Umstrittene Abschiebung in Niedersachsen:Die Mutter leidet unter schweren Depressionen

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Es geht um den Fall der Familie von Ahmed Siala, Gazale Salame und ihrer vier Kinder. Vor mehr als sieben Jahren wurde die Familie auseinandergerissen, als aufgrund einer Anordnung des Landkreises Hildesheim die schwangere Gazale Salame und ihre zweijährige Tochter Shams in die Türkei abgeschoben wurden. Seither lebt die Familie getrennt: der Vater und die Töchter Amina und Nura in einem Dorf bei Hildesheim, die Mutter mit Shams und dem inzwischen geborenen Jungen Ghazi in Izmir.

Beide, Ahmed Siala und Gazale Salame, waren in den achtziger Jahren zusammen mit ihren Familien als Flüchtlinge aus Beirut nach Niedersachsen gekommen und hatten Bleiberecht erhalten. Später hieß es jedoch, die Familien hätten sich als "Scheinlibanesen" ihr Bleiberecht durch eine Täuschung erschlichen, sie seien in Wahrheit Türken. Obwohl Ahmed Siala und Gazale Salame zum Zeitpunkt ihrer Flucht nach Deutschland erst sechs und fünf Jahre alt waren, sollten sie für ein lange zurückliegendes, angebliches Vergehen ihrer Eltern büßen. Es drohte ihnen die Abschiebung, im Fall von Gazale Salame wurde sie am 10. Februar 2005 vollzogen.

Niedersachsen ist bekannt für seine gnadenlose Flüchtlingspolitik, doch dieser Fall bewegt die Gemüter wie kaum ein anderer. Man sieht das an den vielen Verbänden und Organisationen sowie an den zahlreichen Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, die sich in der Sache Siala/Salame an McAllister gewandt haben. Hinzu kommen Hunderte Bürger, die sich Appellen und Petitionen angeschlossen haben.

Man weiß, dass es Gazale Salame in der Türkei sehr schlecht geht, dass sie unter schweren Depressionen leidet und suizidgefährdet ist. In einem Brief an Ministerpräsident McAllister schreibt sie: "Bitte, ich bin mit meiner Kraft am Ende. Ich habe unendliche Sehnsucht nach meinen Kindern. Ich will nicht sterben, bevor Sie, Herr McAllister, mir die Rückkehr nach Deutschland erlauben, damit ich noch einmal meine Kinder riechen und umarmen kann."

Heiko Kauffmann, Vorstandsmitglied der Flüchtlingsorganisation Pro Asyl, spricht von der "Zermürbung und Zerstörung einer Familie". Er kritisiert vor allem, dass man in Niedersachsen gegen die Bestimmungen der seit Kurzem auch in Deutschland ohne Einschränkung geltenden Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen verstoße. Danach muss bei allen Maßnahmen und Entscheidungen, die Minderjährige betreffen, das Kindeswohl "vorrangig" berücksichtigt werden. Stattdessen seien den Kindern im Fall Siala/Salame "schwere Traumata" zugefügt worden.

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