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Umweltschutz:Europas Luft wird sauberer

Der Stillstand wegen der Corona-Pandemie hat messbare Auswirkungen. Aber auch langfristig sinkt die Umweltbelastung.

Von Karoline Meta Beisel, Brüssel

Daten bestätigen, was Fotos bereits im Frühjahr zeigten: Wegen des Lockdowns zu Beginn der Corona-Pandemie ist die Luftverschmutzung in Europa deutlich zurückgegangen. Das ist das Ergebnis des jährlichen Berichts über die Luftqualität in Europa, den die EU-Kommission und die Europäische Umweltagentur (EEA) am Montag in Brüssel vorstellten. Vor allem die Emissionen durch Straßenverkehr, Luftfahrt und internationale Schifffahrt seien im Frühjahr drastisch zurückgegangen. Die Unterschiede zeigten den Zusammenhang "zwischen unserem Lebenswandel und dem Wohlergehen der natürlichen Systeme, die uns am Leben halten", heißt es in dem Bericht. EEA-Chef Hans Bruyninckx warnte allerdings, der Effekt sei nur vorübergehend. "Wir sollten die Luft nicht durch Lockdowns reinigen."

Allerdings hat sich die Luftqualität in Europa auch unabhängig von der Corona-Pandemie im Vergleich zu 2009 deutlich verbessert, vor allem was die Belastung mit Feinstaub und Stickstoffdioxid angeht. Die Untersuchung stützt sich auf die Daten von mehr als 4000 Messstationen in Europa. In sechs Ländern allerdings wurden die EU-Grenzwerte für Feinstaub überschritten: in osteuropäischen Ländern wie Polen, Tschechien oder Rumänien, aber auch in Italien. Das liege zum Teil an dem Energiemix der jeweiligen Staaten - in Polen etwa wird ein Großteil des Stroms weiterhin aus Kohle erzeugt. Aber auch das Verhalten der Verbraucher spiele eine Rolle, sagte Bruyninckx, etwa wenn Menschen mit geringem Einkommen "Kohle, Holz oder was auch immer verbrennen, um ihre Häuser heizen zu können". Die strengeren Feinstaub-Grenzwerte der Weltgesundheitsorganisation halten sogar nur vier Länder Europas ein: Estland, Finnland, Irland und Island.

Nahezu alle Europäer leiden an Luftverschmutzung etwa durch Feinstaub, Stickstoffdioxid und bodennahes Ozon - mehr als 400 000 Menschen sterben Schätzungen zufolge weiter pro Jahr an den Folgen solcher Belastungen, darunter Zehntausende in Deutschland. Betroffen seien vor allem Stadtbewohner, sagt Bruyninckx: Je nachdem, welche Schadstoffe man betrachte, atmeten 80 bis 90 Prozent der Städter Luft, die nach den Maßstäben der Weltgesundheitsorganisation als ungesund gelte.

Aber während die Zahl der Todesfälle durch Feinstaub und Stickstoffdioxid gesunken ist, ist jene aufgrund von bodennahem Ozon sogar um ein Fünftel gestiegen, was Bruyninckx zufolge auch eine Folge des Klimawandels ist: Der Anstieg zwischen den Jahren 2009 und 2018 sei auch deswegen so deutlich, weil die Ozon-Konzentration 2018 wegen hoher Temperaturen besonders hoch gewesen sei.

Umweltkommissar Virginijus Sinkevičius lobte die erzielten Fortschritte, aber die Zahl der vorzeitigen Todesfälle sei "immer noch viel zu hoch". Bruyninckx sagte, der Lockdown einiger Sektoren habe gezeigt, wie sich menschliches Verhalten auf die Luft auswirke. "Wenn wir bei der Luftqualität das nächste Level erreichen wollen, müssen wir auch die anderen Sektoren ansehen."

© SZ
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