Umweltpolitik Jenseits der Physik

Technisch wäre schon jetzt viel möglich, um die Emission von Treibhausgasen stark zu verringern. Die deutschen Klimaziele aber sind dürftig - und sie werden aller Voraussicht nach sogar noch verfehlt.

Von Michael Bauchmüller

Was sich verändern muss? Alles, sagt Daniela Jacob. "Wir brauchen Anstrengungen auf allen Ebenen, vom Individuum bis zur Kanzlerin." Jacob leitet das Climate Service Center am Helmholtz-Zentrum Geesthacht, sie ist eine der Autorinnen des jüngsten Berichts des Weltklimarats. "Wir haben alles, was wir brauchen, wir haben ein gut aufgestelltes Land, und wir haben Erfindergeist." Nur die politische Führung fehle. "Deutschland könnte sich mehr bewegen", sagt Jacob.

Deutschland müsste sich mehr bewegen, zumindest wenn es nach dem Bericht des Weltklimarats geht. Im Auftrag der Staatengemeinschaft haben Wissenschaftler aus aller Welt untersucht, was der Welt bei einem Temperaturanstieg um 1,5 Grad Celsius im Vergleich zu den Jahren am Beginn der Industrialisierung blüht: Extremwetter, steigende Meeresspiegel, Verlust an Artenvielfalt, Hunger und Not. Vor allem aber sollten die Wissenschaftler beantworten, was geschehen müsste, um den Klimawandel in diesem Stadium zu stoppen.

Extreme Wetterphänomene: Trockenheit, wie hier in Südafrika, ist eine der sichtbarsten Folgen des Klimawandels.

(Foto: MIKE HUTCHINGS/REUTERS)

Die Antwort ist radikal, aber unmöglich ist die Wende nicht: Bis 2030 müssten die globalen Treibhausgas-Emissionen um 45 Prozent unter den Wert von 2010 sinken, bis 2050 dürften unter dem Strich keine klimaschädlichen Gase mehr ausgestoßen werden. Was noch an CO₂ anfällt, müsste andernorts entzogen werden, etwa durch Aufforstungen. Die Vollbremsung müsste quasi sofort beginnen. "Die nächsten zehn Jahre sind entscheidend", sagt Hans-Otto Pörtner vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Er hatte für den Bericht eine Arbeitsgruppe geleitet, die sich mit Folgen des Klimawandels befasste. Natürlich müsse der Beitrag der Industriestaaten "erheblich größer" sein als der von Entwicklungsländern. Das gelte auch für Deutschland.

Bislang allerdings hinkt Deutschland allen Klimazielen weit hinterher. Bis 2020 sollten die Treibhausgas-Emissionen hierzulande um 40 Prozent sinken, doch erreicht sind nur knapp 28 Prozent. Bis 2030 sollen sie sogar um mindestens 55 Prozent sinken - jeweils gemessen an 1990. Legt man die Berechnungen des IPCC zugrunde, würde Deutschland damit nicht mal einen ausreichenden Beitrag leisten, um das globale Ziel zu erreichen.

"Beispiellose Veränderungen" verlangt der Weltklimarat, auch hierzulande. Neben der Abkehr vom Kohlestrom müsste sich Deutschland im nächsten Jahrzehnt auch schrittweise von Verbrennungsmotoren verabschieden. In Gebäuden müssten alte Öl- und Gasheizungen peu à peu gegen Wärmepumpen oder Solarthermie ausgetauscht werden, die Industrie müsste ihre Prozesse so umstellen, dass weniger oder gar kein Kohlendioxid mehr entsteht, und das auch bei so energieintensiven Produkten wie Stahl, Alu oder Zement. Experimente dazu laufen schon. "Auf der physikalisch-chemischen Seite haben wir kein Problem", sagt Forscher Pörtner. Eher schon auf der psychologischen: Menschen trennten sich nur ungern von alten Techniken.

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Was für den Klimaschutz geschehen müsste, ist auch der Bundesregierung nicht neu. In der vergangenen Legislaturperiode stellte sie einen "Klimaschutzplan 2050" auf, eine Art Blaupause für den Umbau der Wirtschaft. Erstmals schrieb er auch konkrete Zielwerte für einzelne Bereiche der Wirtschaft fest, zu erreichen bis 2030. So müssten die Emissionen im Verkehr um mehr als 40 Prozent sinken - ohne Einschnitte bei Verbrennungsmotoren und im Luftverkehr wird das kaum zu erreichen sein. Die Industrie müsste noch einmal ein Viertel ihrer Emissionen mindern, in Gebäuden müssten sie um fast 40 Prozent zurückgehen. Auch die Landwirtschaft müsste klimafreundlicher werden.

Geschehen ist allerdings nur wenig. Die Koalition hat sich bislang allein die Kohle vorgeknöpft. Hier soll eine Kommission bis Ende des Jahres ein Konzept für ein planmäßiges Ende der Kohlekraftwerke vorlegen. Auch für Bau und Verkehr wollte die Koalition Klima-Pläne schmieden, aber auch hier ist kaum etwas passiert. Dabei soll schon 2019 ein Gesetz stehen, das Deutschlands Kampf gegen die Erderwärmung verbindlich machen soll. "Wir dürfen beim Klimaschutz keine Zeit mehr verlieren", sagt Umweltministerin Svenja Schulze (SPD). "Wir müssen den Abschied von Kohle, Öl und Gas hinbekommen."

Auf EU-Ebene allerdings stand die Bundesregierung zuletzt meist auf der Bremse. Ein schärferes Klimaziel wurde in Berlin abgelehnt; und wenn der EU-Umweltrat diesen Dienstag über seine Position zu künftigen Klimaschutzvorgaben für Autos entscheidet, wird der Bund für den vergleichsweise schwachen Vorschlag der Kommission stimmen. "Den Lippenbekenntnissen zum Klimaschutz folgen unentwegt Taten, die diesen torpedieren", kritisiert Sebastian Scholz, Klimaexperte beim Umweltverband Nabu. Auch das Mandat der EU für die UN-Klimakonferenz müssen die Umweltminister diesen Dienstag festzurren. Denn wenn die Staaten im Dezember im polnischen Kattowitz zusammentreffen, wird es auch um die Lücke zwischen Soll und Haben gehen. Auch die EU muss ihre Klimapläne nachbessern.

Ohnehin werfen die Befunde des Weltklimarats die Frage auf, ob es mit ein paar Regelungen hier und ein paar Regelungen da getan ist - oder nicht ganz grundsätzlich die Schädigung des Klimas teurer werden muss. "Der Ausstoß von Kohlendioxid muss einen wirksamen Preis bekommen, wenn sich etwas ändern soll", sagt Ottmar Edenhofer, kommissarischer Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Die Einnahmen könnten in die Infrastruktur fließen oder als Schecks an die Haushalte zurückgehen. "Das schafft Gerechtigkeit", sagt Edenhofer. Nötig seien jetzt "ehrgeizige Maßnahmen".

Was passiert, wenn zu wenig passiert, hat der Weltklimarat gezeigt. "Wir wissen jetzt, was mindestens auf uns zukommt", sagt IPCC-Autorin Jacob. "Und in dieser Welt leben wir mindestens eine Generation lang." Womöglich aber seien die 1,5 Grad auch nur eine Zwischenstation - auf dem Weg zu noch größeren Problemen.