UN-Inspektoren in Syrien:Spur des Gifts

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U.N. chemical weapons experts inspect one of the sites of an alleged poison gas attack in the southwestern Damascus suburb of Mouadamiya

UN-Inspektoren besuchen einen der Orte in Syrien, an dem mutmaßlich Giftgas eingesetzt worden sein soll.

(Foto: REUTERS)

Es scheint, als hätte sich der Westen festgelegt: Kaum jemand will noch dem republikanischen Senator McCain widersprechen, der notfalls auch ohne UN-Mandat in Syrien intervenieren will. Experten hoffen trotzdem, dass die UN-Inspektoren klären können, wer für den mutmaßlichen Chemiewaffen-Angriff in Muadhamija verantwortlich ist. Es geht vor allem um die Frage, durch welches Gift die Menschen getötet wurden.

Von Paul-Anton Krüger

Den ersten handfesten Eindruck davon, wie willkommen ihre Mission in Syrien ist, bekamen die Chemiewaffeninspektoren der Vereinten Nationen schon, kurz nachdem sie am Montagvormittag ihr Hotel in der Innenstadt von Damaskus verlassen hatten. Heckenschützen nahmen ihren Konvoi aus weißen Geländewagen mehrmals unter Beschuss. Er war von syrischen Sicherheitskräften begleitet worden, obwohl Rebellen wie Regierungstruppen versprochen hatten, vorübergehend die Waffen ruhen zu lassen.

Ein UN-Sprecher sagte, das Team sei in Sicherheit. Es sei zu einem Regierungsstützpunkt zurückgekehrt, weil das Auto nicht mehr einsatzfähig war. Doch einschüchtern lassen wollte sich die Experten unter der Leitung des Schweden Åke Sellström nicht: Sobald es Ersatz für den Wagen gebe, würden sie erneut in die betroffenen Gebiete aufbrechen, hieß es am Sitz der UN in New York.

Es war zunächst nicht bekannt, welche der Konfliktparteien die Experten ins Visier genommen hatten; Vertreter der Rebellen beschuldigten regierungstreue Milizen. Sie hätten vom südwestlich des Stadtzentrums gelegenen Militärflughafen Messeh auf das UN-Team gefeuert. "Sie wollen verhindern, dass die Inspektoren zu uns kommen", sagte zur Nachrichtenagentur dpa ein Revolutionär, der nach eigenen Angaben am Ortseingang von Muadhamija auf die Ankunft der UN-Mitarbeiter wartete. Die im Südwesten von Damaskus gelegene Vorstadt soll vergangenen Mittwoch mit Chemiewaffen attackiert worden sein, wie auch die im Nordosten der Hauptstadt gelegenen Orte Samalka und Ain Tarba.

Westliche Geheimdienste und ihre Informanten aus Syrien

Der Westen hat sich weitgehend festgelegt, wer für das Massaker verantwortlich ist: Truppen oder Milizen unter Kontrolle der Regierung von Präsident Baschar al-Assad hätten das Gift verschossen, heißt es in Washington, London und Paris; daran gebe es "kaum noch Zweifel". Westliche Geheimdienste haben in den vergangenen Wochen ein Netzwerk von Informanten in Syrien aufgebaut, auf das sie sich nun stützen. Es soll ihren Labors Zugang zu Proben aus den betroffenen Gebieten verschaffen, ebenso zu Videos, Fotos und Augenzeugenberichten - aus diesen Puzzleteilen setzen die Analysten ein Bild der Lage zusammen. Zudem dürften die Geheimdienste über Erkenntnisse zu den Truppenbewegungen und dem Verlauf der Kampfhandlungen aus abgehörter Kommunikation und aus der Satellitenüberwachung verfügen.

