Rechtsradikalismus Undercover bei "Reichsbürgern"

Der vermeintliche Reisepass des "Deutschen Reiches" - ein Fantasiedokument.

(Foto: dpa)
  • Tobias Ginzburg taucht für sein Buch inkognito in die Szene der "Reichsbürger" ein. Er spricht mit Neonazis, Verschwörungstheoretikern, AfD-Politikern und er trifft viele kaputte, einsame Seelen.
  • Außerdem zeigt der Autor eine bislang wenig beachtete Verstrickung von Esoterik und "Reichsbürgerszene".
  • Ginsburg begegnet den Menschen eher mit Neugier denn mit Abneigung, lässt Raum für Sympathie mit den Unsympathischen. Eine große Leistung.
Rezension von Angelika Benz

"Reichsbürger" - seit den tödlichen Schüssen auf einen Polizisten im mittelfränkischen Georgensgmünd 2016 sind sie in aller Munde. Mehr als 15 000 "Reichsbürger" gibt es laut Verfassungsschutz, die meisten teilen eine rechtsradikale Ideologie, Hunderte werden als Extremisten eingestuft. Sie sind nicht einheitlich organisiert, es eint sie einzig, dass sie die Bundesrepublik nicht als Staat anerkennen, sie glauben an den Fortbestand des Dritten Reiches. In der Konsequenz ignorieren sie Steuerbescheide, Strafzettel, Vorladungen, kurz: alle amtlichen Bescheide.

Für seine Reportage schlüpft Tobias Ginsburg in die Rolle des Tobias Patera, Journalist der alternativen Szene, um inkognito in die skurrile Szene der "Reichsbürger" einzutauchen. Er sprach mit Neonazis, saß mit Esoterikern und Verschwörungstheoretikern am Lagerfeuer, interviewte AfD-Politiker. Außer antisemitischen und rechtsextremen Einstellungen, Verschwörungstheorien und schlichtem Wahnsinn trifft er dort aggressive, engstirnige Menschen, aber auch viele kaputte, einsame, verwirrte Seelen.

Mit Ernst Köwing (1946-2018), der auf seinem Blog "Der Honigmann sagt" eifrig über alles Mögliche schrieb, traf er eine Größe der alternativen Medienszene. Der böse Opa, wie Ginsburg ihn nennt, weiß über die Afrikaner - und er muss es wissen, denn er war schon in Afrika und auch sonst überall: "Jagen muss man die, denn sonst jagen sie dich." Kurz darauf überlegt er, ob die Erde wohl doch eine Scheibe sei und "die da oben uns auch diese Wahrheit vorenthalten wollen".

Tobias Ginsburg: Die Reise ins Reich. Unter Reichsbürgern. Verlag Das neue Berlin, Berlin 2018. 272 Seiten, 17,99 Euro. E-Book: 14,99 Euro.

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Ginsburg steht mit Rüdiger Hoffmann, einst NPD-Kreisvorsitzender und Ortsjugendführer irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern, der Jugendliche zum Brandanschlag auf Flüchtlingsunterkünfte angestiftet hatte, heute geläuterter Antifaschist, vor dem Reichstag und begleitet ihn beim Kampf gegen gleich drei koexistierende Reiche: Das Dritte Reich, das nie zu existieren aufgehört habe, das vierte, die Europäische Union, und das fünfte, die Weltkolonie der NWO.

Auf einem hochgeheimen Vereinigungstreffen in Kassel sitzt Ginsburg mit Christoph Hörstel, ehemals ARD-Sonderkorrespondent, Gründer und Parteivorsitzender der "Deutschen Mitte", Rüdiger Hoffmann, der Ortsgruppe Leipzig, pegidanah, Mitgliedern von Weltfrieden.global, einer Selbstversorger-Hippie-Kommune, dem Eine-Frau-Verein "Liebe versöhnt" und einem "souveränen Anarchisten" zusammen und überlegt, wie man das Regime stürzen könnte. Ziel des Treffens: den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden im Kampf gegen "die da oben".

Ginsburg schreibt gut, sein ironisch trockener Stil ist in der Fülle und über 270 Seiten Geschmackssache, macht das Buch aber in jedem Fall kurzweilig und tröstet über das Erschreckende des Inhalts. Ginsburg begegnet - und das ist eine große Leistung - den Menschen auf seiner Reise eher mit Neugier denn mit Abneigung, lässt Raum für Sympathie mit den Unsympathischen und der Lebenswirklichkeit.

Natürlich wird deutlich, was er von den Rechtsradikalen hält, die in klassisch bedrohlicher Manier daherkommen und die er allesamt nur Ronny nennt. Aber er lässt trotzdem Raum für Sympathie im einen oder anderen Moment, wenn er einem Ronny freundlich zunickt oder sich bei einer Energieübung gemeinsam mit einem aus der Ortsgruppe Leipzig über Hippies lustig macht.

Verstrickung von Esoterik und Reichsbürgerszene

Es gelingt Ginsburg, hinter den abstrusen Ideen und Ängsten Menschen zu entdecken, die Mitleid wecken. So beschreibt er Schicksalsschläge, die dazu führen, dass aus "ohnmächtiger Verzweiflung paranoider Hass wird". So der Fall des Witwers, der hinter dem Tod seiner Frau nicht Schicksal, sondern Mord wittert, der erkennt, dass die Schulmedizin eine Lüge ist. "Das Internet verrät ihm auch, was noch alles eine Lüge ist: alles andere." Ginsburg zeigt eine bislang wenig beachtete Verstrickung von Esoterik und "Reichsbürgerszene". Ein Großteil seiner Bekanntschaften sei über die Esoterik in die Szene gerutscht.

Je tiefer man eintaucht, desto größer wird die Beklemmung. Und die führt zu einer unbequemen Erkenntnis: Die gefährlich große Masse hinter den ideologisch aufgestellten kleinen Gruppen ist nicht dämonisch, nicht homogen, nicht greifbar. Das ist im Grunde nichts Neues, Historiker erklären schon lange, dass in der NS-Zeit nicht zeitweilig das Land von brutalen, gewissenlosen Dämonen besetzt war, die Gräueltaten nicht von Monstern vollbracht wurden. Nein, es waren ganz normale Menschen. Das macht Angst, weil es zeigt, wie schnell verschiebbar Grenzen sind.

Neue Erkenntnisse bringt das Buch - wie erwartet - nicht, aber es hilft, etwas zu verstehen über die Verführbarkeit der Menschen, über den Wunsch, dazuzugehören, und das Gefühl, fremd zu sein. Auf diese unbequeme Wahrheit kann man nicht oft genug aufmerksam machen. Darum ist dieses Buch sinnvoll, gut, empfehlenswert.

Angelika Benz ist Historikerin, die zu Nationalsozialismus und DDR-Geschichte forscht. Zuletzt erschien von ihr: "Handlanger der SS. Die Rolle der Trawniki-Männer im Holocaust.

Rechtsextremismus Immer mehr Menschen gelten als "Reichsbürger"

Verfassungsschutz

Immer mehr Menschen gelten als "Reichsbürger"

Dem Verfassungsschutz zufolge erkennen 18 000 Menschen die Bundesrepublik nicht als Staat an - Ende 2016 war noch von 10 000 "Reichsbürgern" die Rede. Der starke Anstieg heißt aber nicht, dass die Bewegung wirklich gewachsen ist.