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Umfrage in 142 Ländern:Die Sorgen der Welt

September 25, 2020, Barcelona, Catalonia, Spain: Environmental activists demonstrate against climate change. Fridays Fo

Ein Protest gegen die weltweite Klimapolitik in Barcelona. Die Sorge vor dem Klimawandel ist in Spanien mit am größten.

(Foto: Matthias Oesterle/imago images)

Ernährung, Katastrophen, "Fake News": Eine groß angelegte Studie untersucht, wovor die Menschen weltweit Angst haben und wie gerechtfertigt das ist. Die Antworten sind teils überraschend.

Von Markus C. Schulte von Drach (Text und Grafiken)

Für die Erfahrungen mit der Coronapandemie waren die Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Gallup aus Washington D.C. zu früh. Trotzdem geben die nun veröffentlichten Ergebnisse ihrer Umfrage im Auftrag der britischen Lloyd's Register Foundation aus dem Jahr 2019 einen umfassenden Eindruck davon, worüber sich die Menschen weltweit Sorgen machen - etwa die Bedrohung durch den Klimawandel, eine ausreichende Ernährung oder etwa die Vertrauenswürdigkeit von Infomationen im Internet. Insgesamt mehr als 150 000 Menschen hat das Institut befragt, die Ergebnisse zeigen die unterschiedliche Wahrnehmung solcher Risiken in 142 Ländern.

So hielten weltweit insgesamt etwa 69 Prozent der für die "World-Risk-Poll" Befragten die Erderhitzung für eine ernste oder sogar sehr ernste Bedrohung. 13 Prozent aber meinten, die Veränderung des Klimas sei überhaupt nicht bedrohlich - trotz aller Warnungen der Fachleute. Und fast ein Fünftel hatte dazu keine Meinung.

Gerade in jenen Staaten, die absolut gesehen die größten Mengen von Kohlendioxid in die Atmosphäre blasen, sehen diese Zahlen noch etwas anders aus. In China, das mit 28 Prozent an den Gesamtemissionen der mit Abstand größte Verschmutzer der Atmosphäre ist, sahen nur 59 Prozent der Bevölkerung den Klimawandel als ein echtes Problem. 29 Prozent dagegen räumten ein, keine Antwort auf diese Frage zu haben. In den USA, dem Land mit dem zweitgrößten CO2-Ausstoß, war zwar der Anteil derjenigen, die sich Sorgen machen, mit 73 Prozent größer. Dafür sah ein weiteres Fünftel der Bevölkerung im Klimawandel überhaupt kein Problem. Ähnlich viele Menschen hielten es so in Indien.

So lange die Zweifel in diesen Ländern so groß sind, wird es schwierig bleiben, den Menschen zu vermitteln, dass gravierende Veränderungen notwendig sind, um zu verhindern, dass die Atmosphäre sich auf mehr als 1,5 - 2 °C im Vergleich zu den vorindustriellen Temperaturen aufheizt. Dies ist schon schwer genug in Staaten wie Deutschland, wo immerhin 55 Prozent im Klimawandel eine sehr ernste Bedrohung sahen, und weitere 34 Prozent ihn zumindest für etwas bedrohlich hielten.

Die größten Sorgen, dass die Klimaveränderung in den kommenden 20 Jahren eine ernsthafte Bedrohung darstellt, machten sich der Umfrage zufolge die Chilenen (87 Prozent) und die Spanier (85 Prozent der Befragten). Erstaunlicherweise sind die Zahlen in Ländern, die gemeinhin als besonders gefährdet gelten, teilweise deutlich kleiner. In Bangladesch etwa, das bereits jetzt regelmäßig von Überschwemmungen heimgesucht wird, sahen lediglich 29 Prozent im Klimawandel ein sehr ernstes Problem.

In vielen Staaten auf dem afrikanischen Kontinent, der als besonders gefährdet gilt, scheinen die Menschen sich über andere Dinge mehr Sorgen zu machen - was auch daran liegen könnte, dass viele Befragte keinen ausreichenden Zugang zu den entsprechenden Informationen haben. Nur in Malawi und Lesotho lag der Anteil derjenigen, die im Klimawandel eine sehr ernste Bedrohung sehen, bei mehr als 70 Prozent. In einigen Ländern fanden allerdings keine Befragungen statt, etwa im Sudan und der Demokratischen Republik Kongo.

Verunreinigte Nahrung und verseuchtes Wasser

Sehr viele Menschen haben Angst, dass ihre Nahrungsmittel oder ihr Trinkwasser ungesund sind. Der Umfrage zufolge waren es 2019 in Bezug auf die Ernährung 60 Prozent, auf Wasser 51 Prozent. 17 Prozent gaben an, in den zwei Jahren zuvor durch Nahrung selbst Schaden genommen zu haben oder persönlich jemanden zu kennen, für den das zutrifft.

