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Protest gegen Stuttgart 21:Wie sich der Widerstand selbst schwächt

Der schon tot gesagte Protest gegen Stuttgart 21 lebt, und zwar mehr als den Projektplanern lieb ist. Aber wenn er so aussieht wie zuletzt und auf einen Polizisten einschlägt, dann lebt der Widerstand auf die falsche Weise - und könnte seine Legitimation verlieren.

Der Widerstand lebt", sagen die Anführer des Protests gegen Stuttgart 21. Sie sagen es mit verständlicher Genugtuung, weil ihr Widerstand schon totgesagt worden war in den Zeitungen. Ja, der Widerstand lebt. Ja, er ist lebendiger, als es den Projektplanern lieb ist. Aber wenn er so aussieht wie zuletzt, wenn er es also knallen lässt und auf einen Polizisten einhaut, dann lebt der Widerstand auf die falsche Weise. Kein Bahn-Chef und keine Planungsgruppe kann den Protest ins Unrecht setzen - das kann er nur selbst, wenn er sich nicht mehr im Griff hat und gewalttätig wird.

Der Protest gegen Stuttgart 21 schöpft bisher seine Kraft aus seiner unverdrossenen Dauer, seiner konzentrierten Nachhaltigkeit, seiner sachkundigen Bürgerlichkeit - und auch daraus, dass er zwar selbst ziemlich friedlich blieb, dass aber die Staatsgewalt am 30. September 2010 zu höchst unfriedlichen Mitteln griff. Dieser Tag hat Stuttgart verändert, dieser Tag speist den Protest gegen Stuttgart 21 bis heute. Die Bilder der damaligen Polizeigewalt haben landesweit Sympathien für die Protestierer befördert. Diese Bilder könnten ausgelöscht werden durch Bilder von gewalttätigem Protest. Es hülfe dann den Protestierern gar nichts, sich damit zu verteidigen, dass die Gewalt doch von der Bahn oder von der Polizei provoziert worden sei. Wer sich verteidigen muss, der ist in der Defensive. Bisher war und ist es die Bahn.

Ein Projekt, das sich in zehn Jahren nicht durchsetzen kann, ist es eigentlich nicht wert, dass man es durchsetzt - das sagt einem die politische Vernunft. Aber wenn der Widerstand gegen das Projekt seine Vernunft verliert, dann verliert er auch die Legitimation, die andere Seite an ihre Vernunft zu erinnern.

© SZ vom 22.06.2011/aho
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