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Umweltschutz:Im Namen des Flusses

Bäche und Seen in Florida klagen gegen ihre Zerstörung.

Von Hubert Wetzel

Dass ein Nachbar den anderen Nachbarn verklagt, weil der von einem Busch ein paar Zweige abgeschnitten hat, die über den Gartenzaun hängen, ist Alltag. Dass hingegen der Busch den Nachbarn verklagt, der an ihm herumgesägt hat, kommt nicht so oft vor. Das liegt daran, dass Büsche oder andere Bestandteile der natürlichen Umwelt im Allgemeinen nicht rechtsfähig sind. Ein Baum, ein Bach oder ein Berg können keine Anzeige erstatten.

Es sei denn, sie haben ihren Wohnsitz zufällig in Orange County, Florida. Dann sind sie nicht ganz so rechtlos, zumindest wenn es sich bei der oder dem Geschädigten um einen Fluss, einen Kanal, einen Sumpf oder irgendein anderes natürliches Ding handelt, das hauptsächlich aus Wasser besteht. Denn die Wasserwege in dem Landkreis haben ein Privileg: Bei der Wahl im vergangenen November statteten die Einwohner von Orange County ihre Gewässer per Referendum mit einem juristisch verbindlichen, einklagbaren Recht aus - dem "Recht zu existieren, zu fließen, vor Verschmutzung geschützt zu werden und ein gesundes Ökosystem aufrechterhalten zu können".

Um sich dieses Recht zu sichern, sind fünf Gewässer in Orange County nun vor Gericht gezogen. Zwei Bäche (Wilde Cypress Branch und Boggy Branch), ein Stückchen Schwemmland (Crosby Island Marsh) sowie zwei Seen (Lake Hart und Lake Mary Jane) haben sich zusammengetan, um den Immobilienentwickler Beachline South Residential daran zu hindern, auf siebeneinhalb Quadratkilometern Dutzende neue Häuser in der bei Touristen sehr beliebten Region zu bauen. Durch den Bau, so die Kläger, würden wertvolle Feuchtgebiete zerstört oder verschmutzt und das hydrologische Gleichgewicht des Gebiets beschädigt werden. Ein Gericht in Orlando soll die Pläne deswegen stoppen. Vertreten werden die Gewässer in dem Prozess von einer Umweltgruppe namens Speak Up Wekiva - daran, dass eine marschige Insel keine juristischen Schriftsätze formulieren und vortragen kann, hat das Referendum ja nichts geändert.

Für Umweltschützer ist die Klage ein großer Schritt nach vorne. Seit Jahren gibt es in aller Welt Versuche, die Natur dadurch vor Zerstörung zu bewahren, dass man ihr direkte, eigene Existenzrechte zuspricht, die nicht verletzt werden dürfen, sogenannte Rights of Nature. Länder wie Ecuador, Bolivien, Kolumbien und Neuseeland gehören zu den Vorreitern dieser Bewegung, in den USA sind entsprechende Bemühungen dagegen bisher nicht weit gekommen. Der Versuch der Stadt Toledo zum Beispiel, dem Eriesee Rechte zuzusprechen, scheiterte an einem Bundesgericht.

Doch das Verfahren in Orange County macht Umweltschützern nun Hoffnung. Der Landkreis ist einer der größten der USA, dort leben mehr als 1,1 Millionen Menschen. Bei dem Referendum stimmten 89 Prozent der Teilnehmer dafür, den Gewässern Rechte zu geben. Auch wenn in der Praxis weiterhin Umweltorganisationen die tatsächlichen Kläger gegen schädliche Bauprojekte sind - in politischer Hinsicht ist das eine deutliche Aussage. Wer am Ufer bauen will, sollte vorher das Wasser um Erlaubnis fragen.

© SZ
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