Klimakrise:Wo kein echter Wille

Discarded plastic bags and other trash float above a shallow coral reef in Raja Ampat, Indonesia. Plastics have become a

Plastikmüll im Meer ist vor allem für Staaten des Globalen Südens ein Problem: Korallenriff vor Indonesien.

(Foto: Ethan Daniels/imago)

Bei der UN-Konferenz in Nairobi mangelt es nicht an politischen Bekenntnissen zu, den weltweiten Wandel des Klimas einzudämmen. Doch die Daten zeigen: Die Umweltzerstörung schreitet voran.

Von Anna Reuß, München

"Die Menschheit führt einen Krieg gegen die Natur", sagte UN-Generalsekretär António Guterres , als er "zur Lage des Planeten" sprach im vergangenen Jahr. Konsum- und Produktionssysteme seien nicht nachhaltig. Stattdessen zerstöre die Menschheit die Ökosysteme: "Das ist Selbstmord. Die Natur schlägt immer zurück", sagte Guterres.

Am Montag und Dienstag sind Politiker und Wissenschaftler zu einer virtuellen Umweltkonferenz der Vereinten Nationen in Nairobi zusammengekommen, die das UN-Umweltprogramm (Unep) organisiert hatte, um über Herausforderungen für die Umwelt reden. "Wieder Frieden mit der Natur zu schließen", das sei "die bestimmende Aufgabe des 21. Jahrhunderts", mahnte der UN-Generalsekretär 2020. Zum fünften Mal trafen sich nun Vertreter aus aller Welt, um zu beraten, wie das gelingen könnte.

Ihr Treffen fand Corona-bedingt erstmals online statt. Die Menschheit werde auch das überstehen, da war sich der irakische Gesandte sicher. Doch das Coronavirus stellt Regierungen vor ungekannte Herausforderungen. Der Umweltschutz rückte dadurch weiter in den Hintergrund. So war ein Ziel der Konferenz, über eine "nachhaltige Welt nach der Pandemie" zu beraten. In kurzen Beiträgen betonten die Referenten das Bekenntnis ihres jeweiligen Staates zum Umweltschutz.

Von Senegal bis Usbekistan, über Griechenland und den Irak bis Marokko: Kein Gesandter ließ Zweifel am politischen Willen seiner Regierung. Sie nahmen sich vor, die Krisen-Resilienz besonders anfälliger Staaten zu stärken, aber auch die Umweltverschmutzung durch Einwegplastik einzudämmen - beides betrifft vor allem die Länder des Globalen Südens. "Die Welt muss sich auf die Schwächsten konzentrieren und darf niemanden im Stich lassen", sagte Indiens Gesandter Virander Kumar Paul.

70 Prozent der klimaanfälligsten Länder sind auch politisch fragil

Auch wenn das Bewusstsein bei allen Regierungen vorhanden sein mag, steht es dennoch schlecht um die Umwelt: Seit Beginn der internationalen Klimaverhandlungen im Jahr 1990 sind die weltweiten Emissionen um mehr als 60 Prozent gestiegen; in der Arktis wurden 2020 Rekordtemperaturen gemessen, und Berichte über Extremwetterereignisse wie Wirbelstürme und Überschwemmungen nehmen zu. In einem vor der Konferenz veröffentlichten Bericht fasste Unep den Ernst der Lage in Zahlen: Der weltweite CO₂-Ausstoß müsste bis 2030 um 45 Prozent gegenüber 2010 reduziert werden, um die Erderwärmung auf 1,5 °C zu begrenzen, wie es das Pariser Klima-Abkommen von 2015 vorsieht.

Um die Klimaveränderung ging es am Dienstag in Nairobi, aber auch in New York: Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen debattierte die Folgen des Klimawandels für die internationale Sicherheit. Denn Extremwetterereignisse wirken sich auch auf Konflikte aus. Zahlreiche Studien zeigen, dass Folgen des Klimawandels wie Katalysatoren für bestehende Konflikte wirken. "Es ist kein Zufall, dass 70 Prozent der klimaanfälligsten Länder auch zu den politisch und wirtschaftlich fragilsten gehören", sagte Generalsekretär Guterres in seiner Rede. Er wies außerdem darauf hin, "dass in acht der 15 für Klimarisiken anfälligsten Länder, eine friedenserhaltende oder politische Sondermission der UN in Gang ist".

Dieser Zusammenhang zwischen Umweltproblemen und Konflikten wird zum Beispiel am Tschadsee in der afrikanischen Sahelzone deutlich. Der See ist Lebensgrundlage für Menschen in vier Staaten, aber er schrumpft stetig. Die Konsequenzen sind Armut und Arbeitslosigkeit, die wiederum erleichtern es Terroristen, Anhänger zu rekrutieren.

"Veränderungen im Klimasystem haben auf den ersten Blick wenig mit Sicherheitspolitik zu tun", sagte auch Susanne Dröge, Wissenschaftlerin des Thinktanks SWP, im Interview der Süddeutschen Zeitung. Doch durch den Klimawandel würden Ressourcen wie Wasser oder Land noch knapper, und das könne Konflikte verstärken.

© SZ
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