoli

Muammar Gaddafi regiert seit 42 Jahren Libyen - dank seines Machtapparats dürfte sich das wohl auch nicht ändern.

(Foto: REUTERS)

Gleichwohl ist der soziale Druck in Libyen viel geringer als in den Nachbarländern. Überall stehen Baukräne, der Wohnraum, den Zehntausende chinesische, vietnamesische, türkische Arbeiter errichten, wird fast kostenlos vergeben. Medizinische Versorgung ist gratis, die Arbeitslosen werden mehr, doch sie können sich damit trösten, dass auch die vielen Staatsdiener wenig tun und wenig verdienen. Niemand hungert in Libyen.

Von der Realität ist Gaddafi, der nur wenigen vertraut, aber alles entscheidet, immer weiter entfernt. Als über den Reichtum des Ägypters Mubarak gesprochen wurde, meinte er, der habe doch nicht einmal Anzüge im Schrank. Und die Tunesier hätten Ben Ali vor allem verübelt, dass die Trabelsis, die Angehörigen seiner Frau, aus dem libyschen Tripolis stammten. Über die bizarren Seiten des Revolutionsführers lachte längst die Welt. Aus Wikileaks erfuhr sie, dass er sich weigert, ohne seine ukrainische Krankenschwester Galina Kolotnitzka, eine üppige Blondine, zu reisen.

Wenn es um den Machterhalt geht, ist Gaddafi hellsichtig und von brutalem Realismus. Er stützt sich auf den Familienclan, die Armee, den mit Privilegien ausgestatteten Klientenapparat der revolutionären Volkskomitees, die skrupellose Geheimpolizei - und er weiß sie alle gegeneinander auszuspielen.

Alle fünf Jahre holt er jüngeren Nachwuchs in seine Kaderorganisation. Er hat damit ein System geschaffen, das schwer zu reformieren ist. Sein auf Erneuerung bedachter Sohn Seif-ul-Islam hat sich mehrfach die Finger verbrannt. Ebenso schwer dürfte dieses System zu stürzen sein. Dass die Stimmung reif ist für eine revolutionäre Massenbewegung, ist fraglich.

Die Unruhen in Bengasi wurden von Angehörige der mehr als tausend Häftlinge getragen, die vor 15 Jahren im berüchtigten Abu-Dschamal-Gefängnis von Tripolis massakriert wurden. Die Hinterbliebenen, die jeden Samstag demonstrieren, erhalten Entschädigung. Aufgeklärt wurde der Vorgang nie. Um den Druck zu mindern, wurden am Mittwoch 110 Islamisten aus Abu Dschamal entlassen. Doch das war seit Monaten angekündigt.

Internationale TV-Kanäle wie al-Dschasira oder CNN, die mit ihren Kameras den Kairoer Tahrir-Platz ausleuchteten, können in Libyen nicht arbeiten, wenn das politische Wetter schlecht ist. Ausländische Journalisten erhalten selten ein Visum. Nicht einmal libysche Journalisten durften am Donnerstag von Tripolis in den Osten reisen. Die Revolution findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt - wenn sie stattfindet.