UN bei Wiederaufbau in Haiti Planlose Helfer, umstrittene Besatzer

Noch immer liegt Haitis Hauptstadt Port-au-Prince in Trümmern, Konzepte für den Wiederaufbau fehlen. Die UN hat das Mandat ihrer Blauhelme eben verlängert, doch die Helfer wirken selbst hilf- und planlos. In der Bevölkerung wächst das Misstrauen gegen die Soldaten, die mit der Cholera und sexuellem Missbrauch in Verbindung gebracht werden.

Ein Kommentar von Peter Burghardt

Vor sieben Jahren schickte die Welt eine Armee in die Karibik, sie sollte das ärmste Land des Westens stützen. Das ging am Anfang einigermaßen gut, die Friedenstruppe der Vereinten Nationen bewahrte Haiti nach dem Sturz des Präsidenten Jean Bertrand Aristide mit einem massiven Militäreinsatz vor Anarchie. Später wurden die Blauhelme Teil der haitianischen Tragödie.

Um 3000 Mann will die Uno die Blauhelm-Truppen in Haiti reduzieren. Doch die Vereinten Nationen werden noch immer mit 9000 Mann dort präsent sein. In der Bevölkerung wächst der Widerstand gegen die Mission Minustah.

(Foto: AFP)

Das Erdbeben vom 12. Januar 2010 tötete 220.000 Haitianer und auch 96 Mitglieder der UN-Mission Minustah, darunter ihren damaligen Anführer Hédi Annabi. Dann bestätigte sich der Verdacht, dass Soldaten aus Nepal die Cholera eingeschleppt hatten, 6500 Menschen sind an der Krankheit gestorben. Und kürzlich sollen uruguayische Uniformierte einen Minderjährigen missbraucht haben. Wie geht dieser internationale Feldversuch weiter?

Es geht weiter, das hat der UN-Sicherheitsrat gerade entschieden. Die Minustah bleibt noch mindestens ein achtes Jahr, allerdings mit einem reduzierten Aufgebot von 9000 statt zuletzt 12.000 Gesandten. Die Verlängerung ist einerseits sinnvoll, ein schneller Rückzug wäre überstürzt gewesen. Die UN sollten erst gehen, wenn sich absehen lässt, dass sie nicht mehr zurückkommen müssen.

Andererseits betrachten immer mehr Haitianer die fremden Gewehrträger als Besatzungsmacht, die Waffen, Panzerwagen und weiße Jeeps dabei hat, aber keinen Plan. Viele Blauhelme sprechen nicht mal Französisch, geschweige denn Kreolisch. Der Ausbruch der Cholera und die Vergewaltigungsvorwürfe sind mehr als Betriebsunfälle. Das Projekt Minustah und das Projekt Wiederaufbau brauchen eine neue Richtung, wenn die Rettungsaktion nicht scheitern soll.

Wie gehabt sind weite Teile der Hauptstadt Port-au-Prince und des Staates ein Trümmerfeld. 700.000 Obdachlose der Erdstöße wohnen in Zelten, die Metropole verkommt zum Dauer-Camp. Die neue Regierung im zerstörten Präsidentschaftspalast findet mit Verspätung zusammen. Es regiert der politische Neuling Michel Martelly, ein vormaliger Sänger. Jetzt sollten sich Haitis Führung und ihre ausländischen Helfer endlich ein vernünftiges Konzept überlegen.

Vielleicht erinnert sich noch jemand an die globale Solidarität nach dem Naturdesaster vor 21 Monaten. Weltweit spendeten die Zuschauer, als sie das Leid im Fernsehen sahen. Milliarden Dollar wurden Haiti versprochen. Und jetzt? Herrscht ein babylonisches Durcheinander an Hilfsorganisationen, den sogenannten NGOs, Funktionären und Soldaten.

Die Republik hängt nach wie vor am Tropf, aber das Geld ist nur zu Bruchteilen angekommen. Das Interesse der Welt wich einer tristen Routine. Durch die verstopften Straßen kämpfen sich die Geländewagen der Entwicklungshelfer und Blauhelme. Kaum jemand kann erkennen, wo sich zwischen den Ruinen und Auffanglagern ein Konzept für einen tragfähigen Staat verbirgt.

Schon vor Jahren empfahl der damalige Präsident René Préval den UN, Haiti brauche Traktoren statt Panzer. Jedenfalls wären Techniker wichtiger als Soldaten, auch wenn es ohne Sicherheit natürlich nicht geht. Prévals Nachfolger Martelly hat gerade angeregt, die 1995 aufgelösten Streitkräfte wieder aufzubauen, doch das ist vorläufig Unsinn. Haiti wird nicht von außen bedroht. Die Politiker und Gönner des Landes sollten dafür sorgen, dass die haitianische Polizei professionell wird, um ohne UN für Ordnung sorgen zu können.

Krankenhäuser, Schulen und Wohnungen müssen gebaut, Arbeitsplätze geschaffen werden. Das politische und soziale System braucht eine Struktur. Immerhin hatte Präsident Martelly die Idee, Gespräche mit den Heimkehrern Aristide und Jean Claude Duvalier zu führen, dem früheren Volkstribun und dem ehemaligen Diktator. Das mag ein Anfang sein. Aber der Regierungschef, die UN und alle Haiti-Unterstützer müssen sich mehr einfallen lassen.