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Umweltschutz:Wachsende Megastädte bedrohen das Weltklima

Wer so baut, verbaut allen die Zukunft: Bauarbeiter in Peking.

(Foto: Nicolas Asfouri/AFP)

Immer höher, immer weiter? Das Bauen mit Zement und Stahl verdirbt die Kohlenstoffbilanz. Gutachter fordern: Schluss damit.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Keine 30 Jahre ist es her, da hatte Bangladeschs Hauptstadt Dhaka 6,5 Millionen Einwohner. Heute sind es an die zehn Millionen mehr, so genau weiß das niemand. Überall auf der Welt zieht es Menschen in die Metropolen, die Infrastruktur aber hält nirgendwo mit: die Entsorgung von Abwasser und Müll, die Versorgung mit Wasser und Strom, der Nahverkehr. Zeit für eine Umkehr, verlangt nun ein Expertenrat der Bundesregierung.

Das entsprechende Gutachten hat der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen, kurz WBGU, am Montag in Berlin vorgelegt. Demnach könnten sich weltweit bis Mitte des Jahrhunderts weitere 2,5 Milliarden Menschen in die Städte aufmachen, mit kaum kalkulierbaren Folgen für Umwelt und Soziales. So ließen sich die globalen Klimaziele kaum einhalten, würden Städte so errichtet wie bisher, warnen die Wissenschaftler. Baue die Menschheit wie gehabt nur mit Stahl und Zement, "dann werden wir allein damit die Hälfte des globalen Kohlenstoffbudgets verbrauchen", sagt Hans Joachim Schellnhuber, der Chef des WBGU. Sowohl Stahl als auch Zement lassen sich nur mit hohem Energieaufwand herstellen. Die Experten werben stattdessen für natürliche Baumaterialien wie Holz und für eine andere Art Stadt: Anstelle immer neuer Vororte von Megastädten müssten Verbünde von mittelgroßen Städten entstehen, in denen sich das Zusammenleben leichter organisieren lasse. Habe die industrielle Revolution die Menschen in die Städte gezogen, müsse es nun wieder Anreize geben, sich auf dem Land niederzulassen, sagt Schellnhuber, auch durch Digitalisierung.

Zugleich wirbt der Beirat dafür, Kommunen mehr Gestaltungsspielraum zu geben - etwa durch ein eigenes Steueraufkommen. Zu oft bestimmten Regierungen die Geschicke der Megastädte. "Eine der großen Herausforderungen wird sein, ein neues Muster der Arbeitsteilung zu schaffen", sagt Dirk Messner, Co-Vorsitzender des neunköpfigen Beirats: "Wir müssen Städte neu erfinden."Könne etwa die örtliche Bevölkerung bei der Entwicklung ihres Viertels mitreden, "dann wirkt sich das auch auf die Gestaltung öffentlicher Räume aus". Die Bundesregierung, so fordern die Experten, solle das Thema auf die Agenda ihrer G-20-Präsidentschaft heben. Viele der betroffenen Megastädte finden sich in den Mitgliedsstaaten der G-20-Gruppe, der Industrie- wie Schwellenländer angehören.

© SZ vom 26.04.2016
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