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Umstrittener Staudamm in der Türkei:Trockenzeit im Garten Eden

Türkische Wissenschaftler gegen Ilisu-Staudamm

Wenn das Wasser kommt, wird nichts bleiben von den mächtigen mittelalterlichen Brückenpfeilern im Tigris und den Mausoleen in der Felsenstadt Hasankeyf. 

(Foto: dpa)

Nur noch das Minarett wird aus dem Wasser ragen: Die Türkei treibt den Bau des Ilisu-Staudamms nahe der Felsenstadt Hasankeyf vehement voran. Jetzt zieht sich die PKK aus der Gegend zurück - und Naturschützer schöpfen neue Hoffnung.

Die Tochter des Häuptlings trägt rote Farbe im Gesicht und Joshua Lonyaman Angelei hat sich einen topfartigen schwarzen Kopfputz aufgesetzt, mit einer langen wippenden weißen Feder drauf. Aus Höflichkeit gegenüber den Gastgebern hat Joshua eine Hose angezogen zu dem karierten Wickeltuch um seinen Leib. So stehen der Mann aus Afrika und die Frau vom Amazonas nun in dieser Einöde aus kahlrasierten Hügeln im Kurdenland, tief im türkischen Südosten, und behindern für genau 33 Minuten den Weiterbau des Ilisu-Staudammes.

So lange gelingt es ihnen, die Baustelleneinfahrt zu blockieren. Der Ilisu-Damm ist so umstritten wie das Belo-Monte-Wehr im brasilianischen Regenwald und Dämme in Äthiopien, vor denen sich die Menschen am Turkana-See in Kenia fürchten. Deshalb protestieren Joshua und Häuptling Megaron Txucarramae vom Stamm der Kayapo und seine Tochter Mayalu mit der roten Farbe im Gesicht nun in der Türkei. "Wir leben schließlich in einer globalisierten Welt", sagt Joshua, "weil die Natur global ist."

Drei Betonlaster müssen an der Sperre warten, die Fahrer nehmen es gelassen. Arbeiter zücken ihre Handys und filmen den friedlichen Protest. "Für unsere Staudamm-Webseite", sagt einer. Irgendwann heißt es, die Verantwortlichen hätten das Militär gerufen. Bevor ein Uniformierter eintrifft, packen Joshua und die Aktivisten von "Doga Dernegi", der türkischen Umweltstiftung, ihre Plakate wieder ein.

Vom Frieden ermutigt

Es ist das erste Mal, dass die türkischen Naturschützer eine solche Blockade wagen. Der frische Frieden im Kurdengebiet hat sie ermutigt. Seit Monaten verhandelt die türkische Regierung mit der militanten kurdischen PKK. Am 8. Mai hat die PKK mit dem Abzug in den Nordirak begonnen, nach 30 Jahren blutigem Kampf. Vom Ilisu-Damm hieß es hinter vorgehaltener Hand, er solle eine Barriere gegen die aufständischen Kurden bilden und Hunderte Höhlen in der Felsenstadt Hasankeyf unter Wasser setzen. Damit sich die Kämpfer dort nicht verstecken könnten.

Eine Autostunde liegt zwischen dem Örtchen Ilisu, wo die Staumauer wächst, und Hasankeyf. Bis dorthin wird der See reichen, den der Tigris bilden soll. Der Fluss hat sich tief in den sonnengelben Sandstein gegraben. Schon vor 12 000 Jahren sollen hier Menschen gesiedelt haben. Wenn das Wasser kommt, wird nichts bleiben von den mächtigen mittelalterlichen Brückenpfeilern im Tigris und den Mausoleen. Nur die Spitze des schlanken mehr als 600 Jahre alten Minaretts der Er Rizk Moschee mit dem Storchennest obendrauf wird aus dem Wasser ragen.

Die Regierung hat vermieden, Hasankeyf auf die Liste des Unesco-Welterbes setzen zu lassen - wohl um den Staudamm nicht zu gefährden. Das höchste türkische Verwaltungsgericht hat am 7. Januar entschieden, dass er nicht weitergebaut werden darf, weil gesetzlich vorgeschriebene Studien zu den Umweltfolgen fehlen. Den Prozess hatte die Architekten- und Ingenieurkammer angestrengt. Am 5. April änderte das Umweltministerium die Vorschriften, um das Urteil zu umgehen.

"Wir geben aber nicht auf", sagt Dicle Tuba Kilic, die Kampagnenchefin von Doga Dernegi. Die Physikerin hat den kurdischen Vornamen Dicle, wie auch der Tigris in der Türkei heißt, zu ihrem Namen hinzugefügt. Kilic und ihre Freunde haben vor Joshua und Mayalu auch schon Tarkan, den einzigen Weltstar des türkischen Pop, nach Hasankeyf gebracht. Fatih Akin, der türkisch-deutsche Filmregisseur, hat ein Musikvideo gedreht. Alles, um auf den drohenden Untergang des Kleinods am Tigris aufmerksam zu machen.