Wenig beeindruckt zeigte sich denn auch die US-Regierung, als Assad am Sonntagabend einlenkte und einer UN-Inspektion zustimmte - nachdem er sie fünf Tage lang blockiert hatte. "Zu spät, um glaubwürdig zu sein", beschied Washington. Die Beweise für einen Chemiewaffen-Einsatz seien in dieser Zeit - auch durch den fortdauernden Beschuss mit konventioneller Munition - massiv beeinträchtigt worden. Kaum jemand scheint noch der Haltung des republikanischen Senators John McCain zu widersprechen, der seit Langem eine Intervention der USA in dem Bürgerkrieg fordert: "Wir brauchen keine UN-Bestätigung", sagte er, "auch wenn es gut wäre, eine zu haben."

Unabhängige Experten allerdings sind zuversichtlich, dass die UN-Inspektoren noch Antworten auf viele der offenen Fragen liefern könnten. Von ihrem Urteil dürfte maßgeblich abhängen, ob eine Intervention der USA und ihrer Verbündeten international für legitim erachtet würde. China hat sich nach anfänglicher Zurückhaltung nun doch für eine UN-Untersuchung der Vorwürfe ausgesprochen - und müsste die Ergebnisse selbstredend akzeptieren. Und selbst Russland könnte sich nicht mehr nonchalant wie bisher über die Verdachtsmomente hinwegsetzen und den Rebellen die Schuld zuschieben.

Sellström und sein Team wollen an fünf Orten Blut-, Gewebe- und Urinproben von Opfern nehmen, dazu den Boden und möglicherweise kontaminierte Kleidungsstücke untersuchen. Die analytische Chemie würde ihnen Aufschluss geben, welchem Gift die Menschen zum Opfer gefallen sind. Die dokumentierten Symptome der Opfer sind nicht eindeutig. Manche der verräterischen Stoffwechselprodukte sind nach 72 Stunden nicht mehr nachweisbar, andere aber noch nach Wochen.

Hunderte Kilo chemischer Munition

War es, wie vielfach vermutet, der Nervenkampfstoff Sarin oder eine andere Substanz aus den Arsenalen des Regimes? Das würde Assad belasten. Manche Experten halten es auch für möglich, dass ein auf Opiaten basierendes Gift zum Einsatz kam, etwa ein Fentanyl-Derivat, wie es russische Spezialeinheiten bei der misslungenen Geiselbefreiung im Moskauer Dubrowka-Theater 2002 mit mehr als 120 Toten verwendet haben sollen. Oder waren es toxische Industrie-Chemikalien, etwa Insektizide, die sich auch die Rebellen verschaffen könnten?

Zudem können die Experten anhand von Zeugenaussagen und den Resten verwendeter Munition rekonstruieren, wie und in welchem Umfang Chemikalien verschossen worden sind. Auch das lässt Rückschlüsse auf den Urheber des Angriffs zu. Sollte es sich um Mörsergranaten handeln, müssten Ballistiker die Flugbahnen rekonstruieren und Stellungen zuordnen. Handelt es sich, wie von Augenzeugen geschildert, um Artillerie-Raketen russischer Bauart, wäre die Lage schon eindeutiger - über sie verfügen nach allem, was bekannt ist, nur die Einheiten der Regierung. Ausgehend von der Zahl der Toten rechnen unabhängige Experten damit, dass Hunderte Kilo Gift verwendet worden sein müssen. Dazu bedürfte es zumindest Dutzender Raketen oder Hunderter Granaten - was ein Maß an militärischer Koordination erfordert, das ebenfalls auf regierungsnahe Einheiten hindeutet.

Die UN-Inspektoren haben nicht das Mandat, Aussagen darüber zu treffen, wer mutmaßlich der Urheber der Angriffe war. Sie sollen nur feststellen, ob tatsächlich Chemiewaffen eingesetzt worden sind. Doch könnte sich die Welt aufgrund der Berichte unabhängig ein Bild machen. Die Chancen dafür sind am Nachmittag wieder gestiegen. Ausgerüstet mit einem neuen Jeep erreichte das UN-Team doch noch seinen geplanten Einsatzort.

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