Süddeutsche Zeitung

Unabhängige Direktkandidaten:Rebellion gegen die eigene Partei

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Drei Männer wollen schaffen, was seit 1949 niemandem in Deutschland gelungen ist: als unabhängiger Direktkandidat ins Parlament einzuziehen. Grund ist nicht die historische Dimension. Michael Paris, Siegfried Kauder und Wolfgang Nešković haben sich mit ihren Parteien verkracht.

Von Daniel Brössler, Berlin, Roman Deininger, Stuttgart, und Charlotte Theile

Auf der Bühne der Bräunlinger Stadthalle lag einsam ein Blumenstrauß herum, der Wahlverlierer hätte ihn kriegen sollen oder seine Frau. Aber Siegfried Kauder war schon lange fort, wortlos in die neblige Novembernacht geflohen, noch während das Ergebnis verlesen wurde: 230 Stimmen für ihn, 502 für seinen Herausforderer Thorsten Frei. Bis zuletzt hatte Kauder, 62, Vorsitzender des Bundestags-Rechtsausschusses, an einen Sieg geglaubt. Und dann war seine Niederlage nicht einmal knapp.

Die CDU im Wahlkreis Schwarzwald-Baar schickte den jungen Frei ins Bundestagsrennen, sie verwehrte Kauder die Chance, das Mandat, das er seit 2002 hält, zu verteidigen. Acht Monate ist das jetzt her, man dachte damals, das sei das Ende von Kauders politischer Karriere.

Man hätte es besser wissen können, Kauder gilt als störrischer Einzelgänger, dem in der CDU schon seit Jahren "Selbstherrlichkeit" vorgeworfen wird. Er steigt jetzt in den Ring zur nächsten Runde, so schlecht die Aussichten auch sind: Als Einzelkandidat tritt er bei der Bundestagswahl gegen seine eigene Partei an. Die für einen Platz auf der Bewerberliste nötigen 200 Bürgerunterschriften hat er gerade vorgelegt. Die geballte Prominenz der Südwest-CDU soll verzweifelt versucht haben, ihm die Idee auszureden, darunter sein älterer Bruder Volker Kauder, der Unionsfraktionschef im Bundestag - die beiden sprechen dem Vernehmen nach sonst nicht mehr viel miteinander.

Kauder vs. Kauder

CDU-Landeschef Thomas Strobl hat ihm nun den Parteiaustritt nahegelegt. Auch Volker Kauder hat am Dienstag den Ausschluss seines Bruders Siegfried aus der CDU gefordert. "Das ist der klassische Fall für einen Parteiausschluss, und das muss auch so kommen", sagte er der Schwäbischen Zeitung. Aber Siegfried Kauder, Mitglied seit 45 Jahren, sagt trotzig: "Sollte es ein Ausschlussverfahren geben, werde ich mich diesem natürlich stellen." Er wolle sich einfach weiter für seinen Wahlkreis einsetzen. Siegfried Kauder ist nicht der einzige Rebell, der am 22. September das Experiment wagt, als Unabhängiger für den Bundestag zu kandidieren.

Es ist ein Experiment, das sehr lange nicht erfolgreich war: Seit 1949 hat kein Einzelkämpfer einen Wahlkreis gewonnen. Das Historische, das diesen Versuch umweht, versteht Wolfgang Nešković durchaus als Antrieb. "Die Lausitz kann Geschichte schreiben, wenn es erstmals seit 1949 gelingt, einer unabhängigen Kandidatur zum Erfolg zu verhelfen", hat er sich an die Bürger in seinem bisherigen Wahlkreis in Brandenburg gewandt. Mit seinen Leuten, den Linken, hatte sich Nešković zuvor ähnlich verkracht wie Kauder. In den innerlinken Querelen meldete sich der Westdeutsche mit ostdeutschem Wahlkreis deutlich zu Wort, kritisierte einflussreiche Reformer, gehörte dabei aber keinem Lager richtig an.

