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Ungarn:"Zu weit gegangen"

War einst Weggefährte Orbáns: István Hegedüs.

(Foto: OH)

Der Soziologe István Hegedüs war mal Weggefährte Viktor Orbáns. Heute gehört er zu den Kritikern des Regierungschefs. Im Interview spricht er über Orbáns Streit mit der EVP.

Einst war der ungarische Soziologe István Hegedüs, 61, ein enger Weggefährte Viktor Orbáns. Von Ende 1988 an saß er als Mitglied im Präsidium der damals noch liberalen Fidesz-Partei, später als Fidesz-Abgeordneter im Parlament. Die Wege trennten sich, als Ministerpräsident Orbán den Kurs nach rechts einschlug. Hegedüs ist heute Präsident der Ungarischen Europa-Gesellschaft, einer regierungsunabhängigen Organisation, die für das Zusammenwachsen des Kontinents eintritt.

SZ: Ministerpräsident Orbán hat heftige Kritik aus Brüssel und Ausschluss-Drohungen aus den Reihen der Europäischen Volkspartei geerntet, weil er in einer neuen Plakat-Kampagne den EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker zusammen mit George Soros verleumdet. Hat er mit dieser Attacke den Bogen überspannt?

István Hegedüs: Mit dieser Provokation ist er ziemlich weit gegangen, und es ist noch nicht ganz klar, ob das gewollt war oder doch ein Unfall.

Was will er bezwecken?

Er hat sicher mehrere Strategien im Kopf. Die eine war, zumindest bis gestern oder vorgestern, dass er innerhalb der konservativen Volkspartei seinen Einfluss ausbauen und vielleicht auch die Macht übernehmen wollte. Das steckte auch dahinter, als er sich in der Flüchtlingskrise gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel positioniert und mit der CSU kooperiert hat. Da wollte er der neue Held der EVP und Europas sein.

Hat er umgeschwenkt auf ein neues Ziel?

Wahrscheinlich hat er das alte Ziel noch nicht völlig aufgegeben. Aber er hat schon länger enge Kontakte zu den Populisten wie dem italienischen Innenminister Matteo Salvini geknüpft und wohl gedacht, dass er mit einem Fuß bei der Volkspartei bleiben und mit dem andern schon bei den Populisten sein kann. Doch ein solcher Tanz gelingt nicht ewig. Möglich ist aber auch, dass er entschieden hat, sich selbst von der Volkspartei zu lösen und dass er dazu einen Rauswurf provoziert, um sich zum Märtyrer zu stilisieren. So kann er seinen Anhängern zeigen, dass er gegen die alten Brüsseler Eliten kämpft.

Kann die Rechnung aufgehen?

Ich denke, dass er seine Ex-Freunde innerhalb der EVP unterschätzt, wenn er glaubt, dass er sich politisch jetzt schon alles leisten kann. Das hängt wohl mit seiner Megalomanie zusammen. Es gibt in Orbáns Verhalten eine psychologische Logik, seine Haltung ist: Ich will sagen, was ich denke. Wenn ich das nicht mehr innerhalb der Europäischen Volkspartei sagen darf, ist das eure Schuld und dann bin ich weg. Das ist keine politische Strategie mehr, sondern eher Rache.

Würde denn ein Rauswurf aus der EVP Orbán am Ende eher schaden oder nutzen?

Innerhalb Ungarns ist diese Frage für die meisten Wähler nicht so wichtig. Zumindest theoretisch könnte für die sehr fragmentierte Opposition sein Rauswurf gut sein, weil sie dann zeigen kann, dass die Ungarn unter Orbán und seiner Fidesz in Europa nicht mehr zum Mainstream, sondern zu den Extremisten gehören.

Und was würde das für ihn auf der europäischen Ebene bedeuten?

Einerseits würde Orbán natürlich an Einfluss verlieren. Auf der anderen Seite kann er dann der Held der Populisten sein. Wenn die - wie erwartet - erfolgreich sind bei der EU-Wahl im Mai, dann würde auch Orbán wieder eine sehr starke Stimme haben in Europa.

Bislang hat Orbán aller Rhetorik zum Trotz bei wichtigen Entscheidungen in der EU doch meist die EVP-Linie gehalten. Würde er denn inhaltlich zu Salvini und Co. passen?

Ja, inhaltlich gehört er zu Salvini und den anderen Rechtsradikalen. Mit dem, was er über Europa und die liberale Demokratie denkt, passt er schon lange nicht mehr zur Volkspartei.

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