Hoch gerechnet wären das etwa eine Milliarde Menschen. Das wären mehr als die etwa 600 Millionen Kranken und drei Millionen Toten, die die Vereinten Nationen jährlich auf Keime, Pestizide oder Chemikalien in Nahrungsmitteln zurückführen. Am häufigsten berichteten Menschen in Ostafrika und dem Nahen Osten von schädlichen Nahrungsmitteln und ungesundem Trinkwasser.

Gefahren am Arbeitsplatz

Für viele Menschen ist die Arbeit gefährlich. 23 Prozent der befragten Männer gaben an, wenigstens einmal ernsthaft verletzt worden zu sein, bei den Frauen waren es 14 Prozent. Am gefährlichsten sind dabei Arbeitsplätze in der Landwirtschaft und Fischerei in den Entwicklungsländern. So gaben etwa in Sierra Leone fast 70 Prozent der Arbeiterinnen und Arbeiter an, schon verletzt worden zu sein.

"Fake News"

Extrem weit verbreitet ist die Sorge, im Internet falsch informiert zu werden. Weltweit gaben 57 Prozent der Befragten an, "Fake News" seien ein großes Problem. Besonders groß war die Sorge in Regionen mit ungleich verteilten sozioökonomischen Ressourcen sowie ethnischen, religiösen oder politischen Konflikten.

Reale Schäden und die Angst davor im Alltag

Mit ihrem Schadens-Index versuchen die Fachleute zu messen, wie sehr die Menschen in den verschiedenen Ländern durch eine Reihe alltäglicher Gefahren gelitten haben, etwa Unwetter, Gewaltverbrechen, verunreinigte Nahrungsmittel und Trinkwasser oder die Stromversorgung.

Die Befragungen zeigten, dass die Bevölkerung in Liberia am stärksten unter solchen Risiken leidet, gefolgt von Sambia, Mosambik, Malawi und Uganda. Am sichersten sind demnach die Menschen in Usbekistan, Singapur, Turkmenistan, Polen und Bulgarien. Deutschland kommt hier auf Rang 105 von 142, ist also ebenfalls sehr sicher.

Der Sorgen-Index, der auf den Befragungen beruht, zeigt, dass sich weltweit 34 Prozent in ihrem Alltag wegen möglicher Unwetterkatastrophen Gedanken machten, 32 Prozent wegen möglicher Gewaltverbrechen. 21 Prozent sorgten sich wegen der Nahrungsmimttel und 18 Prozent wegen möglicher Verunreinigungen des Trinkwassers. Die Angst vor alltäglichen Gefahren - gemessen mit dem Sorgen-Index - war am geringsten in Schweden und Singapur. In Mosambik, Malawi, Guinea, Gabun und Lesotho waren die Sorgen am größten.

Bei weitem nicht immer passte die Häufigkeit der Sorgen mit der Verbreitung realer Schäden zusammen. In einer Reihe von Ländern tat sich deutliche eine Lücke zwischen den Risiken und der Wahrnehmung auf. Die Mongolei, Myanmar, Zypern, Chile und Südkorea könnten dementsprechend als "over-worriers" (etwa "übermäßige Sorgenmacher") betrachtet werden. In anderen Ländern war die Lücke zwischen Sorgen-Index und Schadens-Index nur klein. Dazu gehörte etwa Schweden.

Deutschland kam auf dem Sorgen-Index immerhin auf einen Wert von 36.3 - und damit auf Platz 100. In mehr als 40 Ländern machten sich die Menschen also mehr Sorgen als hierzulande. Auf dem Schadens-Index kam Deutschland lediglich auf auf 12,5 und den Rang 105 - auch hier übertreibt es die Bevölkerung also wohl ein wenig mit der Angst. So gaben zwar immerhin 13 Prozent an, durch ein Gewaltverbrechen Schaden erlitten zu haben. Fast ein Viertel aber befürchtete, dass es in den nächsten zwei Jahren dazu kommen würde.

Viele Menschen leiden weltweit unter Kriegen und gewaltsamen Konflikten, die täglich Tote und Verletzte fordern. Die Angst davor wurde in dieser Studie nicht berücksichtigt. In vielen Konfliktregionen kommen die Sorgen, um die es in der Umfrage ging, demnach noch dazu. Dafür beleuchtet die Studie einige Aspekte, die sonst häufig übersehen werden - das Risiko etwa, dem Menschen bei der Arbeit ausgesetzt sind. Wie sich die Coronapandemie auf die Wahrnehmung auswirken wird, werden möglicherweise die zukünftigen Gallup-Umfragen zeigen. Das "World-Risk-Poll"-Projekt ist auf zehn Jahre ausgelegt, 2021 sollen die nächsten Interviews mit Menschen in aller Welt stattfinden.

© SZ.de/bepe
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