bedeckt München 17°
vgwortpixel

Ungleichheit:Gleich ist nicht gleich gerecht

WeihnachtsgeschâÄ°ft in M¸nchen, 2015

In einer Einkaufsstraße in München treffen zwei Perspektiven aufeinander.

(Foto: SZ Photo)

Sind wir nicht irre reich? Nicht alle gleich reich zwar, aber Gleichheit macht sowieso nur träge und faul. Oder?

Es geht uns gut, wir sind alle reich. Wirklich.

Was für ein Satz, im Krisenjahr 2016. Aber er stimmt. Schauen Sie:

Noch vor 300 Jahren gab es kaum jemanden, der so viel besaß wie Sie jetzt. Egal ob Sie diesen Text gerade im 4000-Euro-Chefsessel eines multinationalen Konzerns lesen - oder den Sessel für einen Stundenlohn von zehn Euro sauber machen müssen.

Noch im Jahr 1999 lebten 29 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut. 2012 waren es nur noch 13 Prozent. Heute sind es nach Angaben der Weltbank weniger als zehn. Die Ungleichheit zwischen den Ländern dieser Welt ist drastisch zurückgegangen. Die globale Mittelschicht hat sich in den vergangenen 30 Jahren auf fast 3,2 Milliarden verdoppelt.

Auch und gerade in Deutschland leben die Menschen in einer Zeit gewaltigen, unübersehbaren Reichtums. Einerseits.

Andererseits ist auch Deutschland von Gleichheit weit entfernt. Die Diskussion um einzelne Studien und Zahlen ist zäh, doch klar ist: Die Ungleichheit zwischen den Ländern mag gesunken sein, die Ungleichheit innerhalb der Länder, auch in Deutschland, ist dagegen gestiegen. In Deutschland besitzen die reichsten zehn Prozent mehr als die Hälfte des gesamten Vermögens.

Doch die Antwort auf die Frage, warum Gleichheit in Deutschland als so hohes Gut gilt, steckt nicht allein in diesen Zahlen. In Umfragen jedenfalls fordern die Deutschen regelmäßig mehrheitlich mehr materielle Gleichheit.

Schnell werden solchen Gedanken kleinbürgerliches Ressentiment, Neid oder sogar Reichenhass unterstellt. Dann wird aus Gleichheit ein links-ideologisches, utopisches Konstrukt, mehr Druckmittel als erstrebenswertes Ziel. Ein wohlfeiles Prinzip, das träge und faul macht, aber ganz bestimmt nicht reich. Wo bleibt das Leistungsprinzip in all der Gleichmacherei?

Mit dieser und anderen Fragen beschäftigen wir uns von heute an eine Woche lang auf SZ.de und in der Süddeutschen Zeitung. Die Debatte um Ungleichheit und Ungerechtigkeit war selten wichtiger als heute, da es so viel gibt, das verteilt werden kann. Was macht das mit uns und unserer Gesellschaft? Es gibt unübersehbar viele Untersuchungen, die sich mit dem Thema beschäftigen. Beinahe jede denkbare Position kann mit Daten untermauert werden.

Die Welt ist zerbrochen, zersplittert in winzige Teile. Es gilt, das Puzzle so gut es geht wieder zusammenzusetzen. Dem postmodernen Gefühl, das keine Fakten, sondern nur noch Meinungen kennt, etwas entgegenzusetzen.

Ökonomie, Philosophie, Politik, auf diesen Feldern findet die Diskussion statt, oft eher populär als wissenschaftlich. Auf der Liste derer, die sie geführt haben, finden sich die einflussreichsten Denker des Planeten. Von Sokrates und Aristoteles über Cicero und die Philosophen der Aufklärung bis Marx und Hayek. Heute sind es John Rawls, Jürgen Habermas, Amartya Sen oder Angus Deaton, die im Zentrum der Debatte stehen.

Am Ende geht es um Gerechtigkeitstheorie - darum, was Gerechtigkeit eigentlich ist. Um Verteilungsdiskurse und Weltanschauungen.

Wie schwer es ist, in einem so hochkomplexen Feld Antworten zu finden, hat der Ökonomie-Nobelpreisträger Amartya Sen mit einer ganz simplen Parabel deutlich gemacht:

Drei Kinder streiten um eine Flöte. Jeder hat einen guten Grund, warum ihm das Instrument zusteht: Das erste kann sie aufgrund seiner Fähigkeiten am besten nutzen, das zweite verfügt über kein anderes Spielzeug, und das dritte hat die Flöte hergestellt.

Was ist also gerecht? Das, was nützt? Was solidarisch ist? Oder libertär? Für Sen kann die Frage, wem die Flöte zusteht, nicht allgemein und abstrakt beantwortet werden. Sie lasse sich nur im konkreten Fall durch "diskursive und unparteiliche" Gewichtung klären. Die soziale Ordnung sei vor allem das Ergebnis von Diskursen, die sich verändern und unter ständigem Korrekturvorbehalt stehen. Wo also stehen wir im Moment? Wie unparteilich sind die Verhältnisse im Jahr 2016? Geht es fair zu? Gleich? Oder gerecht? Und ist das überhaupt wichtig?