Nešković schimpfte und ist beschimpft worden. Im Dezember 2012 kam es zum Bruch, Nešković verließ die Bundestagsfraktion. "Ich kann wieder frei atmen", rief er aus und saß seither als Einzelkämpfer im Bundestag. Einer Kampfkandidatur um die Wiederaufstellung als Direktkandidat ging er so aus dem Weg. Anders als Kauder muss Nešković zumindest eines nicht fürchten: einen Parteiausschluss. Der frühere Richter am Bundesgerichtshof zog zwar 2005 für die Linken in den Bundestag ein, in die Partei eingetreten ist das frühere SPD- und spätere Grünen-Mitglied aber nie.

Die SPD hatte Nešković im Streit über Rechtspolitik, die Grünen im Zwist über Krieg und Frieden verlassen. Nun macht Nešković in der Lausitz Wahlkampf gegen die Linke, aber auch gegen Parteien überhaupt: "Wenn es viele Abgeordnete gäbe, die sich nicht in der Abhängigkeit von Parteien befänden, hätten wir ein anderes Parlament."

Mit Parteien wollen wir nichts zu tun haben, höre er immer wieder von Bürgern, sagt Nešković. "Ich auch nicht", entgegne er dann. Natürlich sei er immer noch ein Linker, versichert er, aber eben einer, der nicht parteipolitisch gebunden sei. Es sei nun "ein Erlebnis zu sehen, welche Unterstützung man bekommt von ganz unterschiedlichen Leuten", schwärmt er.

"Jedes Kind kennt Michael Paris"

Von der "Unterstützung des Volkes" schwärmt auch Michael Paris, 58, aus Frankfurt. Dabei hat Paris, ausgesprochen wie die französische Hauptstadt, noch nie parteiunabhängig kandidiert - zumindest nicht offiziell. Seit 41 Jahren ist Paris SPD-Mitglied. Seine Homepage beginnt mit den Worten: "Jedes Kind kennt Michael Paris". Für Frankfurt dürfte das zutreffen. Im Landtagswahlkreis 38 (Ostend - Nordend - Bornheim) gibt es kaum jemanden, der die Aktionen des braun gebrannten Kulturberaters nicht bemerkt hat. Dabei lautete das Programm von Michael Paris immer: Michael Paris. Mehr Plakate als andere, öffentliches Spaghetti-Kochen, Geschichten von daheim. Auf das SPD-Logo hat er dabei oft verzichtet, "der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler".

Listenplätze bekamen andere. Als Oberbürgermeister wurde ein Mann namens Peter Feldmann aufgestellt, er gewann die Wahl. Und der aktuelle Landtagskandidat heißt nicht Paris sondern Gasper. Paris war am Boden zerstört, wieder einmal. Doch dann kamen die Leute, er sagt, es waren viele, "die mich regelrecht gedrängt haben", sagten, er wäre ein viel besserer Oberbürgermeister, er müsste eigentlich nach Berlin, in den Bundestag. Irgendwie sah Michael Paris das genauso. Deshalb kandidiert er jetzt - gegen CDU-Politikerin Erika Steinbach, aber auch gegen Parteifreundin Ulli Nissen.

Dass er sie Stimmen kosten wird, sieht Paris gelassen: "Nissen hat schon zweimal gegen Steinbach verloren. Warum sollte es jetzt klappen?"

Er erzählt von 2009, als er ein Ergebnis einfuhr, das 11,2 Prozent über dem der SPD lag. Er sagt: "Ich hab gezeigt, dass ich Wahlen gewinnen kann. Die SPD muss da noch ein bisschen nachlegen." Dass er so den Zorn der Genossen auf sich zieht, wundert ihn nicht, "das war zu erwarten". Vom Parteiausschluss, der anfangs im Raum stand, spreche aber keiner mehr. Seines Wissens nach solle er seine Mitgliedsrechte drei Monate ruhen lassen, sagt Paris, "bis nach der Bundestagswahl also." Ganz offensichtlich ziehe die SPD die Möglichkeit in Betracht, dass er gewinne, so seine Folgerung.

Paris, der in der Bild-Zeitung darüber philosophierte, seine Tochter "Hilton" zu nennen, macht nun das, was er am besten kann: Wahlkampf. Ob er sich, im Fall eines Sieges, nach der Wahl wieder mit der SPD aussöhnen wird? "Das hängt davon ab, wie die Partei mit mir umgeht."

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SZ vom 17.07.2013/mane/rus
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