Süddeutsche Zeitung

Umwelt-Beirat der Bundesregierung:FDP blockiert Klima-Experten Schellnhuber

Er ist einer der bekanntesten Klimaforscher der Welt, doch das kümmert die Liberalen nicht: Das Wirtschaftsministerium von Philipp Rösler weigert sich, den Physiker Hans-Joachim Schellnhuber erneut zum Leiter des Umwelt-Beirats zu berufen. Dessen Kollegen sind entsetzt und spekulieren über die Hintergründe.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Was seinen Rang in der Klimaforschung angeht, ist der Begriff "Koryphäe" für Hans-Joachim Schellnhuber ganz gewiss nicht zu hoch gegriffen. Seit 1992 ist er Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, das er selbst gegründet hatte. Er ist national und international x-fach ausgezeichnet, unter anderem von der Queen, er spricht zu und mit Potentaten in aller Welt. Zuletzt berief ihn EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso in einen neuen Wissenschaftler-Beirat.

Nur aus Deutschland bekommt der Physiker, einst oberster Klimaberater der Bundeskanzlerin, neuerdings Gegenwind. Genauer gesagt: aus dem Bundeswirtschaftsministerium.

Nichts geht voran

Das Haus von Minister Philipp Rösler (FDP) stemmt sich gerade mit aller Kraft gegen eine neue Berufung Schellnhubers an die Spitze des "Wissenschaftlichen Beirats globale Umweltveränderungen", kurz WBGU. Für weitere vier Jahre soll der 62-Jährige Vorsitzender des Gremiums werden, so wollen es die federführenden Bundesministerien für Forschung und für Umwelt. Eine entsprechende Berufungsliste mit Experten für den Beirat gaben die beiden Ministerien vor Wochen schon in die Ressortabstimmung: Ehe das Bundeskabinett entscheiden kann, müssen alle Ministerien zustimmen; bei vergleichbaren Gremien normalerweise eine reine Formsache. Diesmal aber geht nichts voran. Seit zwei Monaten ist der Umwelt-Beirat formal nicht mehr existent.

Nicht nur die Berufung Schellnhubers, auch die des Ökonomen Uwe Schneidewind stößt dem Vernehmen nach auf Vorbehalte. Er leitet das Wuppertal-Institut, einen weiteren Klima-Thinktank. Nach SZ-Informationen schlägt das Ministerium als Alternativen für Schellnhuber und Schneidewind zwei Wirtschaftswissenschaftler vor: den Kölner Professor Axel Ockenfels und den Magdeburger Umweltökonomen Joachim Weimann. Beide beschäftigen sich vor allem mit experimenteller Ökonomie. Ziel sei es, die Diskussion innerhalb des Gremiums zu beleben, heißt es in Kreisen des Ministeriums.

"Große Transformation" zu groß

Allerdings dürfte es auch um die politische Ausrichtung des Beirates gehen; sie war Röslers Strategen schon lange suspekt. In seinem letzten großen Gutachten war das neunköpfige, interdisziplinäre Gremium 2011 für eine "große Transformation" eingetreten - hin zu einer Welt jenseits fossiler Energie. In früheren Arbeiten hatte es unter anderem vorgeschlagen, in der Klimapolitik mit festen Emissionsbudgets zu arbeiten.

Seinerzeit kam das der indischen Regierung entgegen, nicht aber den Industriepolitikern im Rösler-Ressort. Der jüngste Bericht, in dem sich die Wissenschaftler mit dem Zustand der Weltmeere befassten, harrt seit Monaten seiner Veröffentlichung: Termine im März und im April verstrichen, nun soll der Bericht im Juni vorgelegt werden. Aber von wem?

Schellnhuber selbst wollte sich zu dem Vorgang nicht äußern. Bei seinen Kollegen im Beirat aber ist das Entsetzen groß. "Er bringt eine unschätzbare Erfahrung mit", sagt der Essener Kulturwissenschaftler Claus Leggewie. "Schellnhuber treibt Wissenschaftler der verschiedensten Disziplinen zu Erkenntnissen." Und auch aus dem Bundesumweltministerium erfahren die Forscher Schellnhuber und Schneidewind Rückendeckung. "Auf unsere Vorschläge", sagte ein Sprecher, "werden wir nicht verzichten."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1663283
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 02.05.2013/mati/webe
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.