Unesco-Weltkulturerbe Auf hohem Ross

Kapriolen um die neue Chefin der Wiener Hofreitschule.

Von Peter Münch

Besucher der Spanischen Hofreitschule in Wien dürfen eine perfekte Choreografie genießen. Die Piaffen und Pirouetten der Lipizzaner ziehen 300 000 Gäste im Jahr an. Das "Ballett der Weißen Hengste" zählt zum Unesco-Weltkulturerbe. Schon seit mehr als 450 Jahren wird hier in der Renaissance-Tradition der "Hohen Schule" die klassische Reitkunst gepflegt. Doch in diesen Tagen dominiert vielmehr die ebenfalls in Österreich gern gepflegte hohe Schule des Streits und der Intrigen. Der Grund ist die Bestallung der neuen Chefin Sonja Klima.

Der Name lädt die bunten Blätter gleich zu manchem Wortspiel ein, vor allem "Klimavergiftung" wird gern genommen. Er verweist aber auch darauf, dass die 55-Jährige schon früher einige Prominenz genoss als Gattin des sozialdemokratischen Kanzlers Viktor Klima, der das Land bis zum Jahr 2000 regierte. Die Ehe allerdings ist längst geschieden. Die Ex-Frau des Ex-Kanzlers, die einst als Volksschullehrerin arbeitete, hat sich ein neues Leben aufgebaut, in dem sie gemeinhin als "Charity-Lady" geführt wird, auch wenn sie das selbst erklärtermaßen nicht mag. Was sie aber offenkundig mag ist netzwerken und repräsentieren, seit 2010 vor allem als Präsidentin der Ronald McDonald Kinderhilfe.

Natürlich ist sie auch passionierte Reiterin, doch alles zusammen erscheint nicht allen als ausreichend für den Posten an der Spitze eines österreichischen Nationalheiligtums. Nachdem Klima Ende voriger Woche vom Aufsichtsrat der Hofreitschule zur neuen Geschäftsführerin erkoren worden war, traten der vierköpfige Beirat und einer der Aufsichtsräte unter lautem Protest zurück. Sie hatten einen Bewerber bevorzugt, der schon seit mehr als 40 Jahren in den Diensten der Hofreitschule steht. Nun schimpfen sie über "Postenschacher" und warnen schriftlich, dass "hier einer international einzigartigen Institution ein langfristiger Schaden zugefügt" werde. Sie behaupten, dass "mit Sonja Klima eine rein politische Entscheidung getroffen" worden sei.

Dass Posten nach der politischen Farbenlehre vergeben werden, gehört in Österreich bekanntlich auch zur Traditionspflege, und die Hofreitschule ist als Staatsbesitz dem von der ÖVP geführten Landwirtschaftsministerium unterstellt. Dort wird zwar jede Einflussnahme vehement bestritten. Aber Klimas Kontakte zu den Granden der Volkspartei waren tatsächlich kaum zu übersehen in jüngster Zeit. Aus der SPÖ ist sie ausgetreten, im Landtagswahlkampf in Niederösterreich engagierte sie sich für die ÖVP-Spitzenkandidatin, und mit Kanzler Sebastian Kurz posierte sie neulich mit Punsch.

Zumindest geschadet hat ihr das nicht. Den Kritikern begegnet Klima nun mit einer Medienoffensive, in der sie die Kronen Zeitung an ihrer Seite weiß, die sie daheim auf ihrem Pferdegestüt in Marchegg besuchte. Der Leser erfährt, "wie pferdeverliebt diese Frau ist" und dass hier "sogar der Schuhlöffel einen Pferdekopf hat". Klima verweist auf ihre Erfahrungen auf den Feldern Marketing und Fundraising, die sie nun zum Wohl der hoch verschuldeten Institution ausspielen will. "Ich werde mein Bestes geben, damit wieder Ruhe einkehrt", verspricht sie. Doch auch die Kapriolen gehören stets zur Hofreitschule.