Auf den ersten Blick ist Gergely Karácsony ein typischer Großstadtbürgermeister. Er muss gewährleisten, dass die Straßenbahn fährt und die Haushaltsplanung stimmt, er besucht Gedenkveranstaltungen und schaut bei Leuten vorbei, die in der Hitze die Stadtbäume gießen. Und immer wieder weist er in Imagevideos darauf hin, wie großartig seine Metropole doch sei. Auf den zweiten Blick ist Gergely Karácsony aber viel mehr als ein Großstadtbürgermeister. Denn er regiert die Hauptstadt Budapest, die seit Langem der liberale Gegenpol zum autoritären Ungarn von Viktor Orbán ist.
In einer solchen Gemengelage kommt man nicht umhin, Position zu beziehen. Und das hat Karácsony gemacht, seit er 2019 zum OB gewählt wurde. Er hat Orbáns Regierung immer wieder scharf kritisiert, sich gegen die Einschränkung der Pressefreiheit und den Einfluss der Regierungspartei Fidesz auf Universitäten und Kunst gestellt. Und als Orbán im April alles daran setzte, dass die alljährliche Regenbogenparade in Budapest nicht stattfinden darf, indem ein neues Gesetz die Darstellung von Homosexualität vor Minderjährigen unter Strafe stellt, da verkündete Karácsony, dass die Budapester Pride sehr wohl stattfinden werde. Zwar nicht als politische Demonstration, wie das bei Regenbogenparaden üblich ist, denn dann würde die Pride unter das Versammlungsgesetz fallen und nach neuer Rechtslage untersagt werden. Sondern als „Fest der Freiheit“ und als Veranstaltung der Stadtregierung, wie er auf Facebook schreibt. „Freiheit und Liebe können nicht verboten werden.“
Als einer, der nicht Auto fährt und gegen Stress Kräutertee trinkt, ist er das ideale Feindbild der Fidesz-Partei
Dass Karácsony einmal der mächtigste Gegenspieler von Viktor Orbán sein würde, war in seinem Lebenslauf nicht vorgesehen. Der 50-Jährige wuchs in einem Dorf auf und studierte Soziologie in Budapest. Er forschte an der Corvinus-Universität über Wahlverhalten und arbeitete später bei einem Meinungsforschungsinstitut. In die Politik kam er schleichend. In den Nullerjahren beriet er die damals sozialistischen Ministerpräsidenten. 2009 trat er der damals neu gegründeten Grünen-Partei LMP bei, die es 2010 ins ungarische Parlament schaffte. In demselben Jahr, in dem Fidesz das zweite Mal an die Macht kam. Seither verlief Karácsonys politische Karriere gewissermaßen gegenläufig zu der Viktor Orbáns, der die ungarische Demokratie in den vergangenen Jahren immer weiter gestutzt hat.
Zwar ist Karácsony inzwischen bei einer von den Grünen abgesplitterten Partei namens Párbeszéd (Dialog) gelandet, seine Vorstellungen von Umwelt- und Klimaschutz versuchte er aber weiterhin auf lokaler Ebene umzusetzen. 2014 wurde er Bezirksbürgermeister, fünf Jahre später Oberbürgermeister. Als liberaler Politiker, der sich für die Umwelt und Minderheitenrechte einsetzt, der nicht Auto fährt und gegen Stress Kräutertee trinkt, ist er das ideale Feindbild der Fidesz-Partei.
Orbán versucht alles, um die liberale Trutzburg Budapest zu schwächen
Die arbeitet sich in ihren Kampagnen nicht nur regelmäßig an Karácsony ab. Sondern Orbáns Regierung habe auch, wie Karácsony in einem Interview mit der Heinrich-Böll-Stiftung erzählte, einiges unternommen, um die liberale Trutzburg Budapest zu schwächen. So habe Budapest während der Energiekrise weniger Ausgleichszahlungen von der Regierung erhalten als Fidesz-treue Kommunen. Zuletzt wurde der Zuschnitt von Wahlkreisen per Gesetz so geändert, dass die vielen liberalen Stimmen in Budapest nicht mehr so stark ins Gewicht fallen.
Noch ist vollkommen unklar, ob die Pride an diesem Samstag stattfinden wird. Ob noch ein legaler Weg gefunden wird, sie abzuhalten, oder ob eine etwaige Versammlung von der Polizei aufgelöst wird. Er berufe sich, schrieb Karácsony auf Facebook, auf ein Gesetz von 2001, das jeden letzten Samstag im Juni zum ungarischen Tag der Freiheit erklärt habe. Und diesen wolle er eben würdig begehen.

