Süddeutsche Zeitung

Milliardenverluste:Uniper sitzt in der russischen Gasfalle

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Der Gasimporteur verliert Tag für Tag Millionen, das Unternehmen ist laut seinem Chef zum "Spielball" im Konflikt zwischen Russland und dem Westen geworden. Wie konnte es so weit kommen?

Von Thomas Fromm

Wenn ein Unternehmen im Schnitt an die 60 Millionen Euro am Tag verliert, an manchen Tagen sogar 100 Millionen Euro, dann muss es schon richtig große Probleme geben. So wie der Düsseldorfer Gasimporteur Uniper. Über ihn sagt ein Analyst der kanadischen Bank RBC, er stecke "im Auge des Sturms der europäischen Energie-Krise". Sollte man in einem solchen Sturm Uniper-Aktien kaufen, die bis vor ein paar Monaten für viele noch ein sicheres Geschäft waren? Ein Investment "nur für sehr mutige Anleger", sagt der Analyst heute.

12,3 Milliarden Euro hat der Gashändler im ersten Halbjahr verloren, und schuld daran ist zu einem großen Teil der Krieg in der Ukraine - und das, was danach kam. Denn Uniper, 2016 durch eine Abspaltung von Eon entstanden, ist das Geschäftsmodell abhanden gekommen: günstig russisches Gas einkaufen, danach weiterreichen. Das ging lange gut, aber inzwischen sei man bei Uniper "de facto zum Spielball in diesem Konflikt geworden", sagt Vorstandschef Klaus-Dieter Maubach. Russland sei "kein zuverlässiger Lieferant" mehr.

Uniper konnte die Preissteigerungen nicht weitergeben

Wie es so weit kommen konnte, dass Uniper nun schon seit vielen Wochen in der russischen Gasfalle sitzt und dabei immer mehr Geld verliert? Das Unternehmen aus Düsseldorf hatte jahrelang einen guten Schnitt mit russischem Gas gemacht, bis vor Kurzem noch. Für den Weiterverkauf an die deutschen Gaskunden gelten weitgehend Altverträge, in erster Linie sind diese Abnehmer Stadtwerke und große Unternehmen. Nachdem Russland die Lieferungen von Gas aber Mitte Juni drastisch gedrosselt hatte, musste Uniper das fehlende russische Gas ersetzen, um seine alten Verpflichtungen zu erfüllen und die Kunden weiter zu beliefern. Das bedeutete, immer wieder neue Verkäufer finden, die das Gas kurzfristig zu weitaus höheren Preisen anbieten.

Kurzfristig gekauft, und das zu weitaus höheren Preisen: Weil Uniper diese Preissteigerungen nicht weitergeben konnte, entstanden nun diese massiven Liquiditätsprobleme - und dann die Milliardenverluste. Uniper ist also eines dieser Unternehmen, an denen sich die Geo- und Machtpolitik Russlands und die Auswirkungen auf die Bevölkerung am besten illustrieren lässt. "Russland setzt eine Verknappung von Gaslieferungen gezielt ein, um die Einheit des Westens herauszufordern", so Maubach.

In Zahlen bedeutet das: Mittlerweile liefert das russische Unternehmen Gazprom nicht einmal mehr wie noch vor ein paar Wochen 40 Prozent der zugesagten Mengen durch die Pipeline Nord Stream 1, sondern nur noch 20 Prozent - und rechtfertigt das Ganze mit "höherer Gewalt". Das Problem ist nur: Je weniger Gazprom liefert, desto mehr muss sich Uniper das Gas woanders besorgen, und desto teurer wird es am Ende. Die Lage der Energieversorgung in Europa sei "weit davon entfernt, sich zu entspannen", sagt der Uniper-Chef. Und dass man "vorerst noch keinen Ausblick auf die weitere Entwicklung geben" könne. Wer kann das schon in diesen Wochen?

Der Bund steigt bei Uniper ein

Mit den hohen Verlusten könnte das noch eine Weile so weitergehen, bis Ende September zumindest. Denn von Oktober an soll die von der Bundesregierung beschlossene Gasumlage Uniper und andere Gasimporteure entlasten und so weitere Milliardenlücken verhindern. Und das soll so funktionieren: Händler wie Uniper beziffern per Antrag die Höhe der Verluste, die wegen der ausbleibenden Lieferungen aus Russland entstanden sind und bekommen dann 90 Prozent dieser Kosten erstattet. Dafür aber steigt der Gaspreis für Verbraucher in Deutschland um 2,419 Cent pro Kilowattstunde. Die tiefen Löcher in der Bilanz von Uniper werden also, wenn man so will, zu großen Teilen von den deutschen Haushalten wieder gefüllt.

Um das Schlimmste zu verhindern, hat die Regierung im Juli ein Hilfspaket für Uniper auf den Weg gebracht und will das Unternehmen mit insgesamt 15 Milliarden Euro unterstützen, flankierend wird auch der Staat mit 30 Prozent bei den Düsseldorfern einsteigen. Weil es sich hier um das Geld der Steuerzahler handelt, gelten Auflagen auch für die Uniper-Eigentümer, allen voran den finnischen Energiekonzern Fortum, der noch an die 80 Prozent der Uniper-Anteile hält. Aber auch für das Management. Das Unternehmen darf vorerst weder Dividenden an seine Aktionäre ausschütten, noch dürfen an die Vorstände - über ihr Festgehalt hinaus - Boni ausgezahlt werden. Im Herbst will sich der Konzern dann im Rahmen einer außerordentlichen Hauptversammlung die Zustimmung der Aktionäre zu den Rettungsbeschlüssen einholen. Oberste Priorität sei nun, "das Stabilisierungspaket zügig umzusetzen", sagt Maubach. Viel Zeit bleibt nicht dafür, wenn man als Unternehmen 60 bis 100 Millionen Euro am Tag verliert.

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